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Das sind alles verschiedene Mechanismen, die im Gedicht angetippt werden, die aber nicht – und das ist ein ganz wichtiger Punkt – die aber nicht auf die Lyrik beschränkt sind. Das heißt, unsere Alltagssprache inkorporiert, benützt all die Möglichkeiten, die die Poesie – in konzentrierter Form, wohl gesagt – präsentiert. Jede Politikerrede, jeder Werbespruch basiert auf poetischen Prinzipien, die man vielleicht nicht auf Anhieb erkennt, aber die ein geschulter Lyriker sofort kennt. Das heißt, es gibt in der Lyrik nichts, was es nicht in der Alltagssprache auch geben würde. Und das Tolle an der Lyrik ist, dass sie ein fantastisches Demonstrationsobjekt für unsere Art des Bewusstseins, unsere Art der Wahrnehmung, unsere Art des Sprachempfindens, unsere Art des Umgangs mit der Welt ist.
Auf der einen Seite ist in ihr alles, was Sprache kann, vorhanden, das zelebriert die Lyrik, zugleich ist aber auch Bildliches vorhanden. Denken Sie an Ihr Eingangszitat, die Asseln, die Maiskörner, all das ruft Bilder in uns hervor, und zum Dritten ist es noch Musik. Das heißt also, drei verschiedene Ebenen, für die wir sonst ins Kino gehen müssten oder in die Oper, um das in aller Künstlichkeit zu sehen, werden im Gedicht durch die einfachsten Möglichkeiten ohne irgendwelche fremden Hilfsmittel vorgestellt. Und nun kann die Neurologie die verschiedensten Dinge zeigen, beispielsweise, ein schönes Beispiel ist: Warum sind die Gedichtzeilen so kurz?
Wenn man sich jetzt nun, das ist literaturwissenschaftliche, statistische Arbeit, Gedichtzeilen ansieht auf der ganzen Welt, merkt man, die haben ungefähr zwölf Silben, das bedeutet Sprechzeit plus minus drei Sekunden. Und da kommt jetzt wieder die Neurologie ins Spiel, denn erst die kann uns zeigen, dass das Fassungsvermögen unseres Arbeitsspeichers drei Sekunden umfasst. Das heißt, während wir hier miteinander reden, ladet mein Gehirn im Dreisekundentakt nach, mein Mund redet raus, dann kommt oben wieder das nächste rein, Mikropause, da wird das nächste rausgeschossen. Ich höre Ihnen auf die selbe Art und Weise zu, indem ich das in Dreisekundensequenzen takte, und das bedeutet jetzt ganz praktisch gesprochen, dass eine Gedichtzeile eine ideale Verpackungsgröße für Information ist. Deshalb ist die Zeitung, die wir lesen, in diesen kurzen Spalten gedruckt, denn da ist bereits in diesem Dreisekundentakt plus oder minus bereits vorsequenziert, vorprogrammiert.
/ Raoul Schrott im DLR-Gespräch
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