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Eins von Keith Waldrop wollte ich noch.
Herr Stimmung über Transparenz
Für Menschen eines bestimmten Temperamentes gibt es nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, es gäbe etwas Verstecktes, Geheimes, ihnen Vorenthaltenes. Besonders wenn sie vermuten, dass jemand anderer davon weiß und es vielleicht sogar heimtückisch zurückhält.
D. H. Lawrence scheint der Gedanke furchtbar irritiert zu haben, dass andere Menschen Sex hätten und ihm nichts davon sagten.
Freud auch.
Tja, und dann hat es Freud so eingerichtet, dass jeder drüber sprechen musste.
Seine Psychoanalyse bringt Licht in die Tiefen und Transparenz in unsere verworrenen Windungen, und das bis zu dem Punkt, an dem das ICH alles bis runter zum ES sehen kann.
Und der Vorgang setzt sich nach außen in sich vergrößernden Ringen fort:
Der Meister analysiert seine Schüler, die dabei – jetzt transparent – auch Meister werden und sich ihrerseits Patienten oder Schülern zuwenden und sie analysieren.
Sodass es irgendwann keine Geheimnisse mehr gibt.
Außer natürlich die des ersten Meisters, des Selbst-Analysierten.
In anderen Worten:
Er, der einzig Private, der einzig Undurchleuchtete. Das opake Zentrum Seines universellen Panoptikums.
Während wir nur Seine Worte sehen, Seine Tochter, Seine Zigarre.
Armer Lawrence.
Deutsch von David Frühauf. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff
Herr Stimmung on Transparency
To those of a certain temperament, there is nothing worse than the thought of something hidden, secret, withheld from their knowing— especially if they suspect that another knows about it and has even, perhaps, connived at keeping it concealed.
D. H. Lawrence seems to have been irritated no end by the thought that people were having sex and not telling him.
Freud too.
—Ah but then Freud arranged it so that everyone had to tell.
His psychoanalysis lights up the depths, makes our tangled web transparent, to the point where I can see all the way down to It.
And the process moves outward in increasing rings:
The Master analyses his disciples. Who thereby—transparent now—become masters and, in turn, take on others, patients or disciples, to analyse.
So that eventually there are no secrets.
Except, of course, those of the first Master, the Self-Analysed.
Which is to say, the only private One, sole Unrevealed. Opaque center of His universal panopticon.
While we see only His words, His daughter, His cigar.
Poor Lawrence.
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