115. Brasch fräste

Anders als die Zeit in der Kadettenschule, wohin der ehrgeizige Funktionärsvater Horst Brasch seinen ältesten Sohn im Alter von elf geschickt hatte und wo der Drill ihn fast zerbrechen ließ, hat die dreijährige Arbeit als Fräser im Berliner Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ sein Schreiben ähnlich intensiv wie die Lektüre von Büchern geprägt und inspiriert. Sie hat seine Texte härter und sparsamer gemacht, Brasch feilte nicht mehr, er fräste, was sich nachvollziehen lässt im Buch, wenn man die ersten Fassungen der Gedichte mit den endgültigen vergleicht. Immer wurde da weggehauen, was beim Vergleich der Fassungen bis auf wenige Ausnahmen als überflüssig einleuchtet. In dieser Ausgabe lässt sich auch ablesen, wie sorgsam die Gedichtbände komponiert waren. „Der schöne 27. September“ von 1980 zum Beispiel. Und von welch immenser Produktivität die ersten Jahre im Westen waren.

Man braucht kein Wissen um die Herkunft des Autors, um die Gedichte zu verstehen. Sie lassen sich als Identitätssuche lesen, das macht sie universell und auch für Jüngere, die ihn nicht mehr oder noch nicht kennen, interessant. Die Texte sind an Brecht, vor allem seinen frühen Gedichten geschult, an Heiner und auch Inge Müller, an Shakespeare. Brasch beherrschte, auch durch die stetige Übung an den Nachdichtungen, die ganze Klaviatur gebundener Verse, lang oder kurz, Blankverse oder frei. Und immer ist da auch das einsame Kind: Paul allein auf der Welt, der eines Morgens aufwacht, und niemand ist mehr da. / Annett Gröschner, Die Welt

Thomas Brasch: „Sie nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Hrsg. v. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin. 1030 S., 49,95 €.

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