2001 Mrz

Als wir alle Brandstifter waren

Der Lyriker Charles Simic über seine Joschka-Jahre

Andere warfen mir Zynismus vor, wenn ich mich über die Gedichte lustig machte, die bei Antikriegsdemonstrationen verlesen wurden. Aber schlechte politische Lyrik ist leider genauso schlimm wie schlechte religiöse Dichtung: Sie führt den Zuhörern nur all das vor Augen, woran sie sowieso schon fest glauben. Von all diesen endlosen pazifistischen Rezitationsabenden ist mir nur ein einziges Gedicht im Gedächtnis geblieben, das mir gefallen hat. Es handelte von Präsident Johnson, der eines Nachts in der Küche des Weißen Hauses saß und versuchte, seine Sicht des Krieges in einem Gedicht auszudrücken.

…Meine Studenten interessieren sich nicht wirklich für Politik oder für soziale Ungerechtigkeit. Sie käuen nur die modischen Phrasen des Multikulturalismus und des Feminismus wieder, um nicht ernsthaft über die Welt nachdenken zu müssen. –

Der amerikanische Lyriker Charles Simic, 1938 in Belgrad geboren, lebt in New Hampshire. Im vorigen Jahr erschien sein Gedichtband „Grübelei im Rinnstein“, der Übersetzungen Hans Magnus Enzensbergers enthält..

/ FAZ 10.3.01

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Himmelhoch, zutode.

In „Bilder und Zeiten“ erinnert sich Volker Braun an Kindheitslandschaften und die Zeiten, als er in der DDR sein „Trotzki“-Stück schrieb und von der Stasi überwacht wurde. Sagt „Perlentaucher“. Und (füge ich hinzu) entwirft dieses Szenario:

Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.

Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution./ FAZ 10.3.01


In der „Frankfurter Anthologie“ stellt Walter Hinck das Gedicht  „Datum“ von Sarah Kirsch vor, „ein Beispiel hoher lyrischer Kunst“. Ebd. – Außerdem in der FAZ: Hubert Spiegels Laudatio auf Radek Knapp zum Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (wobei Chamissos Gedicht „Tragische Geschichte“ mitspielt).


Moderne argentinische Lyrik

Seit einigen Jahren wird die moderne argentinische Lyrik im deutschen Sprachraum allmählich bekannter und somit auch differenzierter wahrgenommen. Das führt dazu, dass nicht nur das Gesamtwerk des einen Grossschriftstellers Jorge Luis Borges (1900-1986) erforscht, übersetzt und veröffentlicht wird, sondern auch andere bedeutende Stimmen der poetisch fruchtbaren Literaturszene von Buenos Aires auftauchen. Zuletzt waren es die aphoristischen «Stimmen» von Antonio Porchia (1886-1968) und die «Vertikale Poesie» von Roberto Juarroz (1925-1995), aber auch die sephardischen Gedichte «Darunter» von Juan Gelman (Jahrgang 1930). Ein besonderes Interesse gilt dem jüdischen Hintergrund etlicher Autoren, hier ist vor allem die legendäre Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936-1972) zu erwähnen. Lange Zeit war es in Argentinien gefährlich und verpönt, von ihren jüdischen Wurzeln offen zu sprechen und erst recht diese in ihrem Werk aufzuspüren.

Eine zweisprachige Auswahl von Pizarniks Gedichten ist nun unter dem Einzeltitel «Fremd die ich war» erschienen. Der Band enthält einen Auszug aus dem Zyklus «Baum der Diana» (1962),dem Octavio Paz einen wunderbaren Prolog widmete. Paz charakterisiert diesen lyrischen Baum unter chemischen, botanischen, mythologischen, ethnographischen, heraldischen und physikalischen Gesichtspunkten, um den Lesenden einzustimmen auf «ein Naturinstrument geistigen Schauens» – Gedichte. Die imaginative Intensität war seit je eine Stärke der argentinischen Poesie, auch und gerade bei Alejandra Pizarnik . /  Tobias BurghardtNZZ 10.3.01


Neu bei Ammann: Manfred Peter Hein, Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993 – 2000. Nachwort Andreas F. Kelletat. 112 S., ca. 34 DM.  Leseprobe


Sie sind zwei im tiefsten Inneren verwandte Seelen, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Albert Vigoleis Thelen, der Prosaist, Lyriker, Übersetzer und Verfasser des pikaresken Mallorca-Romans Die Insel des zweiten Gesichts und Teixeira des Pascoaes, der portugiesische Dichter und Mystiker, der seine poetischen Exerzitien in den Dienst der Erforschung der seelischen Kräfte des Menschen stellte. / Cornelia Staudacher FR 8.3.01


Vom Jazzpianisten Thelonius Monk stammt das  Diktum, das Wichtigste sei, was man nicht spiele.  Einen ähnlichen Sinn für Raum besitzt der in  Liechtenstein und Wien lebende 44-jährige Lyriker und  Prosaist Michael Donhauser. Sein letzter Gedichtband  hiess «Sarganserland». Der geographische Ort ist darin  weniger wichtig als die Räume, die er für die Dinge (ein  Stück Strasse, ein Wegbord beispielsweise) schafft.  Räume, in denen die räumlichen die Geschichte der  zeitlichen Dinge (Erinnerungsbilder einer Beziehung,  einer Liebesgeschichte vielleicht) zu erzählen  vermögen. Donhausers Gedichte erinnern an die  ruckenden alten Filme – es fehlen immer ein paar  Bilder. Manchmal müsste man sonst Angst haben: Wie  kann einer aus Wörtern wie «sanft», «Wunde», «warm»  ein gestochen scharfes Gedicht machen. Aber  Donhauser setzt die Wörter aus, nimmt ihnen die  sentimentale Aura. Seine Strophen sind fragil und  stabil zugleich, wie Trockenmauern: Die Wörter reden  miteinander, geben sich Raum, schaffen Passagen. / Samuel Moser NZZ 6.3.01


Neue Haikus von Uli Becker

«Erste Zeile fünf, / die zweite sieben Silben – / dritte wieder fünf!»: Mit diesem als «Trick 17» apostrophierten Haiku erklärt der Lyriker Uli Becker die Form des japanischen Kurzgedichts, die er auch in seinem neuen Band, «Dr. Dolittles Dolcefarniente», strikt einhält. Andere formale Vorgaben wie die Verwendung eines die Jahreszeit bezeichnenden Worts vernachlässigt er; schliesslich schreibt er, wie schon der Untertitel seiner 1993 erschienenen Sammlung «Fallende Groschen» erläuterte, entweder «Asphalthaikus» oder aber (wie hier) Botschaften aus dem ländlichen Italien, in denen Rorschachtests, T-Shirts und Keilriemen ebenso vorkommen wie Hirschkäfer, Vipern und Fledermäuse.

Uli Becker: Dr. Dolittles Dolcefarniente. In achtzig Haikus aus der Welt. Marco-Verlag, Augsburg 2000. 96 S., Fr. 22.-.  / Neue Zürcher Zeitung , 6. März 2001


British Asian poets‘ anthology

The first anthology of contemporary poetry written by British South Asian poets has been launched in the United Kingdom.

More than seventy poets have contributed to the work.

The anthology is a diverse collection by first and second generation immigrants living in Britain.

The poets are of Indian, Pakistani, Bangladeshi and Sri Lankan origin, as well as from African and Carribbean countries which experienced substantial migration during the years of the Raj.

Their themes include growing up in an Asian household in the English suburbs, of being split between cultures and of feeling an outsider.

From the newsroom of the BBC World Service  6 March, 2001


«Objet trouvé»

Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne wird damit erneut zugänglich und darüber hinaus – durch die im «Eventail (für Stéphane Mallarmé)» beigefügten Materialien – in erweitertem Kontext lesbar gemacht. Werkgeschichtlich ist die Erweiterung insofern relevant, als nebst einem einschlägigen (freilich bereits anderweitig erschienenen) Essay von Werner Dürrson eine Auswahl aus Mallarmés «Aufzeichnungen, das „Buch“ betreffend» in den Band aufgenommen wurde, Texte mithin, die jenes oft beschworene, niemals vollendete Opus magnum – das «absolute Buch» – punktuell vergegenwärtigen, welches der Dichter, ständig schwankend zwischen der Erhabenheit und der Lächerlichkeit des Vorhabens, dem Universum gleichzusetzen gedachte und zu dem der «Würfelwurf» eine erste, gewissermassen embryonale Präfiguration darstellt. / Felix Philipp Ingold , NZZ 3.3.01

«Objet trouvé» (zwei Bände in nachtblauer Kartonschachtel): Stéphane Mallarmé: «Ein Würfelwurf / Un Coup de dés». Übersetzt und erläutert von Marie-Louise Erlenmeyer. Walter-Verlag, Olten/Freiburg 1966, 134 S.; «Eventail (für Stéphane Mallarmé)». Dichtungen, Essays und Übersetzungen von Stéphane Mallarmé, Thomas Schestag, Werner Dürrson, Manfred Bauschulte, Louis-René des Forêts, Maurice Blanchot, Peter Natter, Joë Bousquet, Francis Ponge, Michael Donhauser. Hrsg. von Alma Vallazza. «edition per procura», Wien/Lana 2000. 143 S., Fr. 120.-.


Es gibt sie noch, die wagemutigen Verleger,

die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern. (…)

In eine vollständig andere Dimension entführt Elke Erb (*1938)), eine leiderprobte Lyrikerin aus der ehemaligen DDR. Sie versteht es, Erlebnisse aus dem vorsprachlichen Raum zu holen und in Sprache umzusetzen. Sie geht auch sonst, immer wieder nachhakend, der Sache auf den Grund. Nicht alles ist sofort eingängig, einiges sträubt sich im Nachvollzug. Ihr Aufruf «leibhaft lesen», sich mit Seele und Leib in die Sprache, dieses «Puzzle-Gebilde», hinein zu begeben, ist ernst zu nehmen. Dass auch ein Autor, der viel über Sprache und ihre Möglichkeiten und Grenzen nachgedacht hat, bei Urs Engeler Aufnahme findet, belegt Hans-Jost Frey (*1933) mit seinen «Vier Veränderungen über Rhythmus». Es ist wohltuend, einem derart gründlichen und subtilen Denker und Formulierer zu begegnen. Alle vier Essays («Verszerfall», «Der Gang des Gedichts», «Vertonung», «Das Unsagbare») untersuchen in einer intensiven Auseinandersetzung das Phänomen Rhythmus. / Der Bund 3.3.01

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Largely through the mediation of Coleridge, Schiller  became an important source for English Romanticism. It has been shown, for  example, that Wordsworth’s famous definition of poetry as „emotion recollected in  tranquillity” has its source, via Coleridge, in a phrase from Schiller. / The New Criterion Vol. 19, No. 7, March 2001  — Außerdem in der neuen Ausgabe: Four Poems by Rainer Maria Rilke,translated & with an introduction by Martin Greenberg


Zwei isländische Gedichtbände,

die nicht nur ins Deutsche übersetzt worden sind (und zweisprachig präsentiert werden), sondern auch ? von dem Maler Bernd Koberling ? in Wasserfarben: ein Diptychon aus großformatigen Büchern mit jeweils einem Lesebändchen für die Wörter und einem für die Farben. Das Gedicht „Sumpfschnepfe“ von Snorri Hjartarson (1938 ? 1986) ist auch ein Bild für die synästhetischen Anwandlungen, die den Leser und Betrachter überkommen: „Eine Sumpfschnepfe fliegt / unter deinen Füßen auf ins Blau // du erschrickst / lauschst // ist es das Herz in deiner Brust / oder ihr Wiehern in einer Wolke. “ Und auch bei Baldur Óskarsson (geboren 1938) gibt es das Gedicht „Untiefe“, das belegt, wie genau Bernd Koberling seinen Dichtern „zugehört“ hatte. „Lippengrün trinkt die Tiefe des Himmels aus, / in dunkelblauen Trank ? füllt schwarz sich die Kehle. / Still, aber kalt ist die Luft. / Du hängst dein Auge / in die Tiefe des Himmels, am Faden aus Schwarz. ? / Über deine Schulter schiebt sich Abendrot, diese Zunge. / Ausatmen geht übers Wasser, / die Augen platzen entzwei. “ / Süddeutsche 3.3.01


Lieber rauchgeschwärzte Trümmer.

Wie sich das Gift des Nationalismus in Osteuropa ausbreitete

Plötzlich waren sie nicht mehr lediglich Lyriker, sondern auch Kämpfer. Ein deutscher Dichter aus Marburg, Ottokar Kernstock, dessen subtile Verse über Herzensdinge damals so mache Seele berührten – besonders beliebt war sein Band «Aus dem Zingergartlen» -, liebte lyrische Stimmungen, aber hasste aus dem Grunde seines Herzens seine slowenischen Mitbürger in Stadt und Land. Neben vielen sanften und schmachtenden Versen hat er auch diese verfasst:

Lasst die wilden Slawenheere
nimmermehr durch Marburgs Tor,
lieber rauchgeschwärzte Trümmer
als ein windisch Maribor.

/ Drago Jancar, NZZ 3.3.01


Dichter der Diskretion und militanter  Kritiker: Giovanni Raboni

Mit leiser Beharrlichkeit sucht der 1932  geborene italienische Dichter Giovanni Raboni  im Alltäglichen nach dem Anderen: einem Davor  oder Danach. In Fragmenten des simplen und  gewöhnlichen Lebens entdeckt er geheime  Linien, hört er «die dumpfen Schläge des  Wassers von unten». / Christine Wolter, NZZ 3.3.01


Poetisch korrekt. Die neue «Anthologie de la poésie  française» in der Pléiade / NZZ 3.3.01


Es begann mit einem Skandal. Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“. / Christoph Schröder, FR 3.3.01 Mehr Borchers 1 /


Das Frankfurter Literaturhaus ehrte Elisabeth Borchers zu ihrem 75. Geburtstag.

75 Jahre alt ist sie am 27. Februar geworden, Elisabeth Borchers, eine der großen Frauengestalten der Nachkriegsliteratur. Und das Literaturhaus ehrte sie standesgemäß mit Reden zu ihrem Werk und ihrer Person. Natürlich aber auch mit einer Lesung. Eine große Öffentlichkeit erreichte die Borchers, die im Elsaß aufgewachsen ist, als die 34-Jährige ihr surrealistisches Gedicht „Eier Wasser regnet Schlaf“ veröffentlichte. Eine Diskussion begann, die der westdeutschen Nachkriegslyrik zu der Erkenntnis verhalf, dass die herkömmliche Form des Schreibens der Moderne nicht mehr gerecht wurde. Im selben Jahr erschien ihr erster Gedichtband. Tätig war sie als Lektorin beim Luchterhand-Verlag, den sie nach zehn Jahren verließ, um fortan 25 Jahre für Suhrkamp zu arbeiten. Dass sie trotz ihrer Verlagsarbeit noch Zeit und Muße fand, selbst zu schreiben, ist bewundernswert. Entstanden sind so viel gerühmte Kinderbücher, Hörspiele, Übersetzungen aus dem Französischen und vor allem immer wieder Lyrik. Auch als Herausgeberin von Anthologien hat sie sich einen Namen gemacht. Aus ihrem soeben erschienenen Band „Alles redet, schweigt und ruft“, der neben einem Überblick über ihr lyrisches Schaffen auch zahlreiche unveröffentlichte Gedichte aus jüngster Zeit enthält, las sie dann, zerbrechlich, doch gefasst wirkend, vor den vielen Gästen. Die verschiedenen Phasen ihrer Poesie, vom Surrealen über den Versuch, sich den Reim zu gewinnen, bis hin zu den aussparenden Momentaufnahmen der letzten Jahre, spann sie den Faden. Bilder wie „Die Liebenden liegen als Feuer vor der Stadt“, und Einsichten wie „Und was du weißt/hat keinen anderen Ort“ prägen sich sofort im Gedächtnis ein. Und dass sie es versteht, „erschütternd einfach“ zu dichten, wurde durch Zeilen wie „die hellen Stufen, die abwärts führen/ins Gedicht“ deutlich. Der Beifall zeigte der großen Literatin, dass sie und ihre Worte Widerhall gefunden hatten. (HH) © Frankfurter Neue Presse, 3.3. 2001


Polnischer Konstruktivismus .

Vor hundert Jahren wurde Julian Przybos geboren

In einem Brief an einen jungen Dichter schrieb Julian Przybos (1901-1970) einmal: «Erzähle nicht, beschreibe nicht, besinge nicht; reflektiere nicht, räsoniere nicht; beichte nicht, mach nicht Stimmung; schrei nicht, verkünde nicht, blase nicht in das rhetorische Horn. Drücke aus – das heisst, bilde Sprache!» Mit diesem Ratschlag hat Przybos auch gleichzeitig sein eigenes poetisches Programm umrissen: Als dichterische Ursünde gilt ihm die selbstverständliche Verwendung von Sprache. Mit Nachdruck forderte Przybos eine Rhetorik des gedrängten Ausdrucks: «Poesie ist die Einheit einer Vision, die ein Maximum von Vorstellungen in einem Minimum von Wörtern komprimiert.» …

Przybos‘ Lyrik zeichnet sich durch einen eigentümlichen Optimismus aus. Der Tod, der moralische Bankrott der abendländischen Zivilisation nach dem Zweiten Weltkrieg, die Problematik einer totalitären Gesellschaft – alle diese Motive finden sich kaum bei Przybos, obwohl er als Pole mit dem Geburtsjahr 1901 gewissermassen im Brennpunkt der zerstörenden Energien dieses Jahrhunderts stand. Der Grund für diese Besonderheit ist in seiner Ablehnung des literarischenRealismus zu suchen. Immer wieder hob er hervor, dass das Verstehen von anspruchsvoller Lyrik wie das Erlernen einer neuen Sprache sei – Gedichte stehen nicht in einem Abbildungsverhältnis zur Wirklichkeit, sondern versuchen «das Unmögliche zu realisieren». / NZZ3.3.01

Hier gibts ein Gedicht von Przybos


«I am a drifter», sagt Charles Plymell (*1935  Holcomb, Kansas), ein Spätgeborener der  Beat-Generation. Tatsächlich kam Plymell als  Verleger, Herausgeber und Beiträger diverser  Underground-Publikationen, als Handwerker, Collagist  und Dichter weit herum, auch wenn er nie so berühmt  werden sollte wie seine älteren Freunde Neal Cassady  und Allen Ginsberg, die er beide auf ausgedehnten  Autotouren begleitete. Nun liegt auf Deutsch eine  Gedichtauswahl aus den neunziger Jahren vor, die er  unter dem Titel «Liebesgesänge» sowohl der  Beat-Generation als auch der Generation X gewidmet  hat: als «Brückenschlag über die Kluft zwischen den  Generationen – in der Hoffnung, jene zu inspirieren, die  neu auf der Bildfläche erscheinen und den Versuch  wagen, die Welt zu retten». / NZZ 3.3.01


Die Literaturzeitschrift „orte“ lädt dazu ein, die moderne spanische Lyrik neu zu entdecken.

Wenn Literatur übersetzt wird, vermehrt sich unsere eigene Literatur. Am grössten ist der Gewinn vielleicht, wenn es um fremde lyrische Stimmen geht. Sie sind das, was uns in der Fremdsprache sonst am schwersten zugänglich ist – wer wagt sich da schon heran -, und zugleich enthalten sie die grösste Dichte an neuer Welt. Freilich ist auch die Schwierigkeit am grössten, nicht nur wegen des verlegerischen Risikos, sondern auch, weil es eben den Glücksfall braucht, dass jemand zugleich Dichter und in zwei Sprachen völlig zu Hause ist. Für die spanische Dichtung gibt es in der Schweiz einen solchen Glücksfall: den seit langem in Luzern lebenden Lyriker Hans Leopold Davi. / René Scheu, Tagesanzeiger 3.3.01


Eine neue Nachdichtung des Verspoems «Der Dämon» von Michail Lermontow (1814-1841) ? dem neben Alexander Puschkin wichtigsten Dichter der russischen Romantik ? bespricht die NZZ am 27.2.01


Andrew Motion besingt die Volkszählung

Ben Jonson war 1616 der erste englische Hofdichter gewesen – der erste Lyriker jedenfalls, dem Seine Majestät mit einem «butt of canary wine» den Alkohol verschrieb. Am Amt des «poet laureate» änderte sich seither einzig die Besoldung: Als Andrew Motion im Frühjahr 1999 zum neuen Hofdichter ernannt wurde, erhielt er nebst einem Fass Kanarienwein jedes Jahr 5000 Pfund zugesichert. Als Gegenleistung soll der Hofdichter – mit Versen eben – bedeutende nationale Ereignisse zelebrieren. Aber war Motion dazu der richtige Mann? So fragten vor zwei Jahren schon englische Pressestimmen. Zwar beschrieb ihn ein Blatt als «a nice fellow»; seine Gedichte aber kommentierte eine andere Zeitung mit «a bag of shite», und der «Guardian» sah Motions Berufung als «an insult to the country’s intelligence». / NZZ 3.3.01

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Ingrid Fichtner

Die in Zürich lebende Lyrikerin Ingrid Fichtner legt ihren vierten  Gedichtband vor: Texte wie ein Mobile von Calder.

Was «Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe» ist, weiss man  nach der Lektüre von Ingrid Fichtners neuestem gleichnamigem  Gedichtband zwar nicht, dass aber daran etwas Wahnsinniges ist, weiss man dafür umso mehr.

Ingrid Fichtner: Das Wahnsinnige am Binden der Schuhe. Bodoni Druck 45. limitierte, nummerierte und von der Autorin signierte Edition. Waldgut Verlag, Frauenfeld 2000, Fr. 30.- / Tagblatt 3.3.01

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Den Alltag in Schönheit zu verwandeln, ist eine Hoffnung, die mit Gedichten verbunden wird ? und eine Forderung. Der junge Lyriker Jan Wagner hält einen Abschied fest, der mit der ersten heftigen Begegnung beginnt. / Netzeitung 3.3.01

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