BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I love writing poems about the most ordinary of things, and was envious, indeed, when I found this one by Michael McFee, who lives in North Carolina. How I wish I’d written it.
Saltine
How well its square
fit my palm, my mouth,
a toasty wafer slipped
onto the sick tongue
or into chicken soup,
each crisp saltine a tile
pierced with 13 holes
in rows of 3 and 2,
its edges perforated
like a postage stamp,
one of a shifting stack
sealed in wax paper
whose noisy opening
always signaled snack,
peanut butter or cheese
thick inside Premiums,
the closest we ever got
to serving hors d’oeuvres:
the redneck’s hardtack,
the cracker’s cracker.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Michael McFee from his most recent book of poems That Was Oasis, Carnegie Mellon Univ. Press, 2012. First printed in Threepenny Review #107, Vol. 27, no. 3, (Fall 2006). Poem reprinted by permission of Michael McFee and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Resumé
Bis heute kein einziger Seepapagei in meinen vielen Gedichten
(Stattdessen schon wieder’n Dutzend Fadennudeln im Bart);
Auch dem Sabberlatz nicht das ärmste Denkmal gesetzt in Vers oder Prosa,
So wenig wie der Elbe-Schiffahrt oder der Karpfenernte bei Peitz.
Geschiebemergel dagegen ja!, fast zu häufig die Rede von diesem
(Und meistens mit Fadennudeln im verwahrlosten Bart)!
Nicht vergessen die Gelbhalsmaus, nicht fehlt die sogenannte Naschmarktfassade!
Selbst Sägeblätter, selbst Kühlhaus-Eier weiß ich irgendwo untergebracht.
Indessen nicht der kleinste Seepapagei in meinem Scheiße-Gesamtwerk!
Um ehrlich zu sein: Das Gleiche gilt für den Hüfthalter oder den Kronenverschluß.
Und wie konnte ich fünfzig Jahre lang das Wörtchen „Wadenwickel“ verfehlen?
Es gibt keine ausreichend lichte Erklärung für das und für dies und für das.
„Darf ich dir die Fadennudeln aus dem Bart nehmen?“
(Sagt Georg Maurer.)
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999
entstanden: 1997
Aus: Der Pudding der Apokalypse. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999
In der Fixpoetry-Reihe IN AUGENSCHEIN – Gespräche über anonymisierte Texte (# 006) zu Gast: Silke Peters
Ein paar Auszüge:
Über Verstehen
Auch das Verstehen von Gedichten ist meiner Meinung nach eher ein intuitives, sofortiges Verstehen. Alle Reflexion nimmt sich noch einmal Zeit und versucht zusätzlich Gedanken hinein zu bringen – aber das ist etwas anderes. Das ist Analyse. Verstehen geschieht, wie ich finde, meist unmittelbar, durch das Gehör. Es braucht einen starker Textanfang, der einen hineinzieht. Ansonsten legt man ja ein Gedicht auch schnell wieder weg, weil man vielleicht übersättigt ist. Dieses sofortige Verstehen wird über den Ton, über die Art und Weise des Sprechens stärker angeregt als durch Inhalte oder gedankliche Zusammenhänge. Der Text muss ja eine Sensation, etwas Neues haben, damit keine Langeweile entsteht und sich eine Spannung aufbaut.
Benennung
Auch die Benennung ist ein Spiel, das man mit anderen spielt – bis man sich ins Verstehen gespielt hat. Alles Schibboleths, an denen man erkennt, woher der andere kommt.
Prosagedicht
In erster Linie hat das Prosagedicht kein Versmaß, auch kein freies, versucht aber trotzdem inhaltlichen Führungen eine Struktur zu geben. Es erzählt, aber erzählt keine Geschichte. In diesem Erzählen gibt es eine Irrationalität, die ihre Spannung halten muss, damit der Leser oder der Zuhörer nicht abbricht. Es ist sozusagen ein Erzählen, ohne wirklich erzählen zu wollen. In meinen Texten setzt es in jedem Punkt neu an, sodass auch die Lektüre an jedem Punkt neu ansetzen kann. Dabei bauen sich zudem vertikale Strukturen auf, nicht nur horizontale, sukzessive, bis ins Kleinste hinein; das ist vielleicht der Hauptunterschied zwischen dem, was man „lyrische Prosa“, und dem, was man „Prosagedicht“ nennt.
Vorher in der Reihe: Asmus Trautsch, Lutz Steinbrück, Tristan Marquardt, Ulrike Draesner, Tom Schulz
Der vielseitige Musiker Erich Meixner ist am vergangenen Freitag, dem 24. Mai einer Krebserkrankung erlegen. Meixner war mit der 1969 gegründeten Folkband „Schmetterlinge“ bekannt geworden, wo er unter anderem mit Georg Herrnstadt, Willi Resetarits, Beatrix Neundlinger und Herbert Tampier musizierte.
(…) Später begleitete er etwa den Dichter Ernst Jandl bei Gstanzeln, die dieser hochtrabend „Stanzen“ nannte*. / Wiener Zeitung
*) ein Bildungsbürger, aha
Nachgereicht: Michael Lentz über denselben im Gespräch mit der Welt
Wie der Verlag «Mémoire d’encrier» bekanntgab, ist der haitianische Dichter Raymond Chassagne am 27.5. in Montréal im Alter von 89 Jahren gestorben. In der Mitteilung des Verlages heißt es: „Es gelang ihm, seine Stimme denen der großen Dichter Amerikas hinzuzufügen, Saint-John Perse, Leon Gontran Damas, Aimé Césaire, Edouard Glissant. Er ist der letzte jener Paladine, die den Worten ihres Stammes verbunden waren. Seine Leidenschaft ist sein Land. Die Frage des Raymond Chassagne ist allen vertraut: Wie kann man die „allmähliche Erschöpfung der Hoffnung“ vermeiden und einen Weg finden, zusammen zu leben?“ / Haiti libre
Ja, die Form ist das Ziel, »zeig Füße, Hände, den stirnflachen Schädel/ und laß dich berühren, dich gar beschreiben«, heißt es in Gomringers Gedicht »Es sprach der Rabbi Löw«, einer Selbstermächtigung. Das lyrische Ich stellt sich zu Gott und stößt ihm Bescheid. »Sorge für Ruhe im Viertel«, fordert es. Und: »Hol mir die Töchter aus den Betten ihrer Schänder«. Es endet in biblischer Blasphemie: »Ich dein Schöpfer, du am Schopf« … meiner Ratlosigkeit, könnte man ergänzen.
Ohne Eifer, Zorn und Rücksicht bricht Nora Gomringer in diesem Gedicht die Siegel. Es ist morgenländisch frisiert, sein Atem läßt Rauch über Hütten wehen, fern der Paläste. In Brunnen faulen Pferde mit geplatzten Bäuchen. Folglich ist Violett die Farbe des Gedichts. Violett wie die Flügel der Schmeißfliegen. Der ganze Monotheismus steckt in dieser violett verrauchten Angelegenheit.
Jedem Gomringer-Gedicht kann man sich so widmen, egal, ob E. oder N. E. Gomringer unterschrieben haben – und weil das so schön ist, siebe ich den Sand der Einzelheiten am nächsten Beispiel.
»Jäger
Du bringst Kuchen und Wein, triffst den Wolf.
Der macht seine Hose auf und sagt:
Faß hinein.«
/ Jamal Tuschik, junge Welt
Nora Gomringer: Monster Poems, illustriert von Reimar Limmer. Voland & Quist, Dresden 2013, 64 Seiten, 17,90 Euro
Um gleich mal Schiller zu bemühen: Die »Gleichgültigkeit«, mit der unser Zeitalter »auf die Spiele der Musen« herabsieht, »scheint keine Gattung der Poesie empfindlicher zu treffen als die lyrische«. Inzwischen kann man »hat getroffen« sagen, Blattschuß. Es gäbe Möglichkeiten, Leute für die Lyrik zu gewinnen. Man könnte Busse mit Gedichten bemalen oder Dichter in Bundestag und -liga vorlaut werden lassen. Aus dem politischen Willen zur Poesie ließe sich wohl jederzeit ein Sturm entfachen, doch es gibt diesen Willen nicht. / Jamal Tuschik, junge Welt
Schiller zum Nachlesen: Über Bürgers Gedichte
Der Literaturpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz – Nora Gomringer erhält den Poesiepreis 2013
Der mit 20.000 Euro dotierte Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz. Den mit 10.000 Euro dotierten Poesiepreis erhält Nora Gomringer. Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist mit 20.000 Euro einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa. Im zweijährigen Wechsel wird zudem ein mit je 10.000 Euro dotierter Poesie- bzw. Übersetzerpreis verliehen.
Das vielseitige Kulturengagement von Unternehmen spielt eine wichtige Rolle für den Kulturstandort Deutschland. Um Unternehmen in ihrem Engagement zu bestärken und andere zur Nachahmung anzuregen, vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit seinen Partnern Süddeutsche Zeitung und Handelsblatt auch in diesem Jahr den Deutschen Kulturförderpreis. Die Bewerbungsfrist endet am 27. Juni 2013.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
This column originates in Nebraska, and our office is about two hours’ drive from that stretch of the Platte River where thousands of sandhill cranes stop for a few weeks each year. Linda Hogan, one of our most respected Native writers and Writer in Residence for The Chickasaw Nation, perfectly captures their magic and mystery in this fine poem.
The Sandhills
The language of cranes
we once were told
is the wind. The wind
is their method,
their current, the translated story
of life they write across the sky.
Millions of years
they have blown here
on ancestral longing,
their wings of wide arrival,
necks long, legs stretched out
above strands of earth
where they arrive
with the shine of water,
stories, interminable
language of exchanges
descended from the sky
and then they stand,
earth made only of crane
from bank to bank of the river
as far as you can see
the ancient story made new.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem reprinted from Sing: Poetry from the Indigenous Americas, Ed. by Allison Adelle Hedge Coke, The Univ. of Arizona Press, 2011, by permission of Linda Hogan and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
… heißt ein Online-Magazin für
sound poetry, poésie sonore, lautpoesie, noise poetry, sound-text composition, auditive poesie, audio poetry etc.
dessen erste Nummer soeben erschienen ist – hier zum Anhören oder Downloaden. Mit
01 Dirk Huelstrunk – in diesem falle/in this case
„in diesem falle/in this case“ has been recorded with voice, megaphone and loop pedal directly to one mono-track. no overdubs or effects.02 Helmhart – EI
von markus helmhart und wolfgang helmhart03 Tomomi Adachi – This means „Oh boy, that BBQ meat is too big.“
04 Marc Matter – Une Propagation Du Nouvel Alphabet Lettrique / A Propagation Of The New Lettrist Alphabet
Contemporary interpretation of the „Nouvel Alphabet Lettrique“ – the first version of the Sound-Alphabet introduced by LETTRIST Isidore Isou in 1947.
The Voice-alphabet was recorded according to Isous descriptions in a soundstudio. Then, the original voice sounds have been reworked and alienated with turntablist techniques by Marc Matter. A drawing from the REVUE OU (Henri Chopins Anthologie of Concrete Poetry, 1963 – 1974) was used as a GRAPHIC SCORE. Robert M Ochshorn (ex- M.I.T. Interrogative Design Group) designed an Open-Source SOFTWARE that arranged the very short voice-snippets due to the graphic score into 4 tracks.05 Zuzana Husárová – My voices someone answers
„My voices someone answers“ is created by 2 sound layers: a mixture of fragments of poetic texts – „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ by T. S. Eliot and „Text for Nothing #4“ by Samuel Beckett that seem to create one coherent text and on the top of it my own poem. The piece juxtaposes these canonical works (read at fast pace) and sonically covers them with a poem starting with „my ideas were here already“. The work creates a multilingual remixed-subjective expression across discourses, eras, genders, poetics.
06 Evgenij V. Kharitonov – Argo vs. Dali Performance (2007-2012)
07 Jelle Meander – Spam, Dorothy, Spam!
Spam, Dorothy, Spam! (2004, 1:13) – Spam poetry for three voices.
According to certain sources Jelle Meander is a poet and a musicologist. He wonders what Khlebnikov meant with “scrape language and you will see space and its skin”.08 a rawlings, Ciara Adams, Richard Windeyer – Bella swallows
Excerpted from Bella, an audible consideration of before or after. Discovered in the depths of Marie Darrieussecq’s La Musée de la mer. Voiced by Ciara Adams and a rawlings. Recorded by Richard Windeyer.09 johannes leo weinberger – shadow health
meine „electroacoustic noise poems“ sind übersetzungen mentaler prozesse und situationen in klang/text. sie bestehen im wesentlichen aus stimm-elementen, field recordings und elektronischen signalen.10 Petra Ganglbauer – LANDSCHAFT MIT FRAU, MANN, KRIEG
„sprache und geräusch/klang in meiner arbeit miteinander zu verbinden, bedeutet für mich in erster linie ausloten und überschreiten meiner wahrnehmungsgewohnheiten. spannend finde ich die mit dieser – zwischen musik und literatur angelegten – gattung verbundene freiheit im umgang mit dem material, die ein nahverhältnis zur realen wirklichkeit / welt herstellt. LANDSCHAFT MIT FRAU, MANN, KRIEG ist ein audiopoetisches stück, das einen empfindungsraum erzeugen will. DANK an das ORF-KUNSTRADIO für das zur-verfügung-stellen von einigen kürzestsequenzen aus meinen audiostücken.“11 fritz widhalm – ei, wie fein info
ei, wie fein besteht aus einem kurzen text, der mehrmals hintereinander in ein mikro gesprochen, geflüstert, gestottert wurde, wobei eine menge geräusche wie das knarren des drehstuhls, das knistern von papier, durchs offene fenster dringender baustellenlärm vom nebenhaus und sonstig zufälliges mit aufgezeichnet wurde. das ganze wurde dann am computer geschnipselt und verfremdet und in form gebracht, also zur poesie geformt, ja, da sagen wir: „freut euch“!12 Linnunlaulupuu – Muhmare
Linnunlaulupuu is an open collective of artists, musicians, poets and sound designers who experiment with audiopoetic and electroacoustic improvisation in wildly varying ways. Muhmare is a mashup of two days and four people doing things together with objects, movements in space, live and sampled vocals, effects pedals, various computer programs, sequencers and audio editors in different rooms and in the same rooms, while feeling mostly tired and depressed. It features the members Tuukka Haapakorpi, Lauri Hyvärinen, Teemu Manninen and a surprise appearance by the Icelandic writer Kári Tulinius.13 Michael Fischer, Alessandro Vicard – Palarmo
MICHAEL FISCHER, tenor saxophone, voice
ALESSANDRO VICARD, double bass, live-processing
recorded and edited by Michael Fischer
The sound-samples for Parlarmo were selected from a recording of 30-min performance by Fischer / Vicard at the Goethe-Institut Palermo in April 2013, later condensed / mounted / collaged and supplemented with samples of sounds from an orange grove by night some days later.14 ilse kilic – verrueckt
„in dieser arbeit habe ich nur meine stimme verwendet. diese nähert sich brummend, kreischend, zischelnd, singend usw. dem kleinen angstgedicht. angst braucht stimme gegen angst.“15 jörg piringer – stine
four fast computer speech layers reciting fibonacci syllable sequences.16 Heike Fiedler – Weisser Raum
Heike Fiedler, 1963. Born in ancient West Germany, living in Geneva. Author, poet, performer, sound and visual artist. Performs with laptop, pencil, book and paper roles, live electronics and projections. The composition „White room“ (3:09) is a space of my experiences with silence and the moment of its interruption.17 Sophie Reyer – Es
Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, lebt in Wien und Köln.. Publikationen: “geh dichte” (Lyrik, EYE- Verlag 2005), ”vertrocknete vögel” (Roman, Leykam 2008), “baby blue eyes” (Roman, Ritter 2008), “binnen” (Lyrik, Leykam 2010) und „flug (spuren)“ (Leykam 2012). “Master of Arts” im Komposition/ Musiktheater 2010 sowie Diplom in “Szenisch Schreiben” bei uniT 2010.18 Thomas Havlik – dökeba zündschnur
Das Material von DöKeBa Zündschnur besteht aus einer Auswahl aus dem Syllables-Shooter, einer Sammlung aus Silben und Phonemen, die im Zuge des Digital-Arts-Produzentenfestivals Schmiede Hallein 2012 von insgesamt 18 Personen in 5 unterschiedlichen Sprachen eingesprochen und von Thomas Havlik aufgenommen wurden. Dieses Stück besteht aus den akustischen Fingerabdrücken von Michael F. Schreiber, Caroline Wimmer, Nils Medina sowie Jean-Baptiste Béchu.
Aufgrund ihrer klanglichen Eigenschaften ausgewählte Sprachpartikel bilden Lautgruppen und werden durch das Zusammenwirken beispielsweise der Silben „st(e)“ und „-ige“ zu auditiven Irritationsinseln, die von Hörsituation zu Hörsituation anders entweder als die Aufforderung: „steige!“, das Substantiv „Stiege“ oder als bloße kompositorische Klänge wahrgenommen werden können. Unterschiedlich lange, in verschiedenen Geschwindigkeiten abgespielte Silbenketten erzeugen Rhythmen, während die phonografisch nicht mehr ohne weiteres (re)notierbare Stimme, die an laut- bzw. ethnopoetische Traditionen erinnert, für den spielerischen Auflösungsversuch der Grenze zwischen dem steht, was mit Schriftzeichen ausgedrückt werden kann, und was nicht, zwischen Subjekt und Unterbewußtsein, Gedicht und Rezipient.19 Jörg Zemmler – time is on my side (the rolling stones)
jörg zemmler, 1975 bozen, z.Z. in wien. arbeitet unterschiedlich.
gewann 06 den fm4 protestsongcontest, 09 den Ö-slam und 2012 den Ö1 Lyrikpreis „Hautnah“.
hier: gitarre, uhr, stimme, exit.
(der text der stones ist nicht von den stones, aber er passt auch sehr gut.)
Wo schon Buchstaben verboten werden, wie soll da Literatur gedeihen? Q,W,X gehören nicht zum türkischen Alphabet, in der kurdischen Sprache sind sie dagegen reichlich vorhanden. Wer die Wörter mit den bösen Buchstaben benutzte, dem drohte in der Türkei lange Zeit Gericht und Gefängnis. Das Sprachverbot ist gefallen, die Türkei sucht den Frieden mit ihren Kurden und mit sich selbst. In der Millionenstadt Diyarbakir im Südosten des Landes, im kurdischen Herzen der Türkei, hat die Sprachrevolution schon das gesamte öffentliche Leben erfasst. Kurdisch ist die Sprache der Straße und der Kultur, der Bazare und der Bühnen, der Caféhäuser und der Kinos. Sonst gilt Zweisprachigkeit: vom Rathaus bis zur Polizei.
Das macht auch den kurdischen Dichtern Mut. ‚Ein Traum hat sich erfüllt‘, sagt Zaradachet Hajo. Sechzehn Jahre lang hat Hajo, ein Kurde mit syrischen Wurzeln, das kurdische PEN-Zentrum geführt – vom Exil in Deutschland aus. Nun ist für den 63-Jährigen die Zeit gekommen, den Sitz der Vereinigung kurdischer Literaten von Deutschland nach Diyarbakir zu verlegen. / Christiane Schlötzer, Süddeutsche Zeitung 21.5.
Das Istanbuler Institut für Geschichte und Sozialwissenschaften veranstaltet das achte Internationale Poetistanbul- (ŞiirIstanbul-) Festival vom 1.-4.6. Bislang nahmen an dem festival bereits 181 bekannte Dichter aus 67 Ländern teil sowie mehr als 300 türkische Dichter. In diesem Jahr nehmen 39 Dichter teil, 17 aus der Türkei und 12 aus dem Ausland.
Hürriyet Daily News 27.5.
Zu den Teilnehmern gehören: Abdulselam Hallum (Syrien), Ahmed El Şahavi (Ägypten), Aische Basri (Marokko), Dimitru M.Ion und Carolina Ilica (Rumänien), Gassan Zaqdan und Hanan Awwad (Palästina), Sanja Domazet (Serbien), Sasho Serafimov (Bulgarien), Jean-Luc Pouliquen (Frankreich) und Katica Kulavkova (Kata Ćulavkova) (Mazedonien).
Hier Programm und Texte der Teilnehmer (auch Englisch)
call for poems
stumm der name, unsterblich die verse (sagt der epigrammatiker pinytos); unsterblich nicht, weil sich die wenigen reste, die der nachwelt von sapphos versen geblieben sind, als reliquien verehren lassen, sondern weil zu allen zeiten dichter_innen sie zum material genommen und am leben erhalten haben. doch wo findet die unsterbliche sappho in unserer gegenwart ihren platz?
diese frage zu beantworten, soll im herbst 2014 im greifswalder freiraum-verlag eine anthologie heutiger deutschsprachiger gedichte über / für / nach / gegen / mit sappho erscheinen, ausgewählt und herausgegeben von michael gratz und dirk uwe hansen.
wir bitten daher um einsendung einschlägiger dichtungen in einem unkomplizierten format (doc, odt, txt) und in begleitung der üblichen bio-bibliographischen angaben an:
bis ende april 2014. die gedichte sollten frei von rechten dritter sein.
und neben dem pflicht- wird das buch auch einen kürteil haben: mit einer eigenen version / bearbeitung von oder reaktion auf sapphos gedicht vom untergegangenen mond (fr. 168b – ihre vier unsterblichsten verse) soll jede teilnehmerin / jeder teilnehmer vorgestellt werden.
hier zwei übersetzungen:
Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.
(Anne Carson, aus: If not, winter. Fragments of Sappho, New York 2002)
Untergegangen ist der Mond
und die Pleiaden. Mitte der
Nacht, vorüber geht die Stunde
ich aber schlafe allein.
(Dirk Uwe Hansen, aus: Sappho – Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen, Potsdam 2012)
Wübben führt den Psychiater als Sprachkritiker und Protophilologen ein, einen neuen Typus, der sich nicht mehr über Schädel und Anstaltsinsassen beugt, sondern in Briefen und Handschriften, Romanen und Gedichten Indizien der Entrückung sucht. Der Schulterschluss von Psychiatrie und Philologie ist eine Mesalliance mit oft irrwitzigen Zügen. Einem spröden Realitätssinn verpflichtet, bemäkeln die psychiatrischen Sprachdiagnostiker den hohen Dichterton, wo sie nur können. Jede syntaktische und lexikalische Eigenheit ist irrsinnsverdächtig. Wo vorher Genie waltete, sieht man Zerfahrenheit, Sprachverwirrtheit, zielloses Schweifen. Schon orthographische Unregelmäßigkeiten gelten als Vorboten des Wahns.
Wübben führt die Dissonanz auf das anachronistische Wertungssystem zurück. Sie spricht vom Klassik-Pakt. Die Psychiater hätten ihre engen stilistischen Normen von Autoren der Weimarer Klassik übernommen. Die Spuren der Avantgarde mussten sie da verkennen. Für das Assoziative und Klangliche in der modernen Dichtung hatte man weder Norm noch Organ. Stattdessen versuchte man, mit assoziationspsychologischen Experimenten jeden Abweg vom korrekten Gedankengang zurechtzurücken. Neu an der psychiatrischen Pathoskritik war, dass sie nicht mehr an Verstand und Vorstellungskraft ansetzte, sondern am Gehirn.
Eine der wegweisenden Gestalten in diesem Prozess ist die Gründerfigur der Psychopathologie, Emil Kraepelin. An Kraepelin verfolgt Wübben beispielhaft den Übergang von der metaphorischen zur objektiven klinischen Sprache. Was Kraepelin für Wübbens Absicht aber besonders interessant macht, ist sein Interesse an der Lyrik als Diagnoseinstrument. Obwohl und gerade weil ihm jeder Formsinn fehlt – schon eine Satzkonstruktion wie „Ferner Länder Städte“ war ihm verdächtig -, bringt er zur Jahrhundertwende das Gedicht in den Schraubstockgriff der Psychiatrie.
Der fulminante Höhepunkt des Kampfs zwischen den Kulturen wird mit Hölderlin erreicht. Hier trafen die diametralen Erkenntnishaltungen mit voller Wucht aufeinander. Die Rede ist von der Pathographie, die der Tübinger Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum zu Jahrhundertbeginn verfasste und die auf unfreiwillige Weise maßgeblich für das moderne Hölderlin-Bild wurde. In Lange-Eichbaums kunstferner Interpretation trifft jede einzelne von Hölderlins mittleren Hymnen von „Patmos“ bis „Germanien“ das Wahnsinnsverdikt.
Der Psychiater schmäht sie als „ausscheidungen seiner geschwülste und faulen säfte“. Neuschöpfungen wie „Lebendigstewige“ sind ihm leeres Wortgeklingel, „An Neckars Weiden“ fehlt ihm der Artikel, Hymnen sind ihm zu hymnisch, Abstrakta in gefährlicher Nähe zum Ideen-Platonismus, ein springender Gedankengang gilt als Zerfall der Autorregie, manchmal genügt schon eine krakelige Handschrift für den Krankheitsverdacht. Kein Vers ist hier sicher.
Das neue antikisierende Kompositionsprinzip, das sich in diesen Versen ankündigt, muss diesem formblinden Realismus entgehen. Der Weg in die Moderne bleibt zunächst verschlossen. Wübbens Pointe liegt nun darin, dass ausgerechnet der schulmeisterliche Psychiater unwissentlich den entscheidenden Hinweis für die moderne Hölderlin-Philologie gab. Bei der Analyse eines Briefes waren ihm syntaktische Merkmale aufgefallen, die er als Zeichen der Zerfahrenheit wertete, während sie der Hölderlin-Enthusiast Norbert von Hellingrath, der die Pathographie las, als Vorbote eines neuen Stils erkannte, einer neuen „Sangart“, von der in dem Brief auch explizit die Rede war: dem Pindarstil. / Thomas Thiel, FAZ 29.10.12
Yvonne Wübben: „Verrückte Sprache“. Psychiater und Dichter in der Anstalt des 19. Jahrhunderts. Konstanz University Press, Konstanz 2012. 333 S., Abb., geb., 39,90 Euro.
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