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Ich bleibe noch beim Gelehrtenstand. Auf indische Philosophen und chinesische Gelehrte folgen österreichische Professoren.
Jura Soyfer
(* 8. Dezember 1912 in Charkow, Russisches Kaiserreich; † 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald)
An alte Professoren Ihr wißt ja nicht, ihr strengen, starren, Ihr würdigen, ihr weisen Narren, Ihr wißt ja nie, wie weh ihr tut. Ihr kennt nicht unsre stumme Wut, Ihr hört nicht unsre Zähne knirschen – Stolz, steif unter dem schimmelgrünen Doktorhut. Ihr ahnt nicht, wieviel Knabenträume Sich schwingen aus den dumpfen Räumen Zur himmelblauen Freiheit auf – Und wie ihr kalt und dumm den Jubellauf Zurückreißt in methodenöden Alltag Und schmiert sarkastisch kluge Worte drauf. Ihr habt doch alle längst die Zeit vergessen, Da ihr noch selbst in eurer Bank gesessen, Da euch noch lockten weite, blaue Fernen, Da ihr noch aufwärts wolltet zu den Sternen, Da ihr noch Mädelnamen in die Bank gekratzt Und aufs Katheder streutet Apfelsinenkerne. Wir wissen wohl, das ist für euch vorüber, Wir wissen wohl, die Zeiten wurden trüber. Ganz fern und neblig, schon sehr weit, Ihr alten Herrn, ist eure Jugendzeit. Darum könnt ihr die unsre nicht begreifen, Die gegenwärtige Vergangenheit. Nur manchmal – es sind seltne Augenblicke, Da ruhn durch Brillen eure Blicke Auf uns so eigentümlich: anderswo und starr, Als wenn ein wilder Ruf, ein flatternd Haar In euch was Fernes, Zartes rühre, Das lange, lange her schon war –
Aus: Versensporn 54. Jura Soyfer. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 3
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