Die Stadt

Hans Ehrenbaum-Degele 

(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 am Narew)

Aus dem Zyklus "Die Stadt"

Eins ans andere schwach und morsch gelehnt
Hocken Häuser grau am Straßenrand.
Holperpflaster sinkt in gelben Sand.
Fernen Kieferwäldern zugewandt,
Ist die Stadt verebbend ausgedehnt.

Kohlenwagen, Leierkastendrehn,
Bauplatz, Gärtnereien, endlos Planken.
Wolken, die am Ruß der Essen kranken,
Treiben fort in traurigem Verwehn.

Armut fault aus Kellerlukenmund.
Jedem Kind, das gliederschwach begegnet,
Sind die Haare zottig wie verregnet
Und die Augen trüb und tief und wund.

Und die Fraun gehn schwanger ohne Stolz
Und mit faltigen, vergrämten, bleichen
Angesichtern, die sich alle gleichen.
Grau und traurig muß der Tag verstreichen.
Ganz gelassen falln zuletzt die Leichen
In den schwarzlackierten Kasten Holz.

Aus: Hans Ehrenbaum-Degele (1889-1915): DAS TAUSENDSTE REGIMENT und andere Dichtungen. Mit einem Nachwort hrsg. von Hartmut Vollmer (Vergessene Autoren der Moderne XXII. Hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha, Universität-Gesamthochschule Siegen) Siegen 1986, S. 15

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