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Raja Lubinetzki
Was erhoffst du zu finden? Eine Arbeit,
die in der Trauer noch grinst, eine fetzige Bockwurst
oder eine Schießbude auf dem Jahrmarkt,
ein neues Kaufhaus, eine verräucherte Pommefritzbude
oder ein Dichterlokal, einen Sack voll Nüsse
oder ein Glas Doppelkorn, eine Steghose,
einen Schlittschuh oder eine Schneeflocke,
die nicht mehr tanzt, ein Zentimetermaß, einen Sohn,
einen Neffen oder einen Opa, die verlorene Zeit,
einen Trunkenbold oder eine Serviette,
einen Fahrplan oder die verlorene Liebe,
einen Weckrufalarmwecker oder den neuesten Stand
eines Graffittis, eine Brigitte, einen Schnellhefter
oder eine elektrische Schreibmaschine, ein Luftbläschen
oder eine Emotion, einen Lehrer oder eine Schule,
eine Ausstellung oder eine den Kaffeesatz auf dem Tisch
verschmierende pinselnde Biene.
Wie ein Tourist denkst du, die weißen Fahnen
flattern schon wie Segel, ein Mova oder eine abgewetzte
Jeans für hundert Mark, einen Marabu oder ein Duschgel,
einen Stammplatz oder eine Wiese, die in der Nähe
noch leuchtet vom glitzernden Tautropfen in der Morgenstille
bewacht, einen Löwen oder einen Held, eine
Seidenraupe oder einen ....
Der Blick ändert sich. Die Zeit bleibt stehen.
Der Juli war am Gehen, der August ist vorbei.
Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Ditzingen: Reclam, 2020, S. 652
Raja Lubinetzki (geb. 1962) absolvierte eine Lehre zur Schriftsetzerin, erlernte die Bildhauerei und war Mitglied der Ostberliner Kunstszene in Prenzlauer Berg. Nachdem sie dort zunehmenden Repressionen ausgesetzt war und kurzzeitig inhaftiert wurde, konnte sie 1987 aus der DDR ausreisen. Auch heute lebt Lubinetzki in Berlin, wo sie bildkünstlerisch und lyrisch tätig ist.
Ebd. S. 738
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