Tausend Berge, die Vögel außer Sicht
Pfade zahllos, von Menschen Spuren nicht
Flaches Bötchen, mit Mantel, Schirm ein Greis
Eine Angel, am Fluss wo Schnee fällt dicht
Trotz einfacher Struktur birgt die Übertragung dieses Gedicht aus der Tangzeit von Liu Zongyuan (773-819) Schwierigkeiten. Überhaupt ist „Übersetzen verraten“. Oder wie es in einem Blog heißt: „Man kann falsch übersetzen. Richtig übersetzen kann man im Grunde nicht.“
Aber es ist eine gute Übung, vor allem weil die Dinge richtig benennen zu können eine hohe Tugend ist. Und es ist gut zu merken, was man opfert, weil etwas reimen soll, oder weil der Satz eine gewisse Silbenzahl haben muss. / Jan Kellendonk, Lokalkompass
Er hatte nur einen Hit, aber was für einen! Alle werden ihren Text so oder ähnlich beginnen lassen, alle, die heute vermelden müssen, dass Scott McKenzie gestorben ist, der Mann, der einen der bekanntesten Songs der Popgeschichte veröffentlichte: „San Francisco“. Wer kann diese Zeilen nicht mitsummen: „If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ ? (…)
In dieser widersprüchlichen Gefühlsspannung wird ein Glücksversprechen nach dem anderen aneinander gereiht: Du wirst herrliche, freundliche Leute treffen („you’re gonna meet some gentle people there“), eine ganze Generation in Bewegung mit einer eigenen Art sich auszudrücken − („There’s a whole generation with a new explanation“). Und der Sommer wird deine Liebe sein − („summertime will be a love-in there“). Die Welt wird eure sein. / Harald Jähner, FR
Für mich wars eigentlich ein fürchterlicher Abstieg gegenüber „meiner“ Musik zwischen 63 und 67. Vielleicht merkte ich zum ersten Mal mein Älterwerden. Aber Melodie und Text („There’s a whole generation with a new explanation. People in motion. People in motion.“) hakten sich doch fest.
If you’re going to San Francisco
Be sure to wear some flowers in your hair
If you’re going to San Francisco
You’re gonna meet some gentle people there
For those who come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.
In the streets of San Francisco
Gentle people with flowers in their hair.
All across the nation such a strange vibration.
People in motion.
There’s a whole generation with a new explanation.
People in motion. People in motion.
For those who come to San Francisco
Be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.
If you come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.
Ein paar interessante Akzente und sprachliche Rätsel birgt ein Gespräch, das Michael Köhler mit Hubert Winkels über die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2012 führte. Einige Zitate:
1
Na ja, die Liste hat so einige direkt auffallende Eigenheiten. Es sind fünf Suhrkamp-Titel dabei, das ist enorm, einige, die schon eine Vorausschau auf den Herbst gemacht haben, sagen auch, es ist ein Suhrkamp-Literaturherbst. „Anakin“, der Hauptband bei Suhrkamp, ist noch nicht mal mit dabei, also ist sehr stark. Die anderen Großverlage kommen kaum oder gar nicht vor, auffallend Bertelsmann, S. Fischer, KiWi gar nicht, Rowohlt mit einem alten Buch – auch ein bisschen seltsam -, dann viele kleine Verlage, Picus zum Beispiel oder Diaphanes oder Wallstein – ist [wer jetzt?] nicht wirklich klein, aber für Literatur nicht gerühmt, hat immerhin zwei Bände drauf.
2
Ursula Krechel, eine Autorin hauptsächliche für Lyrikerin, Hörspielautorin, kommt zu späten Ehren.
3
einige der namhaften Großverlage, von denen man eigentlich immer einen sicheren Autor dabei hätte, ist nicht dabei
4
Einen anderen Autor, den ich persönlich vermisse, ist Norbert Scheuer, „Peehs Liebe“, neues Buch bei C.H. Beck.
5
in zwei Sätzen erklärt: Der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ soll angeblich unter Pseudonym diesen Roman geschrieben haben, in dem Autor, ein Herausgeber einer Zeitung, zum Mordopfer gemacht wird.
6
Da haben Sie, glaube ich, die richtige Frage gestellt.
Hier die Longlist
Als Lyriker(in) bezeichnet man eine bestimmte Art der poetischen Stimme. LyrikerInnen haben eine schwerere Stimme als Soubretten, aber eine leichtere als dramatische und hochdramatische SchriftstellerInnen. Die Begriffe leicht und schwer beschreiben mehrere Aspekte der Redephysiologie wie Umfang und Klangfarbe, Beweglichkeit, Volumen und Tragfähigkeit.
LyrikerIn ist außerdem eine Bezeichnung für ein Stimmfach, in dem die betreffenden poetischen und prosaischeren Partien zusammengefasst sind. Der englische Begriff Lyric bezeichnet ein Stimmfach, das in Deutschland üblicherweise weiter unterteilt wird. Man unterscheidet:
Im englischen Bereich dominiert die Einteilung in leichte (light) und volle (full) lyrische Stimme. Wieder ganz anders im Italienischen: „Il lirico possiede una voce dolce e graziosa, morbida e luminosa, ricca e piena; spazia in una tessitura medio-acuta, distinguendosi per la linea di canto elegante e castigata, legata e cantabile.“ Übersetzen
Die Abgrenzung ist aber, wie immer bei derartigen Klassifizierungen, keinesfalls eindeutig und allgemeingültig. Die subjektiven Vorstellungen davon, wer einE LyrikerIn ist bzw. welche Texte in dieses Fach gehören, differieren zum Teil erheblich und es gibt oft Überschneidungen mit den angrenzenden Fächern (z. B. AutorIn, SchriftstellerIn, PoetIn).
Quelle deutsch / englisch / italienisch
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of my favorite poems is by Ruth Stone, about eating at a McDonald’s, and I have myself written a poem about a lunch at Arby’s. To these fast-food poems I now propose we add this fine one about IHOP, by Christine Stewart-Nuñez, who teaches at South Dakota State University.
Breakfast for Supper
At IHOP, after the skinny brunette
with a band-aid covering her hickey
comes to whisk away burnt toast,
Mom mentions Theresa, face
brightening. She had a dream
about her—80s flip hair, smooth
complexion. I’ve been living
in Tulsa for eighteen years,
Theresa said. I understand.
Even as I watched men lower
her casket, I fantasized the witness
protection program had resettled her.
How funny we look, mother
and daughter laughing over
scrambled eggs, tears dripping
onto bacon, hands hugging
coffee mugs. For a moment Mom felt
Theresa there. Such faith. Freshen
your cup? the waitress asks me, poised
to pour. Cloudy in the cold coffee,
my reflection. I offer the mug.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Christine Stewart-Nuñez from her most recent book of poems, Keeping Them Alive, WordTech Editions, 2011. Reprinted by permission of Christine Stewart- Nuñez and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In I, Coleoptile schlägt Cotten eine wieder andere Richtung ein. In diesem Projekt rücken ihr ironisches Spiel mit der Autorschaft und ihr Experimentieren mit der Form in den Hintergrund und machen Platz für einen intimistischeren Ansatz. Auf Wunsch des Verlegers John Holten schrieb Cotten zum ersten Mal einen Gedichtband vollständig auf englisch und arbeitete mit einer Künstlerin, der Österreicherin Kerstin Cmelka, zusammen. Das Resultat ist ein wunderschön gestaltetes Büchlein, in dem sich Gedichte rund um das Thema „Aufblühen“ mit s/w-Fotos abwechseln, die den populären sowjetischen Film Baryšnja i Chuligan (Das Fräulein und der Rowdy) aus dem Jahr 1918 zitieren. Der Dichter Wladimir Majakowskij schrieb dazu das Drehbuch, führte Regie und spielte selbst die Hauptrolle. In Cmelkas Fotoserie mimt Cotten die Männerfigur – den Rowdy/Hooligan (Figur) und Majakowskij (Schauspieler) –, die am Ende zusammengeschlagen wird. Damit scheint sie sich mit dem russischen Dichter, Rebell und Kommunisten zu identifizieren. In den Gedichten verweist Cotten nur ein Mal explizit auf Majakowskij; sein Name erscheint im letzten Gedicht, „Take away Kasbek“. „If this / mountainous / holy heap / is in the way, / then tear it down“ [Wenn dieser / gebirgige / heilige Haufen / im Weg ist, / dann reiß ihn nieder], sagt sie resolut über den dritthöchsten Berg des Kaukasus in Georgien, Heimat Majakowskijs. Kasbek steht hier als Symbol für alles das, was uns die Sicht nimmt und ausgeräumt werden muss, denn: „our way is mistier than mist“ [unser Weg ist nebliger als Nebel]. Aus den Schlussversen dieses Gedichts spricht ein starkes Verlangen nach klareren (spirtuellen) Perspektiven, in denen der grüne Nebel, der über dem ganzen Buch hängt, endgültig aufgelöst ist. / Jan Pollet, Textem
Ann Cotten/Kerstin Cmelka, I, Coleoptile. Gedichte und Fotos. 86 Seiten, Englische Broschur. Broken Dimanche Press, Berlin 2010. 12,00 Euro
Панк-молебен „Богородица, Путина прогони“ Pussy Riot в Храме
Hier der Originaltext:
(Хор)
Богородица, Дево, Путина прогони
Путина прогони, Путина прогони
(конец хора)
Черная ряса, золотые погоны
Все прихожане ползут на поклоны
Призрак свободы на небесах
Гей-прайд отправлен в Сибирь в кандалах
Глава КГБ, их главный святой
Ведет протестующих в СИЗО под конвой
Чтобы Святейшего не оскорбить
Женщинам нужно рожать и любить
Срань, срань, срань Господня
Срань, срань, срань Господня
(Хор)
Богородица, Дево, стань феминисткой
Стань феминисткой, феминисткой стань
(конец хора)
Церковная хвала прогнивших воджей
Крестный ход из черных лимузинов
В школу к тебе собирается проповедник
Иди на урок – принеси ему денег!
Патриарх Гундяй верит в Путина
Лучше бы в Бога, сука, верил
Пояс девы не заменит митингов –
На протестах с нами Приснодева Мария!
(Хор)
Богородица, Дево, Путина прогони
Путина прогони, Путина прогони
(конец хора)
Hier noch einmal der deutsche Text von DPA. Vielleicht hilft jemand Fehler aufspüren.
«Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen – Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung Das Gespenst der Freiheit im Himmel Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt. Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger, Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis. Um den Heiligsten nicht zu betrüben Müssen Frauen gebären und lieben. Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Mutter Gottes, Du Jungfrau, werde Feministin, Werde Feministin, werde Feministin! Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer – Kreuzzug aus schwarzen Limousinen. In die Schule kommt der Pfarrer, Geh’ zum Unterricht – bring ihm Geld. Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben. Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen – Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»
Die [Elsass-Freunde] schlugen vor, einen Gedichte-Weg entlang der Promenade einzurichten. Solche gibt es bereits als «sentiers des poètes» in Munster, Blienschwiller und Soultzmatt. Warum also nicht auch in Basel Gedichttafeln entlang der Promenade? Hans-Jörg Renk von den Elsass-Freunden sagt: «Die Gedichte sollen einen Bezug zur Umgebung haben, sich also auf Rhein und Dreiländereck beziehen. Und sie sollen – inklusive Dialekt – in drei Sprachen ausgeführt sein.» (…)
Welche Gedichte ausgewählt werden, ist noch offen. Hans-Jörg Renk hat schon einen heimlichen Favoriten: das «Elsass-Fährtli» von Blasius. Und für Rodolfo Lardi müsste auch ein Johann Peter Hebel dabei sein. / Tageswoche
Ich erkläre mich mit Pussy Riot solidarisch und wünsche, dass sie in die Freiheit entlassen werden! Russland ist im Augenblick eine lupenreine Diktatur und ein Unrechtsstaat. Ein solcher Schauprozess ist die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln. Dem Gebet von Pussy Riot zur Erlösung schließe ich mich an.
Sarah Kirsch, FAZ 18.8., S. 27
Aber das zentrale Trauma seiner Familie wurde erst zum Thema seines Werks, als sechs Jahre später der Roman „Der Verlorene“ erschien. Bis dahin galt Treichel als ein sensibel-lakonischer Lyriker, der sich seit dem Ende der siebziger Jahre mit Gedichtbänden wie „Restposten Wunder“, „Liebe Not“ und „Seit Tagen kein Wunder“ einen Namen gemacht hatte. Treichel, der seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt, war angesehen. Mit seinem ersten Roman wurde er berühmt – und in rund dreißig Sprachen übersetzt. / Hubert Spiegel, FAZ 12.8.
In der arabischen Welt hat Lyrik einen anderen Stellenwert als bei uns. Man besitzt, ob Handwerker oder Ärztin, ob Politiker oder Straßenhändler, einen gewissen Fundus an auswendig gelernten Gedichten, die ganz selbstverständlich in Konversationen eingebaut werden.
„Mein Baghdad ist ein Lied“ heißt es in einem der Gedichte in dem Band, oder „Ich erhielt einen Liebesbrief vom Mond“. Von den 29 Gedichten seien alle jene von arabischer Lyrik beeinflusst, so die Autorin, die die Zahl 1001 im Titel trügen: „1001 Stadt“ oder „1001 Erinnerung“. (…)
Die Bildstärke ergibt sich bei Susanne Ayoub eher aus der Reihung der Worte. Wie überhaupt hier nicht das Vokabular die Lyrik ausmacht, sondern seine Setzung. Einzige Ausnahme ist ein verspieltes Gedicht namens „Muchter und Totter“, in dem „fürchtlind“, „schmalzart“, „mitmuttig“ und „schwureidig“ eine Mutter-Tochter-Beziehung allein durch die Aneinanderreihung neuer Worte zum Tänzeln gebracht wird. / ORF
Edition Milo – Liebe. Von der erfüllten, von der enttäuschten, von der vergangenen Liebe. Gedichte, Susanne Ayoub
Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert den Text des Liedes, das sich besonders gegen Kremlchef Wladimir Putin richtet.
«Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen – Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung Das Gespenst der Freiheit im Himmel Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt. Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger, Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis. Um den Heiligsten nicht zu betrüben Müssen Frauen gebären und lieben. Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Mutter Gottes, Du Jungfrau, werde Feministin, Werde Feministin, werde Feministin! Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer – Kreuzzug aus schwarzen Limousinen. In die Schule kommt der Pfarrer, Geh‘ zum Unterricht – bring ihm Geld. Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben. Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen – Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»
Handelswert: 2 Jahre
Hier die Variante für Focusleser
In einem Blog, der von besserwisserischen, dummen, bösartigen und sexistischen Kommentaren strotzte (meine Meinung, bitte sehr), las ich, die Übersetzung sei stellenweise nicht richtig. Hat jemand einen Link zum Originaltext?
Die Basler Zeitung porträtiert die drei Musikerinnen:
Ein ganz anderer Typ ist Aljochina, die Dichterin mit den langen blonden, lockigen Haaren. Die Mutter eines fünfjährigen Jungen arbeitete in Wohltätigkeitsorganisationen und engagierte sich im Umweltschutz. So organisierte sie Proteste zum Schutz eines Naturschutzgebiets im Süden Russlands. Eine Freundin, Olga Winogradowa, beschreibt sie als «geborene Aktivistin». Beide arbeiteten unter anderem in einer psychiatrischen Klinik für Jugendliche in Moskau. Vorwürfe, Pussy Riot habe die Gefühle von Gläubigen verletzen wollen, weisst sie zurück. «So weit es Mascha betrifft, bin ich mir sicher, dass sie niemandes Gefühle verletzen wollte». Für sie sei die Erlöser-Kirche ein politisches Symbol gewesen, das auf Putin und seine Parteien verweist.
Fritz J. Raddatz in der Welt über Durs Grünbein (und Gernhardt und manche andere): „Meister der Plauderpoeme“ – „Gedichte, begreifbar wie Fernsehnachrichten, aber aufgeputzt wie für den Souvenirladen: Was ist nur bei Durs Grünbein schief gegangen?“
Er wird ausgerufen zu einer „der markantesten Stimmen deutscher Dichtung unserer Zeit“. Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht. (…)
Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie „Paroxysmen an der Abendkasse“ zerstört er durch edle Gebärde; da „flüstert Blattgefieder was von Kambrium“. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille.
(…)
Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried. Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins „Ekloge“ vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – „alle in bester Partystimmung“ – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.
Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen? Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert: „Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.“
So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Suhrkamp, Berlin. 200 S., 22,95 Euro.
Daß das Wort „lyrisch“ in der Musikkritik eine andere Bedeutung hat, fasziniert mich immer wieder. Welche es genau ist? Wer Genaueres darüber weiß, könnte mir aufhelfen.
In dem hier zitierten Text kommt das Wort zunächst dieser Erwartung völlig konform:
Elīna Garanča meldet sich mit ihrem neuen Album “Romantique” aus der Babypause zurück. Mit gereifter Stimme und makelloser lyrischer Schönheit erweckt sie vergessene Heldinnen der romantischen Operngeschichte zu neuem Leben.
Im Fortgang des Textes wird es differenzierter:
Ihre Stimme sei runder und voller geworden, doch dabei habe sie ihre Höhe nicht verloren, wie es nach einer Schwangerschaft etwa typisch für ihre Kolleginnen im Sopranfach ist. Elīna Garanča sieht sich noch immer in erster Linie als Lyrikerin. Sie möchte sich die elegante Schlankheit und feine Flexibilität ihrer so sonor timbrierten Stimme unbedingt erhalten.
Seinen Geburtstag, den 22. Mai 1813, kommentierte Richard Wagner selbst mit Augenzwinkern – und einem Gedicht: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen alle, die ihn lieben, / er wäre lieber drin geblieben.“ / Donaukurier
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