Lassen sich teure editorische Großprojekte nur aus einer editionstheoretischen und -praktischen Warte rechtfertigen oder auch vom vermeintlichen Kern der Literaturwissenschaft aus, also vom (cum grano salis) „Interpretieren“? Gibt es, zumindest für die ‚moderne‘ Lyrik seit Friedrich Hölderlin, aufgrund der hohen Anforderungen, die das Genre an seine Editoren erhebt, so etwas wie eine spezifische Problematik der Lyrikedition? Lassen sich systematische Zusammenhänge zwischen Lyrikedition und Gedichtinterpretation benennen? Ist an eine Theorie des Lesers kritischer Editionen zu denken und was wissen wir über den realen Leser? Diesem ehrgeizigen Fragenkatalog möchte sich der von Dieter Burdorf herausgegebene Sammelband stellen, und er tut es mit einem guten Dutzend Einzelstudien, die durch die Bank editionstheoretisch ambitioniert, auf der Grundlage profunder Kenntnis der jeweils in Frage stehenden Materialien, teils aus Herausgebersicht, über laufende und abgeschlossene Projekte berichten, Desiderate und Mängel benennen. So plädiert Bernhard Fetz für eine kommentierte Studienausgabe zu Ernst Jandl und moniert Lothar Bluhm die Kommentierungspraxis der historisch-kritischen Trakl-Ausgabe.
Als lyrischer Solitär auf der Schwelle moderner Lyrikproduktion erhält Hölderlin in dem Band eine allzu herausragende Position – ihm widmen sich gleich vier Beiträge. Weiter geht es mit Stefan George, Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und Gottfried Benn, schließlich folgen Paul Celan und Ernst Jandl. / Jochen Strobel, literaturkritik.de
Dieter Burdorf (Hg.): Edition und Interpretation moderner Lyrik seit Hölderlin.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2010.
223 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783110231519
„Erwacht vom Schlaf / einer friedlich ruhigen Welt/durch Jokisen-Tee / mit nur vier Tassen davon / kein Schlaf mehr möglich in der Nacht.“ Dieses völlig unspektakulär wirkende japanische Gedicht aus dem 19. Jahrhundert enthält eine politische Botschaft: In den vier Tassen Tee verstecken sich die vier Kriegsschiffe des Commodore Perry, mit denen die USA 1854 Japans Öffnung nach Westen erzwangen. Anfang vom Ende einer Kultur, deren späte Massenprodukte Europas Kunst mit prägen sollten: Farbholzschnitte, zunächst als Verpackungsmaterial über den Pazifik gelangt, prägen bis heute unser Bild von Nippon. Dabei galten die Ukiyo-e, „Bilder des fließenden Lebens“, genannten Drucke in Japan selbst bis vor wenigen Jahrzehnten als zweitrangiges Kunsthandwerk. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung
***
# 003 / LEICHTE GEOGRAFIE
***
HANNES BECKER / TIMO BERGER / CHARLES BERNSTEIN / TOM BRESEMANN /
JÜRGEN BRÔCAN / RICHARD DURAJ / DANIEL DURAND / ISRAEL ENCINA / ULRICH
HOLBEIN / JAN KUHLBRODT / PAZ LEVINSON / LÉONCE W. LUPETTE / MATHIAS
MONRAD MØLLER / KERSTIN PREIWUSS / VALERI SCHERSTJANOI / VOLKER
SIELAFF / MARCELO SILVA / ECKARD SINZIG / ORHAN VELI / ACHIM WAGNER /
BENEDIKT WAHNER / ULJANA WOLF
***
***
HERAUSGEGEBEN VON TOBIAS AMSLINGER / NORBERT LANGE / LÉONCE W. LUPETTE
UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT DER LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG
HADAYATULLAH HÜBSCH
Beats und Poetry
1. Poetry Memorial für
Paul Gerhard „Pidschie“ HADAYATULLAH HÜBSCH

Live-Poetry-Performances von u.a.
Theo Köppen (Göttingen)
Kersten Flenter (Hannover)
Robsie Richter (Hanau)
Alexander Pfeiffer (Wiesbaden)
Dirk Hülstrunk (Frankfurt)
Ken Yamamoto
Musik:
Die Double Dylans (Frankfurt)
Jonny hates Rock (Band, Hanau)
Wolfgang Wüsteney
Kurzauftritt: Tom Ripphahn (Hands on the Wheel) singt Jocco Abendroth
und Überraschungsgäste
plus Büchertisch, Projektionen
Über Hadayatullah Hübsch:
Geboren am 08.01.1946 in Chemnitz, lebte in Frankfurt am Main, Kommune 1 in Berlin, betrieb Ende der 60er in Frankfurt den “Heidi loves you Shop” (Deutschlands erster Hippie-Head-Shop), erster Gedichtband 1969 bei Luchterhand, Kriegsdienstverweigerer, schrieb u.a. für das Feuilleton der FAZ, konvertiert zum Islam, langjähriger Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Hessen, Mitbegründer der Dichtergruppe 60/90, Leiter des Verlags “Der Islam”, Herausgeber der Zeitschrift “Holunderground”, Namensvater des ersten Social-Beat Festivals in Berlin 1996, Wahl zum “Deutschen Literatur-Meister”, der Kölner Express nannte ihn “Bühnen-Vulkan”.
Gestorben am 04.01.2011, beerdigt in Frankfurt an seinem 65. Geburtstag.
Bert Brecht ließ in einer Keuner-Geschichte auf die Frage, woran er gerade arbeite, Herrn Keuner antworten, dass er sich große Mühe gebe: Er bereite gerade seinen nächsten Irrtum vor. Mit diesem Verweis auf die Schwierigkeit, Gedichte und Literatur zu interpretieren, schloss Michael Braun seine Laudatio über den Gewinner des Kranichsteiner Literaturpreises, den Lyriker Jan Wagner, bei der Preisverleihung am Freitagabend im Mollerhaus. Jan Wagner, der als Meister der lyrischen Formen gilt, erkunde in seinem neuesten Lyrikband „Australien“ ferne Gegenden – nicht im geografischen Sinne, sondern „entlang der Imagination“, was „Existenzerkundung und Weltentdeckung“ bedeute, so Michael Braun.
Neben Jan Wagner erhielten Marion Poschmann ein New-York-Stipendium, Sudabeh Mohafez ein London-Stipendium und Nino Haratischwili den Kranichsteiner Literaturförderpreis. …
Marion Poschmann wird diesen Zeitraum in New York verbringen. Juror Burkhard Müller lobte ihren Gedichtband „Geistersehen“, in dem Poschmann das nicht Greifbare, sich schnell Verflüchtigende und Veränderbare „festbannte“ in „gedanklicher Komplexität“. So auch in der streng gebauten „Hundenovelle“, die Trostloses in „schillernder Ästhetik“ aufleuchten lasse und dies mit der zusätzlichen „Qualität des Moralischen“ verbinde. / Darmstädter Echo
„ist eine Publikationsadresse für neue Literatur. Die Editoren verstehen das Netz als einen Ort, an dem Formen ästhetischer Präsentation erprobt werden, die dem Medium angemessen sind und den Wahrnehmungsverläufen von Netzbenutzern entgegenkommen.“
Bei Acta Litterarum finden sich nur wenige Autoren, deren Werke, die z. T. nicht mehr als Bücher erscheinen, sukzessive herausgegeben werden. So dasjenige von Thomas Körner, der seine Aufarbeitung der DDR dort vorantreibt: http://www.actalitterarum.de/autoren/thomas_koerner.html
Von Ulrich Schödlbauer, dem Herausgeber, findet sich u. a. der Gedichtband „Jonas“: http://www.iablis.de/actalitterarum/us/ionas/index.html
Von Paul Mersmann, Maler und Schriftsteller, werden umfangreiche Malereien insbesondere auf der Nachbarseite Grabbeau sorgfältig aufbereitet:
http://www.iablis.de/grabbeau/raum/mersmann/bilder/krellhinzen.html
Mit „Einträge 08“ von Ralf Willms handelt es sich um „Notat-Gedichte“, die auch als Hörfassung vorliegen: http://www.actalitterarum.de/autoren/ralf_willms.html
Seit 1991 vergibt die Stadt Fellbach im Andenken an den Dichter Eduard Mörike den Mörike-Literaturpreis. 2012 erhält der in Berlin lebende Romanautor und Erzähler Jan Peter Bremer diese Auszeichnung. Er wird den Preis am 7. März 2012 entgegen nehmen. Den Förderpreis in Höhe von 3 000 Euro hat Jan Peter Bremer dem Lyriker Konstantin Ames zuerkannt. Die Verleihung des Mörike-Preises ist stets mit den Fellbacher Literaturtagen verknüpft. Sie dienen der Beschäftigung mit dem Werk des Preisträgers, beleuchten aber auch Mörike selbst immer wieder neu. / SWR
Hier eröffnet das einem Lüpertz-Gedicht von 1982 entsprungene Ausstellungsmotto „Mauern aus Glas“ den Künstler in seiner ganzen neoexpressiven Vielseitigkeit. Der Kunstverein Ulm präsentiert anlässlich des 70. Geburtstags von Lüpertz (25. April) in seiner Klassikerserie von Penck bis Baselitz den „Vater der Neuen Wilden“ mit einer Auswahl von Gouachen und Werken in diversen Drucktechniken sowie plastischen Arbeiten.
Die Urgründe des „Dithyrambenkünstlers“, der die Gegensätze von Gegenständlichkeit und Abstraktion als Reaktion auf die Pop Art schon immer zu einer Synthese der „Anmut“ verbinden wollte, beginnen in einer südöstlichen Dokumentationsvitrine. / Augsburger Allgemeine
Der 35-jährige Tobias Falberg hat den Feldkircher Lyrikpreis 2011 gewonnen. Der Deutsche überzeugte die Jury mit „seiner direkten, aber unaufdringlichen Art des Sternegreifens“. Der zweite Preis ging an die Tirolerin C.H. Huber, der dritte Preis an die Allgäuerin Claudia Scherer. / orf
Im Frühjahr 2012 eröffnet in der Lettretage die erste Berliner Ausstellung von Bild-Text-Gedichten.
Die Literatur der in Israel eingewanderten europäischen Juden handelt immer wieder von der Sehnsucht nach den vier Jahreszeiten, den dunklen Wäldern, von Bären, Wölfen und Füchsen, den großen Flüssen, dem vertrauten Stadtbild, dem „Tollen im Neuschnee“, das Ilana Shmueli in einem ihrer Gedichte beschwört: „blendendes Weiß wie nie wieder.“ Und sie fährt fort: „Flieder von damals / und der Duft verborgener Veilchen // Gras frisch gemäht / glühende Sonne // das Träumen im Nussbaum / kleine grün-braune Finger auf rauher Rinde // das alles lässt sich’s noch nennen?“
Ilana Shmueli war durch ihre Gedichte, ihre Aufzeichnungen und Briefe die wohl letzte Repräsentantin von Czernowitz, das in Israel eine Heimat fand, jener Welt des Klein-Wien, der Musik und der vielen Sprachen, des Rumänischen, Jiddischen, Russischen und Ukrainischen, des Hebräischen und Deutschen. …
Am 11. November ist Ilana Shmueli in Jerusalem gestorben, mit einer letzten Frage, die sie vor Jahren notiert hatte: „In welcher Sprache wird der Tod zu mir kommen?“ / Thomas Sparr, Die Welt
Kaum zufällig beginnt der Band mit einem Kapitel, das einen treffenden Titel trägt und so etwas wie eine Mini-Autobiografie, mithin auch eine Mini-Poetik Scherstjanois präsentiert: «Liebes Deutschland, ich lebe seit 30 Jahren in dir, mit dir. […] Ich hätte früher nie daran gedacht, dass ich in deiner Sprache schreiben werde. In deiner Sprache mich scheiden lassen werde oder neu verlieben.» Dennoch bleiben hier die Leidenschaften, die Prägungen (vor allem die künstlerischen) seiner alten Heimat stets transparent; einzelne Kapitel sind denn auch wiederum Majakowski, aber auch etwa Daniil Charms, Kandinsky, Marinetti, Chlebnikov, Kurt Schwitters und Carlfriedrich Claus in unterschiedlichen Variationen gewidmet. Und: die sie umgebenden und von ihnen geprägten avantgardistischen Strömungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden dabei spielerisch und mit stilistischem Feingefühl ebenfalls porträtiert. Daher fehlt auch nicht ein Kapitel zu Programm bzw. Programmatik bzw. zur Theorie der Lautpoesie. Darin zeigt sich Scherstjanoi erneut als großer Kenner «seiner» – insbesondere futuristischen – Tradition und zudem als versierter Aphoristiker wie gleichsam als «Manifestationist»: «[…] Poesie aus puren Lauten oder Sprachlauten, Mundartistik, / mein Niemandsland, / ohne Staaten und Grenzen, / zwischen zwei Sprachen und Kulturen, / zwischen Russland und Deutschland.» / Oliver Ruf, Neue Zeitschrift für Musik 06/2011, Seite 92
Valeri Scherstjanoi
Mein Futurismus
Mit einem Nachwort von Michael Lentz
Verlag/Label: Matthes & Seitz, Berlin 2011
[…] Unter dieser Voraussetzung kann demnach verständlich(er) werden, welches Ausmaß an Überschreitung (und damit an Verletzung) für die Dichtung Celans konstitutiv ist. Es ist – das kann vorwegnehmend gesagt werden – so gewaltig, dass mit ihm eine Veränderung des Welt-Verhältnisses vorliegt. Ein Welt-Verhältnis, das durch äußerste Bereiche – verwendet man diesen Hilfsbegriff – erfahrbarer Asymmetrie gekennzeichnet ist. Wenn dies auch der Blick von einer gewissen Norm aus ist, die selbst in Frage steht. Letztlich geht es um das Verhältnis zwischen zwei Werte-Kategorien, das als „symmetrisch / asymmetrisch“, „homogen / heterogen“ oder noch anders bezeichnet werden kann: um diejenige vom Wunden-Träger und diejenige vom Vertreter der jeweiligen Norm. Aus Sicht des Letzteren mag lediglich eine „Störung“ vorliegen. Doch würde damit auch alles verkannt, was mit dieser anderen (mehr als komplementären) Existenz- und Seh-Weise möglich wird. So gehört zu den Grund-Unterschieden, um ein Beispiel zu nennen, dass im Werk Celans die Wunde gezeigt wird, während der Normbereich jedweden gesellschaftlichen Daseins auf Verdeckung aus ist. Das Verhältnis der beiden Kategorien – es zu sehen und anzuerkennen –, die wie ein Begriffspaar einander bedingen (und das jeweilig andere hervorbringen), ermöglicht ein Gespräch, aus dem Einsichten gewonnen werden können, die bei einem Blick auf die feststehende Geschichte vermisst werden.
Die Sprache des Wundenträgers, um einen zweiten Grund-Unterschied zu nennen, ist somit eine andere und nicht, wie Levi und auch Agamben in Bezug auf Celan meinen, „keine“. Ihr liegt eine Gewalt und eine Schwächung zugrunde, aus der sich eine andere Art von Sensibilität als Voraussetzung – also eine andere Voraussetzung – ergibt. Eine Sensibilität, die sich nicht nur der Veranlagung verdankt, die über die üblichen Lernprozesse weit hinausgeht und auf überraschende Weise wahr spricht.
Aus: Ralf Willms: Das Motiv der Wunde im lyrischen Werk von Paul Celan. Historisch-systematische Untersuchungen zur Poetik des Opfers, AVM Verlag 2011, 975 S., 2 Bände, € 99,50
Der Klappentext:
Die Studie enthält einen historischen Teil, der das Motiv und Phänomen der Wunde aus über 4000 Jahren Menschheits- und Literatur-Geschichte punktuell erforscht, sowie einen theoretischen Teil, der – bei aller Vorsicht gegenüber Theorien – als höchst geeignet erscheint, das Werk Celans nochmals neu zu verstehen. So handelt es sich mit den umsichtigen Gedicht-Interpretationen, die auf dieser Grundlage vorgenommen werden, um ausgewählte Beispiele eines erweiterten Verständnisses, in Kernpunkten um eine Neuinterpretation des lyrischen Werkes von Paul Celan auf der Basis bisher vorhandener Forschung.
Mitte der 90er Jahre streifte Andri Snær Magnason, so erzählt er es selbst, einmal durch einen Supermarkt der Kette „Bónus“ in Reykjavik. „Ich empfand eine gewisse Leere. Der Laden war voller Buchstaben und Botschaften, aber es gab keine Geschichten, keine Gedichte.“ Magnason ging zum Chef der Kette und bot ihm einen Lyrikband an. Bald standen seine „Supermarktgedichte“ bei Bónus im Regal. Eines hieß „Liebesgedicht an Kasse 1“: „Früher war mein Leben ein Schwarz-Weiß-Fernseher / und an einem guten Tag / kam manchmal etwas Schärfe in die Grautöne /aber nie mehr als das / Dann kamst du / Jetzt ist das Leben ein 40-Zoll-Bildschirm / in Farbe und 3D / die Vögel singen in Stereo“.
„Kapitalrealismus“ nannte Magnason das Genre seiner Gedichte, halb ernst, halb ironisch. Anfang zwanzig war der Autor damals, am Beginn seiner Laufbahn. Heute ist er einer der prominentesten Autoren Islands. / Thomas Steiner, Badische Zeitung 26.11.
Der isländische Autor Andri Snær Magnason hält am Sonntag in der Reihe „Capitalism Now“ einen Vortrag im Theater Freiburg.
Nach dem Studium sollte Georg Hoprich Redakteur der deutschen Abteilung des rumänischen Jugendverlages werden und hatte dort unter anderem einen Pastior-Band geplant. Am 5. Juni 1961, kurz vor Abschluss seines Studiums, wurde er vom Geheimdienst verhaftet. Ein Stubengenosse im Wohnheim hatte auf einer Postkarte zum gewaltsamen Widerstand gegen die Zwangskollektivierung aufgerufen und in anschließenden Verhören seine Mitbewohner belastet. Wegen „deutschnationaler Umtriebe“ wurde Hoprich in einem stalinistischen Schauprozess zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als Beweisstück musste das Gedicht „Schweigen“ herhalten. Nach drei Jahren wurde er aufgrund einer Amnestie entlassen.
Schweigen
Wir schweigen, was wir nicht vergessen –
Der Becher steht gefüllt mit Leid.
Wir stehen starr, wenn andre essen;
wir sind entfernt und ausgereiht.
Das Nächste schleppt sich wie gebrochen –
Wir sind ein Weh, das bitter haucht.
Wir haben immer stumm gesprochen;
Die wirre Nacht ist nicht verraucht.
Das schlichte Dasein das wir führen,
bleibt schwer wie Erde, dumpf wie Geld.
Wir sind ein blasses Volk, wir ernten
die Tränen von dem Bitterfeld.
Erinnerung
Aus blauen Augen sah ich Kind,
Wie durch Regen und Sonne und Staub und Wind
Die Zeit trottete.
Der erste Winter, der mir bekannt,
War rauh. Der Vater schlief am Rand,
Ich in der Mitte, die Mutter an der Wand,
Das Bett war eng.
Der Sommer brachte zu uns Soldaten,
Sie kamen in Autos – russische Soldaten.
Mein Vater hinkte zu ihnen und reichte jedem die Hand.
Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band
Und verlor die Furcht vor Mitja.
Ein lichter Frühling wehte dann,
Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann,
Sich einen Holzfuss. Dann und wann
War in der Suppe auch Fleisch.
Du hast gefehlt!
Einmal gegangen, und du bist nicht mehr.
Nur die Stürme kommen und gehn.
Du bist zwischen Sonne und Meer
Das Licht im Verwehn.
Du hast die Müdigkeit aus deinem Blick
Hingestreut zum Vorwurf der Welt.
Die Welt ward ein Gott, du ein Geschick,
Ein verlorenes Sandkorn, eine Welle, die zerschellt.
Du hast die Schuldlosigkeit nicht gemessen,
Die Stunde, die dich über alles hält.
Du hast dich vergessen.
Du hast gefehlt!
Februar 1966
Er hoffte rehabilitiert zu werden, um endlich in seinem Beruf als Lehrer arbeiten zu können. Seine bürgerlichen Rechte wurden jedoch nie wieder hergestellt, denn die einsetzende Rehabilitierungswelle betraf lediglich Mitglieder der ehemaligen rumänischen kommunistischen Partei, die in internen Machtkämpfen unterlegen waren. Im März 1969 starb Georg Hoprich durch Suizid.
Soeben erschienen:
Georg Hoprich
Bäuchlings legt sich der Himmel – Gedichte
Reinecke & Voß
ca. 100 Seiten
ca. 10 Euro
ISBN 978-3-942901-00-0
„ .. nicht häufig anzutreffende Geschliffenheit und Eleganz der Form“ Steffen Sienerth
„In kaum einer Nuance ließ sich dieser Dichter auf die gerade modischen Töne und Inhalte ein … Dabei fällt das Verletzliche, zutiefst Verwundbare und Zerbrechliche … in fast allen Gedichten auf … Die innere Vibration ihrer Melodie ist unerreicht.“ Hans Bergel
Mit Ausflügen in [Heiner] Müllers späte Lyrik und den berührenden „Traumtext“ bringen Bernd Konrad (Saxophone), Frank Lettenewitsch als Sprecher und Guido Kasper mit Bildprojektionen diese Texte zum Klingen wie ein großes Gedicht. Zu erleben in der Spiegelhalle [in Konstanz] am Sonntag, 27. November, 20 Uhr. / Südkurier
Neueste Kommentare