80. Der neue Irrhain

Hier aus jederzeit gegebenem Anlaß ein Auszug aus meinem „Atlas der Lyrik“, Blatt 476: Irrhain der Gegenwartslyrik. (Nur die Beschriftung ist noch gesperrt, da in beständiger Überarbeitung).

Für Klaj, Kusz & Co!

79. Nach dem Open Mike

Wie die beiden Jurorinnen des diesjährigen Open Mike Felicitas Hoppe und Kathrin Schmidt dem Wettbewerb publizistisch hinterher treten, ist schon interessant. Erst Felicitas Hoppe, die den zur Preisverleihung anwesenden Journalisten im Grunde folgendes einigermaßen wirre Fazit in die Blöcke diktierte „Handwerklich solide, publikumswirksam vorgetragen, aber alles viel zu solide zu publikumswirksam vorgetragen. Weil uns das sehr verstört hat, haben wir die solidesten und publikumswirksamsten ausgezeichnet“ . Nun gesellt sich Kathrin Schmidt hinzu, die in einem Beitrag auf fabmuc unfertigen Poetiken und schlecht vorgetragenen Lyriklesungen hinterhertrauert. (Sorry für die polemische Reduktion, aber wie soll man das im Kontext sonst verstehen?) „Man ist ja schon froh, wenn einer sich in der Bescheidenheit übt, einfach seine Arbeit vorstellen zu wollen.“

Was Hoppe wie auch Schmidt da machen, ist relativ problematisch. Die Vortragsweise – an der nun wirklich nichts aber auch gar nichts auszusetzen war – wird perfide gegen die Autoren verwendet. Das klingt für mich schon eher nach Generationenkonflikt und eigener Verunsicherung denn nach echter Auseinandersetzung mit dem, was da kam. Im Grunde sagten beide Jurorinnen (insbesondere zum Großteil der Lyrik): ich kann damit nichts anfangen. Weil das aber den eigenen Standpunkt in Frage stellt, muss das, womit man nichts anfangen kann, geschwindelt sein. Deswegen benutze ich das an sich überzogene Wort „perfide“, denn ehrlich gesagt glaube ich, haben sich beide Jurorinnen die Motivation ihrer Äußerungen nicht eingestanden. „Perfide“ ist also nicht so gemeint, dass ich einen Vorsatz erkenne, sondern auf die Auswirkung der Aussagen bezogen.

Der Vorwurf, hier würde eine Vortragskunst mangelnde Qualität zukleistern, den man ja vertreten kann, wenn man die vorgestellte Lyrik nicht mag, wird leider in einen grundsätzlichen Professionalisierungsvorwurf (ist das wirklich ernst gemeint?) verkleidet.

Und ausgezeichnet wurde in der Prosa dann doch ausgerechnet eine Autorin, die eine brillante Inszenierung ihres Textes geradezu verkörperte. Es war eine schiere Freude der Gewinnern Christina Böhm zu lauschen. (So schädlich scheint professionelles Schreiben und Lesen also doch nicht zu sein… was denn nun?)

Bei der Lyrik hat man sich ebenfalls exzellent entschieden. Aber! man hätte durchaus zahlreiche sehr weltgewandte Lyriker zur Verfügung gehabt, die nicht dem anderen Vorwurf gegen die Beiträger entsprochen hätten, sie schrieben privat, zu selbstbezogen oder wie an anderer Stelle gern vorgetragen zu „mild“. Bei aller Wertschätzung für Sebastian Unger, seine Gedichte sind großartig, er ist zurecht ausgezeichnet worden. Allerdings macht die Auszeichnung unter den Vorzeichen solcher Vorwürfe wenig Sinn. Seine Gedichte waren nun gerade eben dies, die Verarbeitung relativ zeitlosen individuellen Leids. Aber dafür dann demütig genug vorgetragen? Will Kathrin Schmidt die Auszeichnung im Nachhinein so begründen? Eine Frechheit gegenüber dem Ausgezeichneten wie gegenüber jenen, die nicht ausgezeichnet wurden.

Mir haben alle ausgezeichneten Texte selbst ausnehmend gut gefallen, ich kritisiere nicht die Preisträger, sondern den Stil der Jury. (An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass luxbooks dieses Jahr die Vorauswahl der Lyrikbeiträger  vorgenommen hat, dass wir große Freude dabei hatten und es mit durchweg exzellenten, spannenden Lyrikern zu tun hatten, dass ich auch deswegen das Gefühl habe, hier widersprechen zu müssen.)

Felicitas Hoppe hat aus ihrer  Rede „an die Autoren“ einen Nachsatz gegen die Autoren des Wettbewerbs gemacht. Damit hat sie dem Preis und den von ihr Ausgezeichneten (man betrachte die Nachberichterstattung, alle machen aus der Bemerkung Hoppes das Grundfazit) mutmaßlich unwillentlich arg geschadet. Dass Kathrin Schmidt dies nun fortführt, stimmt nachdenklich.

Was mich besonders ärgert, ist eigentlich dass der Professionalisierungs-/Handwerklichkeitsvorwurf für nicht Dabeigewesene also für alle, die über den Open Mike in den Medien lesen, die Assoziation „zu glatt“ und „langweilig“ erzeugen muss. (Gemeint war ja eigentlich das Gegenteil, zu sehr auf Marktgängigkeit schielend). Dabei war die Prosa keineswegs immer handwerklich solide, sondern teilweise katastrophal schlecht. Die Lyrik hingegen war alles andere als „glatt“ oder langweilig, sie war kantig, vielseitig, gesellschaftsbezogen und lustvoll vorgetragen. Sie war auch keineswegs privatistisch/irgendwie befindlich wie es an anderer Stelle über die diesjährigen Beiträger hieß. Das konnte man für einen Großteil der Prosa durchaus sagen, wobei das aus meiner Sicht eher Feststellung denn Vorwurf ist. Warum sollen sich Autoren nicht mit sich selbst befassen? Was ist das bitte für ein literarischer Maßsstab? Es ist schlicht Ausdruck eines eigenen Lektürewunsches, also vom Kritiker selbst recht privatistisch gedacht.

Ich empfinde beide Äußerungen als verdammt schlechten Stil. Man stellt sich als Juror eines Wettbewerbs doch nicht hinterher hin und wirft allen Teilnehmern und damit auch den Ausgezeichneten und damit der eigenen Arbeit Dreck hinterher. Dann vergibt man konsequenter Weise keinen Preis. Die Jury will hier gleichzeitig die feuilletonistische Arbeit übernehmen. Dass dann im Nachhinein auch noch ein einzelner Autor von Kathrin Schmidt herausgepickt und ziemlich hässlich angegangen wird, finde ich eine ziemlich leichtfertige Frechheit.

Christian Lux
luxbooks

78. Handapparat Heslach

Aber Stolterfoht wäre nicht Stolterfoht, wenn er authentisches Wissen verbreiten würde. „Alles erfunden“, sagt er. Pseudoautobiografisch sei der Band. So hat der 48-jährige die Sage erfunden, dass die Heslacher Kinder von Hunden aufgezogen wurden, weil ihre Eltern auf Wanderschaft gingen, um die Menschen mit Free Jazz zu unterhalten. Außerdem hat er den Bewohnern eine eigene Sprache angedichtet und das Gerücht in die Welt gesetzt, dass in den Jugendzimmern nicht der banale „Bravo“-Starschnitt von den Bee Gees hing, sondern einer von Helmut Heißenbüttel. Auch dieses gefälschte Relikt hängt jetzt im Literaturhaus. Der Wortkünstler Heißenbüttel lebte damals in Botnang und Stolterfoht verehrte ihn als Schüler des Karls-Gymnasiums. Als zwei Schülerzeitungsredakteure zum Heißenbüttel-Interview aufbrachen, ging er aus lauter Ehrfurcht nicht mit.

„Sie kamen dann mit einem skandalösen Text am Rande der Pornografie zurück“, erzählt er. Und so steht jetzt auf der großen Zitate-Wand unter anderem eben jene Textpassage aus dem Gedicht, in der Stolterfoht diese Begebenheit schildert. Die betextete Wand bildet das Zentrum der Ausstellung. „Ich habe dafür Texte und Fragmente ausgewählt, zu denen es etwas anzumerken gibt“, erklärt der Autor. Die Verweise unter seinen eigenen Texten sind somit Bestandteile des Handapparats. / Sybille Neth, Stuttgarter Zeitung

Ausstellung Handapparat Heslach wird am Freitag, 16 Uhr, im Literaturhaus eröffnet.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Februar 2012.

77. Ermordet

In Moskau wurde am Mittwoch die Leiche eines tschetschenischen Dichters und Wissenschaftlers aufgefunden. Die Ermittler sprachen von einem Auftragsmord.

Ruslan Achtachanow wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen, der Mörder floh in einem Auto.

Menschenrechtsorganisationen werfen dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadirow vor, Folter und Massenhinrichtungen gegen islamistische Kämpfer anzuwenden. / Reuters, 20minutes.fr

76. „Mein Hang zum Konservativen“

Der open mike ist als Geschäftstürenöffner gedacht für junge Autoren. Was mir auffiel: Jeder junge Autor scheint über eine ausgearbeitete Poetik zu verfügen, ist ein Vortragsgenie und versucht mitunter, aus Scheiße Bonbon zu machen mit vollendeter Performance. Zwischen der Zeit (und dem Ort, zugegeben) meines Beginns und der heutiger Autoren liegen Welten. Man ist ja schon froh, wenn einer sich in der Bescheidenheit übt, einfach seine Arbeit vorstellen zu wollen. So fertig geben sie sich, die Jungen unter uns, dass  mir schwindlig wird. Dabei waren zum Beispiel die Gedichte eines Lyrikers, las man sie, entgegen der ausgestellten Setzung mit Längsstrichen, Zeilenbrüchen, rechts und links im Blocksatz gestellten Blöcken, hintereinander weg, geradezu einfach, um nicht zu sagen schlicht. Umso größer war mein Erstaunen, dass man mir hinterher sagte, man wundere sich, dass dieser Lyriker den Lyrikpreis nicht bekommen habe. Ja, da kommt mir mein Hang zum Konservativen doch seltsam vor, ich fühle mich alt dabei und mag dennoch nicht glauben, dass ich mich grundsätzlich irre. / Kathrin Schmidt, fabmuc

75. Ausgetrickst

Wie Joan Baez und Biermann die Stasi austricksten, erzählt Norbert Koch-Klaucke im Berliner Kurier.

74. Literaturförderung

Die Hamburger Kulturbehörde vergibt jährlich Förderpreise für Literatur und literarische Übersetzungen. In diesem Jahr haben sich etwa 200 Schriftstellerinnen und Schriftsteller an dem Wettbewerb beteiligt und ihre Texte anonymisiert eingereicht. Die unabhängige Jury hat entschieden, dass die mit jeweils 6.000 Euro dotierten Förderpreise für Literatur 2011 an folgende Schriftsteller gehen: Isabel Bogdan, Alexander Häusser, Ulrich Koch, Karen Köhler, Dietrich Machmer und Inga Sawade.

Je einen Förderpreis für literarische Übersetzungen über 2.500 Euro erhalten Ursel Allenstein, Ingo Herzke und Susanne Höbel.

Übersetzt wurden zwei Werke aus dem amerikanischen Englisch und eines aus dem Dänischen.

Die Preise zur Literaturförderung gingen an zwei Romane, zwei der Schriftstellerinnen und Schriftsteller schrieben Lyrik und zwei Kurzprosa. / hamburg.de

73. Orpheus des Dorfs

Norbert Scheuer ist ein Ethnologe und Orpheus des Dorfs. Bereits 1997 erschien in kleiner Auflage der Lyrikband «Ein Echo von allem». Und diese (mittlerweile vergriffenen) Gedichte sind sämtlich in die «Neuen Heimatgedichte» eingegangen, und mit ihnen die stillgelegten Bergwerke, die Fossiliensammler, die Kiesgrube, die Mauersegler, die sich in der Luft begatten, die Sprudelfabrik und in der dem heiligen Dionysius geweihten Basilika die Sandalen von Jesus. Scheuers Poesie versucht keine formal riskanten Pirouetten. Sie bewahrt die scheinbare Einfachheit von Alltagsnotaten (da und dort klangliche Korrespondenzen oder rhythmisch begründete Leerräume). / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung 16.11.

Norbert Scheuer: Bis ich dies alles liebte. Neue Heimatgedichte. Verlag C. H. Beck, München 2011. 100 S., Fr. 24.90.

72. Lyrik-Pflichtlektüre

Ihre Texte sind Lyrik-Pflichtlektüre zum Abitur. Bisher sind fünf Bände, ein Essayband und zahlreiche Beiträge für Radio und Feuilleton erschienen.

Zusammen mit dem Pianisten und „Periphär-Instrumentalisten“ Franz Tröger, der es vermag, der Spieluhr nie Gehörtes zu entlocken, ebnet Gomringer den Zuschauern humorvoll und leicht den Weg zur Lyrik. / Deutsche Bahn AG

71. Einseitiger Frieden

Am Montag starb Franz Josef Degenhardt in einem Land, das längst einen einseitigen Frieden mit ihm geschlossen hatte. Die linke Verblüffung über die schlichte Zahl der Nachrufe, die von der WELT bis zur F.A.Z. beinahe überall erscheinen, verweist nicht nur auf Rundfunk-Sendeverbote und den SPD-Ausschluss des Kommunisten. Es ist der Hass des kleinen Deutschen – von Degenhardt nicht ohne Stolz in der »Großen Schimpflitanei« nachgesungen – der aufmerken lässt.

Degenhardt hat die bürgerlichen Phantasiewelten des Wirtschaftswunders vermutlich nachhaltiger zerstört als irgendein anderer Künstler – in der Sprache schauderhafter Poesie, nicht des empörten Parolengekeifes! Das gilt besonders für den »Deutschen Sonntag«, aber auch für den eigentlichen Hit des Liedermachers: »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«. Heute nimmt ihm das niemand mehr übel, der bösartige Zynismus ist schließlich künstlerischer Beweis neudeutscher Selbstkritik geworden – selbst Degenhardts eindeutige Parteinahme für Kommunismus, Sowjetunion und  DKP verbleiben als streitbares skurriles Detail am Rande. / Beatpunk

70. Lyrikerin + Mentor = Showbiz

Schon die Überschrift:

Hans Magnus Enzensberger in New York
Dichtung ist die höchste Form des Showbusiness

Da kommt die FAZ ins Singen:

Ein Mentor, dessen Glanz alle Schützlinge überstrahlt: Hans Magnus Enzensberger beweist bei einem ungewöhnlichen Auftritt in New York, dass Poesie reine Musik sein kann.

Schützlingin ist die 39jährige amerikanische Lyrikerin Tracy K. Smith. Mentor ist atürlich unser aller Hans Magnus. Im Auftrag der Firma Rolex hat er sie ein Jahr lang mentoriert, und jetzt sind sie zum Rolex Arts Weekend in New York zusammen mit anderen Meister-Schüler-Paaren zusammengetroffen.

Bestimmt hat sich die Mühe gelohnt, denn:

Trotz Harvard, Columbia, Stanford und Princeton, versichert er ihr, brauche sie sich nicht als college poet zu fühlen: „Du gehörst nicht nach Princeton.“ Nicht mit einer solchen Stimme. Und ob jemand eine literarische Stimme habe oder nicht, das höre er sofort. Ihrem New Yorker Publikum aber bietet Smith nur ein paar Töne, nur ein kurzes Gedicht, eine Art Liebesgedicht über einen, vielleicht ihren Psychiater, der schließlich einen Kieselstein von ihrer Zunge hebt. In der sehr romantischen, sehr gefühlig aufrauschenden Vertonung des jungen Komponisten Gregory Spears, der selbst den Klavierpart übernommen hat, gibt es das Gedicht dann ein zweites Mal in Mezzosopranlage zu hören.

Ach wer da mitsingen könnte, ach was, auch die FAZ singt da mit:

Da ist längst der Schatten des mächtigen Mentors über die gesamte Veranstaltung gefallen. Hans Magnus Enzensberger bemüht sich aufrichtig, der ihm anvertrauten Lyrikerin den Vortritt zu lassen, aber es hilft nichts. Er sitzt im hellsten Glanz des Scheinwerferlichts, er zieht es an, offenbar magnetisch, ob er es nun will oder nicht. …

Jedenfalls nimmt Enzensberger die Gelegenheit wahr, althergebrachte Grenzen des Dichters und der Dichtung in Frage zu stellen und die Grenzüberschreitung zum Showbusiness hin nicht von vornherein auszuschließen. Als Fan von Cole Porter gibt er sich zu erkennen, diesem Genie sui generis. Er empfinde da keinerlei Verachtung, im Gegenteil, es sei ein große Gabe. Allerdings, leider: „It’s not my talent!“

Nicht seine Begabung? Das Publikum lacht, aber eigentlich hätte es laut protestieren müssen. Der Dichter, der Intellektuelle als Entertainer, hier ward’s Ereignis. Gedankenflüge über exklusive Zonen schriftstellerischer Ästhetik werden mit eingängiger, geradezu ansteckender Verve absolviert. Später, als Enzensberger das Scheinwerferlicht wieder abgeschüttelt hat, beteuert er, dass er nicht gern aufs Podium steige. Aber einmal oben, gibt er dem Publikum, was ihm gebührt. Es soll nicht enttäuscht werden. Schon gar nicht in New York. In der Heimat des Showbiz hat der Dichter sich als dessen poetischer Meister erwiesen.

69. Einfach laut lachen zu dürfen

Die Verse von Ulla Hahn sind leicht zugänglich. Während sich viele junge Poeten der Gegenwart in blumiger Wortgewalt üben und nicht selten sich und den Leser schwindlig schreiben, bleiben Ulla Hahns Gedichte nüchtern. Das „anständige Sonett“, das seit seiner Erstveröffentlichung 1981 längst den Weg in Oberstufenunterricht und Schulhefte gefunden hat und in dem Hahn wohl von der Form, nicht aber vom Inhalt dem strengen Anspruch des Sonetts entspricht, wird in seiner wortwitzelnden Schönheit noch einmal abgedruckt. Der Liebesakt ist das Thema, und seine Wiederholung im Kehrreim ist überaus deutlich beschrieben, die lyrischen Bilder und ihre Kraft treiben den Leser im Enjambement durch die Zeilen („küss / mich wo’s gut tut.“).

Auf das Anständige verzichtet die Dichterin nun ganz und stellt „Ein ständiges Sonett“ gegenüber, es wird „gegeben“ und (sich gegenseitig) „genommen“. Mit Leichtigkeit und einer gehörigen Portion Humor entledigt Hahn sich so des drohenden, aufkommenden Spießbürgerlichkeitsmuffs. In „Bildlich gesprochen“ findet das lyrische Ich eine Blume und gräbt sie – Goethes „Gefunden“ eingedenk – „mit allen Wurzeln aus“. Das reicht aber nicht: „und wärst du ein Stern ich knallte / dich vom Himmel ab.“ Hahn steigert die Bildsprache und nimmt es wörtlich: „Ich herze dich / ich lunge dich / ich haute haare / pore dich“. Und sie kommentiert ihre Zeilen des „Wachliedes“ – zwischen singender, wunderbarer Welt und Zauberworten – mit: „Die Ersten googeln schon den Eichendorff“. Es ist so angenehm, einfach laut lachen zu dürfen!

Das lyrische Werk der 1946 geborenen promovierten Germanistin Ulla Hahn ist bereits mehrfach und unter anderem mit dem Hölderlin-Preis ausgezeichnet worden. Bemerkenswert ist, dass den Gedichtbänden stets auch der kommerzielle Erfolg nicht versagt blieb. Dies liegt ohne Zweifel an der nachdenklichen Lebensfreude ihrer Texte. Auch das lyrische Selbstgespräch von Ulla Hahn besticht durch schwermütige Leichtigkeit.

Thorsten Schulte, literaturkritik.de

68. Shakesbiermann und der Comandante

Wer, wenn nicht Biermann, hätte den Zorn des 66. Sonetts so nachempfinden können: „Und Kunst seh ich geknebelt von der Obrigkeit/ Und simple Wahrheit, die man simpel Einfalt schilt/ Und Güte, die in Ketten unterm Stiefel schreit.“ Wer hätte den Hass des 121. Sonetts auf das nicht totzukriegende Spießertum besser nachdichten können: „Nein – ich bin, der ich bin. Moralapostel, die/ Mit Fingern auf mich zeigen, zeigen nichts als sich/ Dem Schwein ist alles Schwein. Verlogne Prüderie! So krumm, wie die sind, grad so geradeaus bin ich.“ So gegenwärtig war Shakespeare nie, und wenn dabei aus Shakespeare der Shakesbiermann wird, sei’s drum.

Biermann, der brutalstmögliche Selbstkritiker, betreibt keine Geschichtsklitterung in eigener Sache. So enthält die Sammlung auch seine Übersetzung des peinlichen Liedes „Comandante Che Guevara“ von Carlos Puebla: „Der rote Stern an der Jacke/ Im schwarzen Bart die Zigarre/ Jesus Christus mit der Knarre“. / Alan Posener, Die Welt 15.11.

(Dem einen ist es peinlich…; wieso eigentlich, er wird es doch nicht gesungen haben, der Autor von Welt?!)

67. Geschwister-Scholl-Preis für Liao Yiwu

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Die Auszeichnung bekam er für sein Buch Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. „Liao Yiwus Buch ist auch ein Buch über Beziehungen. Die Beziehung zu seinem Land, das man Heimat nennen möchte und nicht kann“, sagte Laudatorin und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Liao Yiwu sei „ein großer Künstler und ein mutiger Chronist zugleich“, hieß es in der Jury-Begründung. / Zeit

66. Wortbedeutungen laufen um ihr Leben

„Wortbedeutungen laufen um ihr Leben“, heißt es in einem Gedicht von Maricela Guerrero aus Mexiko. Natürlich denkt man da sofort auch an Menschen, die um ihr Leben laufen – Poesie weckt Assoziationen. „Da man mir keine andere Wahl lässt, spreche ich“, formuliert stolz der Poet Martin Gambarotta aus Argentinien. Beide Dichter waren jetzt zu Gast im Heine-Institut Düsseldorf, zum Poesiefestival Latinale, das außerdem Lesungen nach Wuppertal, Bochum, Köln, Bonn und Berlin bietet. / WERNER SCHWERTER, Rheinische Post