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Der heutige Text ist genau, was die Überschrift verspricht: ein „unregelmäßiges Sonett“. Von heute gesehen erscheint er eigentlich ziemlich regelmäßig, nur dass es etwas breit aussieht… und 3 der 14 Verse schon optisch als noch einmal verlängert in die Augen stechen. Es ist sonst fast ein strenges Sonett mit Jambus und Reimverschränkung, nur etwas in die Breite gezogen. Das kann man überprüfen, es schadet dem Gedicht nicht, ja die Überschrift fordert gerade, dass wir nachmessen sollen. Jetzt wissen wir’s. Und nun ein Gedicht von
Friedrich Glauser
(* 4. Februar 1896 in Wien, Österreich-Ungarn; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua)
Unregelmäßiges Sonett Von Unterlassungssünde klagen nun die leeren Tage, die gelbe Sterbestunde schreitet auf der Leiter und nächtlich tönen sanfte Bäume; doch der schwarze Reiter riet mir (war's nicht die goldne Schlange?) Leid zu tragen. Gelbgrünes Licht umdunkelt schattig schweres Auge, dein Blumenkleid trägt Staub und welk ward seine Weiße. Wen soll ich in der Fülle fragen, wie zuletzt ich heiße und ob das Licht zurückkehrt, endlich, aus verfaulter Lauge? Wir beten zu entsetzten Leichen ... Doch die Dämmerung verläßt den leeren Himmel, gleitet sanft hernieder: Ein purpurdunkles Wort legt Schlaf auf starre Lider. Ihr Schleier deckt erloschne Sonne in der Niederung. Die Hoffnung wächst, sie ist nicht Neid. Und endlich wieder reckt bleiche Statue aus Tanagra marmorne Glieder.
Aus: Versensporn 49: Friedrich Glauser. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2020, S. 8
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