Bert Papenfuß 69

Der zweite Geburtstag nach seinem zu frühen Tod. Weiter mit der Papenfußserie: aus jedem seiner Bücher ein Gedicht. 1993 erschienen die ersten drei Bände einer Werkausgabe in Gerhard Wolfs Januspress. Band 3, harm, war schon 1985 als sein erstes Buch erschienen und nun nur 8 Jahre später Teil einer Werkbilanz. Entstanden sind die Texte dieses Bandes 1977. Ich wähle ein Gedicht aus, das den Titel „richtung zeitgenoessischer dichterdichtung“ trägt. Es ist nicht so sehr eine Kritik des jungen Dichters an der ihn umgebenden Dichtung als eine Darstellung seines und seiner Freunde Platzes darin, denn die aufgezählten „richtungen“ beziehen sich darauf, Begriffe wie „schminktischgedichte“ und „ferdichtungen“ finden sich als eine Art Gattungsbezeichnung seiner eigenen Texte in diesem Band wieder. Der junge Mann weiß, dass er nicht einfach „Gedichte“ schreibt. Das Widmungsgedicht zählt nicht weniger als 8 Textsorten oder Gattungen auf, von denen nur ein kleiner Teil von ihm „gedichte“ genannt wird. Der junge Mann ist selbstbewusst, er kennt die „richtung“ – aber auch Selbstironie ist ihm nicht fremd.

richtung zeitgenoessischer dichterdichtung

fliessbandelegien legen
fahrzeitueberbruekken bauen
kriminalsonette spinnen
schminktischgedichte lidstreichen
rocklyrics produtsieren
unfallmelodramen flennen
rezepterzaehlungen ferschreiben
pornografie fergutachten
ferdichtungen ausklammern

usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich geschrieben haette
usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich nicht die richtung wuesste

wueste

Aus: Bert Papenfuß: harm (Gesammelte Texte 3). Berlin: Januspress, 1993, S. 12

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