Das sechzehnte und letzte Irrenhaussonett

Von Jesse Thor

Oh hört: – ein Mensch, wie ihr – zerfallen und im Mark verwest,

denk ich noch immer nicht daran, wer meine karge Zeche zahlt.
Wenn heute auch der blanke Unfug mein Gedächtnis überstrahlt
und stammelnd mir das Vaterunser durch die Backen bläst.

Das ist, als wenn der Herbstwind frostig auf den Feldern singt.
Er krächzt und pfeift und kollert aus dem letzten Loch.
Er weiß, daß ich nicht mehr sein Schatten bin, der springt.
Und bin ich sein Gefährte nicht – was bin ich noch?

Ein Barrabas vielleicht – der heulend durch die Straßen irrt?
Nun macht es mir schon wenig aus, wie man mich nennt –
wenn andren Leuten ebenfalls einmal der Rock zu enge wird.

Bespitzelt und verleumdet und von Bauernfängern denunziert,
geh ich vorbei, wie einer, der sich selber und die Seinen kennt:
Die Freiheit ist durchaus nicht mehr mein Argument.

In der FAZ vom 15.8.02 schreibt Michael Lentz über den Dichter Jesse Thoor, der 1905 in Berlin geboren wurde und das „dritte Reich“ durch Flucht über Österreich und die Tschechoslowakei nach Großbritannien überlebte. Er starb vor 50 Jahren in Österreich.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..