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Veröffentlicht am 15. März 2019 von lyrikzeitung
Jóhannes úr Kötlum
(1899-1972)
Ein Volk des Reims
Mein Land – das war ein Einsiedler im Meer
des kühlen und blaufunkelnden Nordens:
dort dröhnte sprühweiße Brandung
an Felsenkanten und endlosen Sanden.
Und mein Volk war die Hulda im Tal
die hinaus in die rätselhafte Ferne starrte
mit eiskalten Bergen im Rücken
und brennenden Vulkanen davor.
Zur Sonnenwende verfinsterte sich das All
– da dichtete sie, umgeben von Dunkelheit
sich mit solchem Zaubersturm zu versöhnen
und kämpfte königlich mit dem Tod.
Ins wertvollste Versmaß, wasserdicht und geflickt
setzte sie ihren von Schmerz gepeinigten Ehrgeiz
im Stabreim spaltete sie ihre Sehnsucht
mit dem Hauptstab ging sie ihrer Arbeit nach.
Je weniger es gibt auf dem Teller
desto teurer das Versmaß der Sprache:
mit den Funken von Eddas Glut
schmiedete sie aus der Fessel den Schlüssel.
Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 101. Das Original erschien 1955, die Übersetzung zuerst im Islandheft der horen: Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“, hrsg. Eysteinn Þorvaldsson u. Wolfgang Schiffer, die horen 242, 2011
Kategorie: Island, IsländischSchlagworte: Jóhannes úr Kötlum, Jón Thor Gíslason, Wolfgang Schiffer
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