73. „Anarchistische Sprachakrobatik“

Klein- und Kleinstverlage sind das Biotop des Kneipenkapitäns und Autors Bert Papenfuß, der schon zu Zeiten der demokratischen Republik als Anarchist gelebt haben soll. In der Nachwendezeit begann dann seine öffentliche Phase mit dem Publizieren von Kleinbüchern*. Seinem Publikum vermittelte Papenfuß das Gefühl, der Umfang seiner einzelnen Werke sei aus reiner Menschenliebe gering gehalten, denn mehr als ein paar Seiten einsturzgefährdeter Sprachakrobatik und granatengenialen Rumpöbelns erträgt schließlich auch der Wessi nicht. Nun aber ist es mit der Rücksicht vorbei, und Papenfuß fällt den Lesern mit einer Best-of-Papenfuß-Schwarte in den Rücken, kugelsicheres Hardcover bei Hatje Cantz inklusive, Titel: „Die Mauer“. Die Hälfte der Attacke überlässt er – ein Akt der Gnade – Antonio Saura, dem Bruder des Filmemachers Carlos Saura, der 1985 Fotos der Berliner Mauer in seinem typischen Graustufenstil übermalt hatte. Mauerposten werden da durch Farbkleckse in den Tod gestürzt, Alienköpfe auf S-Bahnfahrer gesetzt oder der Himmel über Berlin melasseartig ins Niemandsland gekippt. Eines haben der fratzenspezialisierte, kunstbetriebkompatible Spanier und der Berliner Dauerallergiker (neben der Diktaturerfahrung) dabei gemeinsam: Sie rhythmisieren ihr Material mit sogartiger Treffsicherheit. „Wer daran will löten, / bange um seine Klöten.“ / Astrid Kaminski, Berliner Zeitung 9.2.

Bert Papenfuß/Antonio Saura: Die Mauer. Hatje Cantz, Ostfilden 2012. 189 S., 29,95 Euro.

*) schreibt die Zeitung. Was eigentlich selbstredend sein sollte: ich verbürge mich weder für diese noch irgendeine frühere oder spätere Aussage. M.G.

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