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Der 1984 verstorbene Schriftsteller Franz Fühmann, dessen Engagement für das Werk Georg Trakls in der DDR noch mutige Pionierarbeit war, hat in seinem Essay „Vor Feuerschlünden“ bekannt: „In dem Augenblick, da ich für Trakl mich einsetzte, tat ich es in jenem Sinn, der den Betroffenen aufstöhnen läßt: Herr, schütze mich vor meinen Freunden! Ich suchte überall Entschuldigungen, war aufs Glätten aus, auf Verharmlosen, auf Richtigstellen im Sinne eines eindeutig Richtigen; es war arg. Im Wesentlichen lief es auf den Nachweis hinaus, dass die Dekadenz ja gar keine sei.“
Dem Frankfurter Romandebütanten und Trakl-Enthusiasten Martin Beyer, Jahrgang 1976, liegen solche Absichten naturgemäß fern. Ihm geht es vielmehr gerade um „Sehnsucht, Besessenheit, Dekadenz“ bei dem Salzburger Expressionisten, dessen Lebensdrama – Depressionen, Drogenexzesse, mutmaßlicher Inzest, früher Tod durch eine Überdosis Kokain – dem Schicksal manch heutiger Rock- oder Pop-Ikone nicht nachsteht. Und doch hört man auch diesmal den Geist des Dichters ächzen: Herr, rette mich vor meinen Verehrern!
Denn der Roman „Alle Wasser laufen ins Meer“ betreibt im Versuch, jene Biographie „zwischen Verzweiflung und Lust“ literarisch zu vergegenwärtigen, eine Verharmlosung schlimmerer Art: Dokumentarisch gewissenhaft unterfüttert, doch im Spekulativen so blauäugig wie klischeebeladen, lässt er Georg Trakl, den Schöpfer visionärer lyrischer Bild-welten, als Pappkameraden wieder auferstehen. / KRISTINA MAIDT-ZINKE, SZ 21.9.
MARTIN BEYER: Alle Wasser laufen ins Meer. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stutt-gart 2009. 240 Seiten, 18,90 Euro.
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