Christoph Meckels Erinnerungsbuch an die Nachkriegszeit in der „Russischen Zone“ ist keine der üblichen Autobiografien. …
Meckels Buch ist frei von Larmoyanz und Verbitterung gegen die Russen. Und das Kind, das unter den Bedingungen der Besatzung, trotz innerer Bereitschaft, kein Russisch erlernen sollte, wird als junger Mann zum Liebhaber russischer Literatur – um im Paris der Fünfzigerjahre schließlich Paul Celan zu treffen und im Manuskript seine Nachdichtungen Mandelstams, Bloks und Jessenins zu lesen. Ein versöhnlicher Ausblick am Schluss dieses kleinen Meisterwerks. / Jan Koneffke, Die Presse 12.11.
Neuentdeckte Gedichte Siegfried Sassoons werfen neues Licht auf die Sicht des Autores von scharfen Antikriegsgedichten wie „The Redeemer“ und „Suicide in the Trenches“ auf den ersten Weltkrieg.
Seine Biografin Dr. Jean Moorcroft Wilson entdeckte die Gedichte im Archiv der Universität Cambridge in einem Tagebuch aus dem Schützengraben vom Januar 1916. Sie zeigen, daß der junge Dichter, der im November 1915 zu seinem Batallion in Frankreich gestoßen war, nicht sofort zornige Gedichte über die Schrecken des Krieges schrieb, sondern ihn zuerst als heroisches Abenteuer ansah.
In The Hero erfährt eine Mutter vom Tod ihres Sohnes („Jack fell as he’d have wished“), während der Offizier, der ihr die Nachricht überbringt, daran denkt, „how ‚Jack‘, cold-footed, useless swine, / Had panicked down the trench that night the mine / Went up“. The Redeemer ist die Vision eines Soldaten im Schützengraben als Christus, die so endet: „O Christ Almighty, now I’m stuck!“. In Suicide in the Trenches, schreibt er darüber, wie ein „simple soldier boy … put a bullet through his brain. / No one spoke of him again.“
Nachdem Sassoon 1917 von einem Scharfschützen verwundet wurde, kam er nach England zurück und schrieb weiter an seiner berühmten „declaration against the war“, in der er den Krieg als „a war of aggression and conquest“ entlarvt und erklärt: „I can no longer be a party to prolong these sufferings for ends which I believe to be evil and unjust“.
Ganz anders in den neuentdeckten Gedichten: „You and the winds ride out together / Your company the world’s great weather / The clouds your plume, the glittering sky / A host of swords in harmony / With the whole loveliness of light flung forth to lead you through the fight“. Das erinnere mehr an die idealistischen Kriegsgedichte von Rupert Brooke. / Alison Flood, Guardian 11.11.
Vom Krieg zum Frieden
Sassoon, Siegfried. – Köln: Volker-Verl., 1947
Glück im Sattel
Sassoon, Siegfried. – Kempen-Niederrh.: Thomas-Verl., 1949
In der 4bändigen Anthologie englischer und amerikanischer Dichtung von Horst Meller und Klaus Reichert, C.H. Beck 2000, finden sich zwei Gedichte von Sassoon (wenn auch keins der hier genannten). Vielleicht kennt jemand andere Übersetzungen?
… denn heute ist es soweit:
Am Freitag, 11. November, feiert der Leipziger Dichter Andreas Reimann nicht nur seinen 65. Geburtstag. Im Haus des Buches wird gleichzeitig der erste Band einer Andreas-Reimann-Werkausgabe vorgestellt. „Die Weisheit des Fleischs“ heißt der. Er erschien 1975 in der DDR und hatte ein ähnliches Schicksal wie Thomas Böhmes „Mit der Sanduhr am Gürtel“: Er wurde zu einem Bestseller und zu einer Legende.
Und das Warten auf Band 1 lohnt sich natürlich, denn hier werden seine Gedichte aus den Akten der Stasi auftauchen. Li-Z
Leipzig, 19.30 Uhr, Haus des Buches,
An die Lyrikerin Maria Luise Weissmann (1899–1929) erinnert ein aktueller Eintrag im Autorenlexikon des Literaturblogs Bayern.
Weg im Nebel
Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan,
Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.
Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer,
Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.
Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht
Das Wesenlose aus den fahlen Gründen
Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.
Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum,
Flieh’n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden,
Es fliehst du, Herz. Es floh’n die Zeit, der Raum.
Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum.
Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden,
Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.
(zitiert nach http://www.wortblume.de/dichterinnen/)
Um das „Alleinsein der Sterbenden“ ging es dem polnischen Dichter, als er 1943 in Warschau sein Gedicht „Campo de Fiori“ schrieb. Um Menschen, denen an der Schwelle zum Tod die Sprache fremd geworden ist. Milosz verknüpft darin die Geschehnisse im Warschauer Ghetto mit dem Schicksal des Philosophen Giordano Bruno, der im Jahr 1600 an der Schwelle zur Neuzeit als letzter großer Denker auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde – auf dem Campo de Fiori in Rom. Rom und Warschau sind dem Dichter gleichermaßen Orte, an denen banales Alltagsleben und das Unfassbare nebeneinander stattfindet, und an denen Sprache versagt. / Märkische Oderzeitung
Die Deutsche Presse-Agentur hat Kurator Politycki mit den Worten zitiert, er spreche sich für eine „neue Unlesbarkeit“ der deutschen Gegenwartsliteratur aus, die nicht jeden „Tausendsassa, die jetzt auch noch ein Buch schreibt“ im Club der Schriftsteller willkommen heißt. / fabmuc.de
Autoren antworten, darunter Andreas Heidtmann:
Es mag sein, dass Erzählungen und Romane, vor allem Debüts, immer wieder eine gewisse Vergleichbarkeit aufweisen, es wird zuweilen wenig erlebt und das wenig Erlebte schlicht beschrieben. Aber die Literaturlandschaft ist viel zu differenziert, als dass man ihr mit allgemeinen Etiketten beikommen könnte. Wir haben, etwa auch in der Lyrik, viele Autoren, die sich gerade von der Alltagslesbarkeit abwenden und mit großer Kenntnis und Intuition mit der Sprache arbeiten, so dass wir alles andere als eine auf Lesbarkeit abzielende Dichtung haben.
oder Alexander Gumz.
Andere sehen die Sache anders, so naturgemäß Hundertsassa Anton G. Leitner, der sich selbst zitiert und von Politycki enttäuscht ist:
Wenn ich mich recht erinnere, haben wir fürs Literaturfest München Lyriker ausgesucht, die eher „lesbare Texte“ produzieren und deshalb beim Vortrag ein Publikum begeistern können. Hat inzwischen ein Paradigmenwechsel stattgefunden?
Wenn ich mich recht erinnere, gibt es in München eine fabelhafte Lyrikbibliothek, auf die Berlin neidisch sein kann.
Der Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker ist indes zunächst vor allem als Bandleader der Plastic People of the Universe berühmt geworden. Er unterzeichnete die Charta 77. Aus politischen Gründen wurde er in den 1970er und 1980er Jahren fünfmal verurteilt und verbrachte insgesamt achteinhalb Jahre im Gefängnis. Nach der Samtenen Revolution wurde Jirous Mitglied des PEN-Klubs. Der Dichter engagierte sich auch weiterhin politisch. Er setzte sich beispielsweise für die Errichtung einer US-amerikanischen Raketenabwehr-Radaranlage in Mittelböhmen ein.
Ivan Martin Jirous, auch bekannt unter seinem Pseudonym Magor (* 23. September 1944 in Humpolec, Protektorat Böhmen und Mähren; † 10. November 2011 in Prag) war ein tschechischer Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker. Er war eine der zentralen Figuren des tschechischen Underground.
Er war der Initiator der Musikgruppe Plastic People of the Universe, deren Verbot durch das Regime einer der Anlässe für die Charta 77 war.
Ivan Martin Jirous (September 23, 1944[1] – November 10, 2011[2]) was a Czech poet, best known for being the artistic director of the Czech psychedelic rock group The Plastic People of the Universe and later one of organizers of Czech underground during the communist regime. He is also known more frequently as Magor, which can be roughly translated as „loony“ or „blockhead“ and is supposedly derived from „phantasmagoria“, author of this nickname is „experimental“ poet Eugen Brikcius.[1] His wife, Věra Jirousová, wrote a good number of the Plastics‘ early lyrics.
Trained as an art historian but unable to work as such under the Communist regime in then Czechoslovakia, Magor/Jirous was a member of the dissident subculture there. His particular contribution to Czech dissidence was his work on the concept of the „Parallel Polis,“ or „Second Culture.“ Magor believed that simply expressing oneself through art could ultimately undermine the totalitarian system.
He was friends with Václav Havel, and is mentioned several times in Havel’s Letters to Olga.
References
External links
The Prague Post Blogs / Ivan Jirous: Madman From the Underground, Prague Post /
Heute neu in poetenladen.de vier Gedichte von Frauke Tomczak, eines davon mit dem Titel »Pan« .
Die in Gedichtform gegossenen Sedativa von befindlichkeitsfixierten Momentaufnahmen werden wohl niemanden aus der Siesta reißen. …
Obwohl Hummelts Texte vor allem die gediegene Ruhe von »pans stunde« wieder in die Lyrik bringen wollen, erahnt man noch den Versuch, Unruhe zu stiften, Widerspruch, Panik. Die Kontraste sind jedoch nur spärlich eingesät. Der Band dümpelt vor sich hin, mittagsfaul und bewegungsunfähig. Welche Dimension Hummelts Gedichte auch hätten bekommen können, welches politische Potential in ihnen vielleicht sogar stecken könnte – es wird verdrängt von klebrigem Pathos und stilisiertem Kitsch. / Kristoffer Cornils, junge Welt 7.11.
Norbert Hummelt: pans stunde. Gedichte. Luchterhand, München 2011, 96 S., 16,99 Euro.
„Was ist das eigentlich, was Du schreibst?“ haben wir Wolfram Lotz gefragt, nachdem wir seinen Text das erste Mal gelesen hatten. Es ist in einem Zwischenbereich von Lyrik und Prosa angesiedelt und trägt jetzt den UntertitelListe, der am treffendsten beschreibt, was der Wahl-Leipziger macht. Eine Liste der Dinge, Worte, Bilder, die irgendwie scheinbar nutzlos wie Fusseln an der Gegenwart haften. / Parasitenpresse
In der griechischen Literatur der 1950er-Jahre war es fast ein Verbrechen, über Bäume zu reden oder Liebesromane zu schreiben. Beides war bei der Kritik verpönt. Es gab aber eine kleine, engagierte Leserschaft, die eifrig alles las, was die Verlage publizierten, vor allem Lyrik. Bis in die 1970er-Jahre erlebte sie ihre Blütezeit. Auch diejenigen, die sie nicht lasen, konnten sie anhören, nicht vorgetragen, sondern vertont von Komponisten wie Mikis Theodorakis oder Stavros Xarchakos. Die Gedichte der Nobelpreisträger Jorgos Seferis und Odysseas Elytis, die von Jiannis Ritsos und Nikos Gatsos wurden überall gesungen. Vielleicht, weil die Bäume fehlten. Es es gab fast keine mehr nach dem Bürgerkrieg. Die meisten waren niedergebrannt worden, was übrig blieb, wurde als Brennholz verwendet. …
Griechenland war nach dem Bürgerkrieg ein armes Land mit einem hohen kulturellen Niveau. Es waren nicht nur die großen Namen der griechischen Literatur – darunter Nikos Kazantzakis, Andreas Frangias und Jiannis Maris -, auch Theaterleute wie Karolos Koun, Filmemacher wie Theo Angelopoulos und Maler wie Alekos Fassianos und Jiannis Tsarouchis gehörten zur Elite. Griechenland war ein armes Land, das aber „die Kultur der Armut“ sehr gut beherrschte. / Petros Markaris, Die Presse
Die literarischen Undergroundstars dieser Republik lassen sich an einer Hand abzählen: Da gab’s den fesselnden Storyteller Jörg Fauser, den rücksichtslosen Rolf Dieter Brinkmann, den zum Islam konvertierten Kommune-1-Bewohner Hadayatullah Hübsch, den Bukowski-Übersetzer Carl Weißner und den Rockpoeten Wolf Wondratschek. Dann ist da noch der 1935 geborene Jürgen Ploog; im Berufsleben war er 33 Jahre Linienpilot der Lufthansa, literarisch ambitioniert und von dandyhafter Erscheinung.
Befeuert von und befreundet mit William S. Burroughs, der amerikanischen Beat-Generation-Legende, experimentiert Ploog ebenso wie sein berühmter Kollege mit der Cut-up-Technik; dabei werden Textfragmente über Zufall- oder andere Prinzipien mehr oder weniger rücksichtslos zusammengestellt, so dass sie als ein geschlossener Text erscheinen. Nicht selten zerfällt dieser vermeintlich geschlossene Text beim Lesen wieder in seine Einzelteile. Im „Kino der Wahrnehmung“ vermischen sich ständig Erinnerungen, Erlebnisse, Träume, Phantasien. / Arne Rautenberg, Saarbrücker Zeitung 5.11.
Jürgen Ploog: Unterwegssein ist alles. Tagebuch Berlin-New York, SIC-Literaturverlag, 152 S., 19 €
Und was ist dann ein Gedicht, wenn es keine Lautdichtung gibt? Ist die Lautdichtung von der Zeit abgestempelt? Wer bestimmt die Zeit? Die Armeen der tüchtig schreibenden konventionellen Lyriker?
Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 150f.
Die Lautpoesie ist die einzige Alternative zur visuellen Poesie.
Und umgekehrt.
Ebd. S. 144.
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