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Horst Samson
(* 1954 in Salcâmi, Bărăgan, Volksrepublik Rumänien, lebt in Neuberg, Hessen)
Die Physikerin. Eine Nacht
Sie trug ihre schönste Haut,
Denn es war Sonntagabend. Und sie hatte
Schwarzen Lidschatten unter den Augen.
Ihr hellblaues Kleid war ein Fetzen
Moskauer Himmel im Hotel.
Wir hatten es eilig, rieben
Ungeduldig die nackten Körper
Aneinander, setzten sie in Brand.
Noch nie hatte ich so einen
Sonnenaufgang erlebt. Zurück blieb
Ein Zimmer voller Rauch und Asche.
Eine verlassene Wodkaflasche.
Aus: Ralf-Rainer Rygulla, Marco Sagurna (Herausgeber): Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Europa. Frankfurt am Main: axel dielmann – verlag, 2022, S. 285
NB: Ich hab heute in dieser Anthologie geblättert und ein Gedicht ausgesucht, aber dennoch eine Anmerkung, nicht zum Gedicht, aber zur Auffindungssituation. Die Herausgeber Ralf-Rainer Rygulla und Marco Sagurna sagen im Untertitel „Poetische Töne aus Europa“. Der Haupttitel aber verweist auf „den Osten“, und in einer Vorbemerkung sagt Sagurna: „Wer keine milden Gedichte oder Partylyrik will, muss ostwärts schauen. Hier finden sich Texte, die als Texte bestehen.“ (ebd. S. 6). Kann man so sehen oder anders. Was aber zeigt die Anthologie? Sie versammelt laut Autorenliste Gedichte aus Osteuropa incl. Türkei, Zypern und den ehemals sowjetischen Republiken, auch die mit Moskaus Segen abtrünnige „Republik“ Abchasien ist dabei, aber ohne Griechenland oder Finnland.
Unter den vertretenen Autor*innen sind auch einige deutschsprachige Autoren, wie Dagmara Kraus (laut Anthologie aus Polen), Horst Samson (Rumänien), Ilma Rakusa (Slowakei) und Jan Faktor (Tschechien). Rakusa lebt seit 1951 (!) in der Schweiz, Samson seit 1987 in der Bundesrepublik, Faktor war Teil der Ostberliner Untergrundszene der späten 70er und der 80er Jahre, Kraus studierte in Deutschland, schreibt auf Deutsch und lebt und arbeitet in Deutschland – Stimmen aus Osteuropa? Die Anthologie gibt leider keine Quellenangaben. Dieses Gedicht von Samson stand in dem Band „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“, er erschien 2014, es ist dort datiert: 2012. Osteuropa? Der Wikipediaartikel über Samson sagt, er sei ein „rumäniendeutscher Schriftsteller und Journalist“ – ach wirklich? Geht es im Literaturbetrieb nach dem Abstammungsprinzip, wie man in manchem Provinzkaff streng zwischen „Eingeborenen“ und „Zugezogenen“ (selbst wenn die seit Jahrzehnten dort leben) unterscheiden mag? (Zugezogen, wo habe ich das zuletzt gelesen, ach ja, Brief des Liedermachers Wenzel in einer uralten Tageszeitung mit dem Titel „junge Welt“, in dem er behauptet, gegen ihn sei ein Auftrittsverbot verhängt, und den „Zugereisten“ trotzig zuruft: „Was wisst Ihr über die DDR?“ So in der genannten Zeitung am 4. Mai.)
Ja, das meine ich. Weg mit den Schubladen. Rakusa, Faktor, Samson, Kraus & Co. sind deutsche Autoren. Man soll ihre Arbeit aus ihren Texten beurteilen, nicht aus irgendeiner „Osteuroparomantik“ oder welcher mythischen „Identität“ auch immer.
Mitherausgeber Marco Sagurna verweist darauf, dass der Band sehr wohl exakte Quellenangaben enthält. Das ist richtig und ich bedaure meinen Fehler. Außerdem betont er, dass in der Anthologie nirgends von „Autor*innen aus Osteuropa“ die Rede ist, sondern von Autor*innen, „die ihre Wurzeln in Osteuropa haben“. Das ist formal korrekt, obwohl die Mehrheit vermutlich doch aus Osteuropa stammt und dort lebt. Meine Skepsis gegen die Aussage, „Wer keine milden Gedichte oder Partylyrik will, muss ostwärts schauen“, bleibt indes bestehen. Und wer zum Beispiel Gedichte von Samson lesen will, muss eher westwärts schauen, wo Samson und sein Verleger wohnen. Und dass jemand, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt und überwiegend dort veröffentlicht, ein deutscher Autor ist und nicht, wie Wikipedia in diesem Fall meint, ein rumäniendeutscher, das bleibt meine Meinung.
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