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Veröffentlicht am 18. November 2014 von lyrikzeitung
Peter Praschl von der Zeitung Die Welt ist dies eingefallen
Was ihnen eigentlich einfällt, würde man von Lyrikern manchmal gerne wissen – weil ihnen immerzu Gedichte einfallen, ob sie nun einen Baum oder eine Frau sehen oder einen von Granaten aufgerissenen Körper. Dieses hier zum Beispiel, es heißt „Dulce et Decorum est“, der Engländer Wilfred Owen hat es 1917 geschrieben, als der Erste Weltkrieg schon längst zu erkennen gegeben hatte, was von der moralischen und zivilisatorischen Sendung Europas zu halten ist: nichts. Owen beschreibt einen Giftgasangriff, es geht darum, rechtzeitig eine Schutzmaske vor die Nase zu bekommen. Einer schafft es nicht mehr. Und dann sieht das lyrische Ich, wie man so sagt, dabei zu, wie der Frontkamerad stirbt, „die weißverdrehten Augen, auf dem Gesicht den Schaum / Sein hängendes Gesicht wie eines Teufels krank von Sündenschorfen / […] wie ihm das Blut bei jedem Stoß / Gurgelnd aus schaumverstopften Lungen quillt / Obszön wie Krebs und bitter wie ein fetter Kloß / Aus Rotz, wie Schwären auf reinen Zungen, die nichts mehr stillt.“
Wunderbare Verse sind das. Und schrecklicher als die YouTube-Videos des Islamischen Staates, die einen dabei zusehen lassen, wie ein Mann in Schwarz einen Mann in Orange zuerst ein Mea maxima culpa aufsagen* lässt, um sich dann seine Kehle vorzunehmen**. Bei diesen Videos hält ja bloß einer mit der Kamera drauf und macht sich keine Gedanken darüber, was sich auf „quillt“ reimt.
Ein mit Verlaub dämlicher und obendrein schrecklicher Einfall; denn der Dichter, der am Krieg teilnahm und trotzdem weiter Gedichte schrieb, hat sich nicht mit der Schreibfeder in den Schützengraben gestellt, um einen Reim auf quillt zu finden, während der Hobbyfilmer Mitglied einer Mörderbande und Kumpan und Mittäter eines Mörders ist, der seine Kamera draufhält, um mit schrecklichen Bildern Schrecken zu verbreiten und dämliche Kommentare zu provozieren. Übrigens jede Wette, daß der Filmer, der Mörder oder irgend ein anderes Mitglied der Bande auch Gedichte mit viel Gefühl darüber schreibt. Aber das kann ein Journalist wohl nicht wissen, der ja nur an seinem Redaktionscomputer Snuffvideos schaut, um sich für seine Arbeit zu konditionieren.
*) Aha, das sagen Katholiken wenn sie ein Mordvideo ansehen.
**) Der Kommentar ist übrigens selbst ein Gedicht, ein schlimmes Gedicht in Prosa, also ungereimt, aber nicht ohne Anstrengung der Sprache. Man lese nur, wie beiläufig-blumig der in der Sprache der Mörder Enthauptung*** genannte Mordakt beschrieben wird.
** sie denken bei dem Wort gewiß an Saladin, wenn nicht an den Propheten, dem sie zu dienen glauben oder vorgeben und dessen Namen sie nicht nur mit sondern auch ausdrücklich bei ihren Mordtaten besudeln.
Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur, naja, Poesie des Medienspeak.
Kategorie: Englisch, GroßbritannienSchlagworte: Geistige Gummibärchen, Peter Praschl, Wilfred Owen
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