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Veröffentlicht am 10. Juli 2024 von lyrikzeitung
Erich Mühsam
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
PRODUKTION
Denk ich zurück an meine frühsten Wochen:
Ich sog an hochgeblähten Ammenbrüsten,
von guten Tanten liebevoll berochen,
die zahnlos schnalzend den Popo mir küßten.
Doch was ich dann in stiller Reflexion
in meiner Wiege Windeltuch verrichtet,
mich mühsam reckend mit gestrafften Beinen,
das ward – des Kindes ganze Produktion –
in Seifenzubern und an Wäscheleinen
hinweggespült, getrocknet und vernichtet...
Das Kind ward groß. – Das Unglück wollt's: es dichtet.
Nun stehn um mich die Hinzen und die Kunzen
und fühlen zum Bewundern sich verpflichtet, –
und warten: wird der Pegasus nicht brunzen?
Doch was sich dann in stiller Reflexion
herausgequält und aufs Papier ergossen,
das lassen sie in hohlen Schädelfässern
verschmalzen, dann vertrocknen und verwässern, –
und meinen dabei: So wird Kunst genossen. – –
Mensch, hüte dich vor jeder Produktion!
Aus: ERICH MÜHSAM: AUSWAHL. Gedichte • Drama • Prosa. Mit einem Nachruf von Erich Weinert. Berlin: Volk und Welt, 1961, S. 72
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Erich Mühsam
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