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Veröffentlicht am 4. Juni 2013 von lyrikzeitung
Nâzım Hikmet zählt zu den berühmtesten Dichtern der Türkei, und doch war er ein ungeliebter Sohn seines Vaterlands. 1950 hatte man ihn ausgebürgert, nachdem der glühende Kommunist in die Sowjetunion geflohen war. Erst 2009 gab ihm der türkische Staat posthum seine Staatsbürgerschaft zurück.
Nicht drei oder vier
Nicht fünfzehn –
Dreißig Millionen
Hungernde
Haben wir!
Wir haben sie!
Sie
Haben uns!
…
Diese Verse schrieb Nâzım Hikmet 1921. Das Gedicht „Die Pupillen der Hungernden“ markiert den Beginn der modernen türkischen Lyrik. Nâzım Hikmet befand sich auf dem Weg von Anatolien nach Russland und sah überall in den Dörfern die ungeheure Armut der Menschen. Irgendwo auf dem langen Marsch nach Norden bekam er eine russische Zeitung in die Finger. Da fielen ihm die treppenförmigen Gedichte des russischen Futuristen Wladimir Majakowski auf. Nun vermochte sich Nâzım Hikmet vom traditionellen Versmaß zu lösen. Die osmanische Dichtung – meist Liebesgedichte oder religiöse Lobpreisungen – war höfisch, artifiziell, das Vokabular zu einem Großteil arabisch und persisch. Nâzım Hikmet schrieb über die menschlichen Sorgen, in türkischer Alltagssprache. „Kerem gibi“ heißt eines seiner berühmtesten Gedichte:
Die Luft ist schwer wie Blei.
Ich
schrei
und schrei
und schrei.
Los,
ich rufe,
um
das Blei
zu schmelzen …
/ Tobias Mayer, DLR
Kategorie: TürkeiSchlagworte: Nazım Hikmet, Tobias Mayer
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