99. Wohin reiste Celan?

1970 erschien in einem Frankfurter Verlag ein Materialband zu Paul Celan. Herausgegeben hatte ihn eine junge Germanistin, geboren 1938, die 1968 mit einer Arbeit über diesen jüdischen Dichter promoviert hatte. Das Buch wurde dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi zugesandt, einem Freund Celans. Er bedankte sich bei der Herausgeberin und stellte für sie eine Liste mit Fehlern zusammen, zu berichtigen in der zweite Auflage. Am Ende dieser Liste hieß es lapidar: 1969 fuhr Celan nicht nach Palästina, sondern nach Israel.

Damit legte er einen frappanten Fall von gespaltenem Bewusstsein bei der Herausgeberin offen. Diese, gewiss nicht ohne Empathie für Celan, kannte zweifellos dessen Gedicht „Denk doch“ von 1967, geschrieben unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Krieges, in Deutschland veröffentlicht in der Zeitschrift Akzente. 1968 bildete es den Schluss des Gedichtbands „Fadensonnen“. Die Anfangszeilen lauten: „Denk dir: / der Moorsoldat von Masada/ bringt sich Heimat bei“. Der jungen deutschen Germanistin wird nicht entgangen sein, dass Celan mit Kopf und Herz für Israel eintrat. Aber das ignorierte sie. / Jürgen Busche, Freitag 15

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