Gegen-Gestirn

Beim Suchen nach einem Gedicht für heute stieß ich auf ein altes Heft der legendären Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“, Untertitel „Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler“. 2004 erschien Nummer 23, gewidmet diversen Spielarten experimentellen Übersetzens, im Inhaltsverzeichnis liest man Begriffe wie Unübersetzbarkeit der Metapher (Frey), Gedicht für Übersetzer-Studentn (Kling), schlampige Schätzungen (Hammerschmid), Nachbild (Ledebur), Gegen-Gestirne (Rinck), Ikten (Schestag), Paume (Jackson), Inner- und Zwischensprachliches Übersetzen (Ingold), Umdichten (Prammer). Deutschsprachige Autoren widmen sich auf diversen Wegen italienischen und französischen Dichtern. Monika Rinck befasst sich mit dem französischen Dichter Jules Laforgue (1860 in Montevideo als Sohn französischer Eltern geboren, genau heute vor 164 Jahren). Genauer mit einem Gedicht Laforgues, dem sie in sehr jungen Jahren bei Julio Cortázar begegnet war, ein Sternbild des Nichtwissens entstand daraus, und eine zwischen die Zeilen geschriebene Übersetzung „in sehr junger Schrift“. Rinck teilt nicht ihren damaligen Versuch mit, sondern sie reagiert / paraphrasiert / reflektiert / hält dagegen aus der Differenz von 20 Jahren. Ich gebe den Originaltext von Laforgue und eins von Rincks Echos. Wer mehr will, frage in der Bibliothek seines Vertrauens: Was, ihr habt diese wichtige Zeitschrift nicht?!

Jules Laforgue

Encore à cet astre


Espèce de soleil ! tu songes : – Voyez-les,
Ces pantins morphinés, buveurs de lait d'anêsse
Et de café ; sans trêve, en vain, je leur caresse
L'échine de mes feux, ils vont étiolés ! –

– Eh! c'est toi, qui n'as plus que des rayons gelés !
Nous, nous mais nous crevons de santé, de jeunesse !
C'est vrai, la Terre n'est qu'une vaste kermesse,
Nos hourrahs de gaîté courbent au loin les blés.

Toi seul, claques des dents, car tes taches accrues
Te mangent, ô Soleil, ainsi que des verrues
Un vaste citron d'or, et bientôt, blond moqueur,

Après tant de couchants dans la pourpre et la gloire,
Tu seras en risée aux étoiles sans cœur,
Astre jaune et grêlé, flamboyante écumoire !
Monika Rinck

denk dir, espèce de soleil

etwas nicht können, ganz vorsichtig gleiten die kuppen
darüber, listen, linien, wie wispernd: es nicht können,
wispert ihr echo noch: wieder nicht, denk dir, lentement,
denk dir, das erste als erstes, denke, du ließest mich denn,
stille driftend, ungesegnet, dahin, wo die sichel sich senkt,
la lune grêle, unmerklich bewegt, in der geste zur erde
wispert struktur: es wieder nicht können. linde, sedierte,
linierte köpfchen, die gerundeten spitzen, diese, deine.
netze denke, leichthin gewebtes, lockere versehrliche fäden.
und löst sich die zum triftigen knäuel gewickelte gegend,
entrollen sich schnüre, der lauf des verbliebenen garns,
weist hinab, entlang dieses weges, im märchen, ins tälchen.

Aus: Zwischen den Zeilen #23. Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer. Oktober 2004, S. 237 / 239

3 Comments on “Gegen-Gestirn

  1. Da pauschal die „Albernheit“ von Monika Rinck inkriminiert wurde, wäre es sicher sinnvoll, en détail auf einen Aufsatz dieser theoretisch doch sehr versierten Dichterin einzugehen. Erschienen in Edit Nr. 61 (2013), Titel: „Das Alberne hat Glück“ … Eine dt. Tageszeitung schimpfte damals, das sei „parasitär“.

    Nicht jedes Poem der Kollegin lässt mich jubilieren, aber es gab während meiner Zeit am DLL letztlich kein Seminar zur Gegenwartslyrik, in dem weniger mit Scheuklappen gestritten wurde als in dem von Rinck angebotenen. Und es gibt wenige Dichterinnen ihrer Generation, die so eloquent und scharfsinnig Auskunft übers eigenen Tun geben wie Monika Rinck. Sie macht sich damit angreifbar, aber man sollte sich dann auch mit ihren Thesen und Argumentationen auseinandersetzen, nicht mit einem Popanz. Man gerät sonst leicht auf den Leim.

    Warum wird nur gegen Ansätze von drei Dichterinnen gefrotzelt? Taugt ausgerechnet Botho Strauß als Gewährsmann, wenn es um die Volkstümlichkeit von Poesie geht? War sie das je: Volkstümlich? Wann?

    Um Zweifel zu streuen, werden Namen herangezogen und Halbzitate von vermeintlichen Autoritäten. In diesem Stil ließe sich zurückfragen: Ist Niklas Luhmanns Schule nicht auch sehr in Verdacht, Unklarheiten durch esoterische Muster zu fabrizieren? Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang dankbar an das von Rinck betriebene https://begriffsstudio.de

    Seit wann ist der Einsatz von Ironie im poetisch-essayistischen Text kein Zeichen mehr von Intelligenz? Intelligenz ist ja kein Salz, ein Zuviel an Ironie müsste demnach nur ein schlichtes Gemüt fürchten.

    Wie erklärt sich J. Anders, dass ausgerechnet der sehr volkstümliche Heinz Erhardt für sie, Rinck, eine Inspirationsquelle ist? Die Kenntnis des kritischen Diskurses zur ´Unsinnspoesie´ (K.P. Dencker) und die stark pulsierende Traditionslinie komischer Lyrik mindestens seit Christian Morgenstern setze ich in diesem Zusammenhang als bekannt voraus. Inwieweit hätte sich Lyrik also eher auf ´Seriösität´ oder das ´Erhabene´, anstatt auf Komisierung, zu verpflichten? Wem nach Weihe ist, dem wird mit Gedichten „en plein air“ (G. Falkner) doch geholfen. Es gibt aber, zumindest außerhalb von Dresden, nicht die e i n e gültige Strömung innerhalb der Gegenwartslyrik. Es gibt Fehlentwicklungen, Reste von Feudalität etwa (Lyrikpreise, statt mehr Stipendien; prekäre Produktion; mitteextremistische Zensur; Nepotismus; Vergruppung). Die Vielgestaltigkeit der Poesielandschaft in Deutschland ist nun gerade kein Fehler im System.

    Was bringt es, via Kommentarfunktion in einem Pantheon der modernen Poesie, das L&Poe nun einmal ist, gegen die sehr unterschiedlichen, auch unterschiedlich ergiebigen, Literaturbegriffe von Monika Rinck, Ann Cotten, Carolin Callies anzuschreiben? Den Neid- und Narzissmus-Verdacht einmal beiseite lassend: Alle genannten Dichterinnen sind, wie es im Betriebsjargon heißt, ´durchgesetzt´. Daran ändert ein Kommentar hier doch nichts. Wer Schlager will, schaltet´s Radio ein, die rechte Frequenz ist schnell gefunden; wobei … nix gegen Schlager: Ich muss plötzlich an ein sommerlich leichtes Lied von Rainhard Fendrich denken. Wer aufmerksam las, kommt von selbst drauf. Der Ohrwurm war ganze dreißig Wochen in den Charts (mehr Volkigkeit geht nicht), und zwar in einem Land, dessen „Volk“ schon qua Hymne „begnadet“ ist „für das Schöne“.

    Ideologie bleibt sich treu, und ist doch immer eine höchstpersönliche Angelegenheit. Zu jeder Zeit hat jeder (immer: m/w/d) die Wahl, den Eintritt in den BS-Club zu verweigern. Nicht leicht, aber notwendig.

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  2. ‚Ein Sternbild des Nichtwissens‘: Das ist mal gut auf den Punkt gebracht! Denn: Was soll das?

    Ich verstehe, dass es hier wohl weniger um Übersetzung als um Überschreibung, oder, von mir aus, um Nachdichtung, gehen soll. Aber wo bleiben da Haltung, die interessanten Konkretheiten, Impuls und Drehmoment des Originals?? Wo ist jetzt der Spleen des Gedichts?

    Allein schon die Sonettform mir nichts dir nichts in diese Verschleifungen von semantischem Brei aufzulösen, der nichts hinzufügt, sondern eher nur diese Geste der Aneignung ausstellt, die sich heute jeder vermeintlich Moderne gegenüber allem Tradierten erlauben kann!

    Ich gebe zu, ich bin auch sonst kein Freund dieser Rinck’schen Gedankenfluchten, ihrer albernen Einfälle und getüftelten Assoziatiönchen. Überhaupt: Gegen die heute unablässig plätschernden weiblichen ‚Ströme‘, zurück zum männlichen ‚Gedankenpanzer‘! Zurück zum Beton! (Oder so ähnlich.)

    Aber ernsthaft – und auf die Gefahr hin, hier böse Miss-Verstanden zu werden: Diese ganze unselige Mayröcker-Schule – hochstudierte Frauen, die hochgezüchteten Eigensinn und Elaboration als vermeintlich ureigene Wunderlichkeit an Sprachschöpfung auf einem eh schon abgelegenen Markt ausstellen – sagt mir immer weniger. Nur vermeintlich erweitert sie die Möglichkeiten der Disziplin und verkürzen sie auf die manieristische Person. (Die dann wiederum blutarmen Akademismus bemüht, eine ‚Position‘ zu behaupten und ihrerseits entlegene Zeugen dafür aufzurufen … und so weiter.)

    Sicher, das ist eh alles nur Nischenwesen und die Poeten betreiben ihren arg subventionierten B-to-be-Verkehr. Sicher, nach Luhmann wäre eben das die Kunst: ‚Plausibilisierung der individuellen Abweichung‘. Aber was ist mit dem ‚Verdacht, der Dichter habe letztlich nichts, aber auch gar nichts mehr mit seinem Volk zu tun‘ (Botho Strauß in seiner Büchner-Preise Rede, 1989 … gegen den sich sicherlich viel einwenden ließe, aber sicher nicht, dass er die Kunst verachtet).

    Mein Eindruck seit Längerem ist, all diese Carsons und Cottons und Callies (von denen ich zwischendurchaus das eine oder andere schätze) unterminieren zuletzt sämtliche Verbindlichkeiten an Formen, fragmentieren alles und jedes und lösen die kommunikativen Kräfte der doch zu verdichtenden Sprache tendenziell auf. ‚Vertieftes Leer-Empfinden bei allgemein erhöhter Irrealität‘ (BS).

    Ist es das, was bleibt? Das Atom immer weiter spalten? Und am Ende sind’s nur Teilchen, Trümmer, Leerewalten?

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    • Nun, Sie fahren eine ganze Batterie Hammerworte auf. Ich glaube nicht, dass DAS Problem zwischen heutiger Lyrik und meinetwegen einem breiteren Publikum das Geschlecht der Hälfte ihrer Verfasser*Innen ist. Aber zum Glück hat uns der Herrgott viele verschiedene Meinungen gegeben.

      Ich möchte nur darauf verweisen, dass mein Ausklinken von ein oder zwei Texten aus dem Kontext des 330-Seiten-Hefts notwendig fragmentarisch und kontextlos bleiben muss. Dieses eine Gedicht steht dort in diesem Kontext (zu dem drei weitere 14-Zeiler von Rinck sowie eine Prosaeinleitung incl. Fußnote gehören). Wenn man sich mit dem Komplex beschäftigt, könnte man eine assoziative Gedankenbewegung vielleicht nachvollziehen, die in ihrem Fall von Cortázar und Laforgue ausgehend mindestens über Marcel Duchamp und Roman Jakobson geht. Aber dafür reicht eine knappe morgendliche Gedichtlektüre nicht aus. Ich versuche darauf zu vertrauen, dass man ein Gedicht auch ohne die Kontexte lesen kann. (Natürlich nicht jedeR jedes Gedicht). Deshalb schrieb ich ja: Wer mehr will…

      Ich reiche nur die Fußnote nach, die vielleicht etwas Kontext zu Laforgues astre, soleil, terre und lune liefert:

      „Eine geklaute Fußnote, herbeigeholt um Einwänden zuvorzukommen: «I recall a paper by Roman Jakobson entitled The Sex of the Heavenly Bodies, which, after analyzing the gender of the words for sun and moon in a great variety of languages, came to the refreshing conclusion that no pattern could be detected to support the idea of a universal law determining the masculinity or the femininity of either the sun or the moon. Thank heaven for that.» Aus: Teresa de Lauretis: Technologies of Gender. Indiana University Press, 1987.“

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