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Veröffentlicht am 3. Dezember 2023 von lyrikzeitung
Max Herrmann-Neiße
(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)
Letzter Notschrei
Alle Dinge tun
meinem Kopfe weh:
Klappern am Buffet
und des Ventilators Lärm-Taifun.
Wie die Zeitung schmal
ist und allzu klein:
wär' so gern allein
hinter einer Larve im Lokal!
Essender Geschmatz,
Winke, mir geschickt,
wie ein Spitzel blickt,
zielen feindlich feig nach meinem Platz.
Des Klavieres Klang
und der Kellner dreist
lauernd und ein feist
böser Bürger – ach wie bin ich krank!
Gänge sind Gefahr,
Dolche stehn versteckt,
und nach Giften schmeckt
alles, und entsetzlich welkt mein Haar!
Meine Stube schreit
wie ein sterbend Kind.
Alle Dinge sind
Mörder! Und die Heimat liegt so weit!
Alles ist verspielt –
was verweil' ich noch? –
Daß die Mutter doch
meinen armen Kopf in ihrem lieben Schoße hielt!
Aus: Max Herrmann-Neiße: Empörung – Andacht – Ewigkeit. (Der jüngste Tag, Bd. 49). Leipzig: Kurt Wolff Verlag, o.J. (1918), S. 7. Auch in: Im Stern des Schmerzes. Gedichte 1. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (Gesammelte Werke. Gedichte 1), S. 197
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Max Herrmann-Neiße
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