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Volha Hapeyeva
(belarussisch Вольга Гапеева, deutsch ‚Wolha Hapejewa‘, englisch Volha Hapeyeva; * 1982 in Minsk)
monolog eines buchs
du steckst mich hinten in den schrank
zwischen andere gut genutzte bücher
damit ich meinen wahren platz erkenn
mich nicht aufführe wie
eine prinzessin
ich öffne die augen und seh
es wird eng für mich
im schrank hinterste ecke
zwischen anderen dickleibigen büchern
ich warte auf die berührung deiner finger
weil der leser eine art gott ist
er entscheidet mit wem er die nacht verbringt
wenn du von geburt her das glück hast schön zu sein
könntest du ein liebling werden
oder sogar das hausbuch
wenn nicht – stehst du nur da und staubst ein
wenig beneidenswert das schicksal eines buchs
du wirst gewählt gekauft dann ausgetauscht
teil einer sammlung
schon in ordnung du bist nur ein ding
wie jedes gute ding hast du zu dienen
zur unterhaltung bildung erziehung
oder dazu köstliche mahlzeiten zuzubereiten
andernfalls
kommst du ins altpapier
oder gott bewahre wird der ofen mit dir geheizt
oder man wird dich in bibliotheken geben
und du wirst ein öffentliches buch
ohne zuhaus
das man für einige zeit für geld entleiht
dann zurückgibt oder verliert
auf öffentlichen plätzen
so gefährlich ist das schicksal eines buchs
schon in ordnung weil du nur ein ding bist
weil du bloß wort bist
mit dem falschen grammatischen geschlecht
Aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf Mit einem Nachwort von Matthias Göritz. Mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 31f
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