84. Kühn-Sound

Ausnahme ist der Sonntag. An allen anderen Tagen schreibt er, meist in seinem Stammgasthaus, jeweils drei Gedichte: Johannes Kühn, der saarländische Autor, der im Februar 80 wurde. „Ich brauche nicht über mein Leben zu sprechen, weil ja alles in den Gedichten steht“, bekannte er. Kühn, der mit dem im Münchner Hanser Verlag erschienenen Band „Ich Winkelgast“ von 1989 endgültig in die literarische Öffentlichkeit trat, zählt gegenwärtig zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern.

Jetzt liegt ein neuer Gedichtband vor, auch er herausgegeben von Kühns Freunden Irmgard und Benno Rech: „Und hab am Gras mein Leben gemessen“. Wort- und bildmächtige Texte, die nicht zuletzt dem Alter gelten. Entstanden primär seit 2010. Durchaus mit Selbstironie hält hier ein Autor Rückschau. Er kultiviert das Bild des Grases für die Endlichkeit aller Kreatur – da denkt man unweigerlich an die Bibel und die Vertonung in Brahms’ Deutschem Requiem.

(…)

Unter anderem der Saar-Landsmann Ludwig Harig und Reiner Kunze setzten sich für Kühn ein. In seiner Lyrik schließt er an Hölderlin und Trakl an. Der romantische Topos des Wanderers ist da. In den freien Rhythmen seiner Gedichte, dem „Kühn-Sound“ (Peter Rühmkorf), erzählt er Geschichten. Nie sind Sprache und Bilder so komprimiert, dass Verrätselung oder Unzugänglichkeit das Resultat wären. Dieser Schöpfer einer modernen und oft musikalischen Lyrik, die des Reimes nicht bedarf, möchte verstanden werden. / Johannes Adam, Badische Zeitung

83. Förderpreis für Sascha Kokot

Der Schriftsteller Sascha Kokot bekommt den Georg-Kaiser-Förderpreis des Landes Sachsen-Anhalt. Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) überreiche ihm die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung am 11. September, teilte das Kultusministerium Sachsen-Anhalt am Freitag mit. Die Jury lobte Kokots intensive und zielgerichtete Text-Arbeit sowie seine eigene unverkennbare Sprache. Kokot wurde 1982 in Osterburg (Altmark) geboren und wuchs dort auf. Inzwischen lebt er in Leipzig. / Freie Presse

82. Thüringer Anthologie

Thüringen ist ein Lyrikerland. Unsere Zeitung veröffentlicht jeden Samstag auf der Kultur-Seite und hier im Netz ein Gedicht eines hier lebenden, von hier weggegangenen oder kurz in Thüringen verweilenden Dichters. Das ausgewählte Gedicht wird von einem Text begleitet, in dem Dichter und Journalisten, Wissenschaftler und Kulturschaffende darüber schreiben, wie sie dieses Gedicht lesen. Aus vielen Stimmen ergibt sich dann eine poetische Landschaftskunde Thüringens – Die Thüringer Anthologie. / Thüringer Allgemeine

Mehr zur „Thüringer Anthologie“

Hanns Cibulka – Heinz Puknus / 24.05.14 / TA / Dornburg

Cibulka hat dann auch die Landschaft Thüringens erkundet und in sich aufgenommen: Seine ebenso poetischen wie sachlich prägnanten Schilderungen gehören zum Besten und Schönsten, was darüber geschrieben wurde. Überrascht entdeckte er an historisch bedeutsamer Stätte ein „Licht- und Sonnenland“, in dem das ferne Italien unversehens wunderbar nahe gerückt schien – es war die anmutige Saalegegend um Dornburg und die berühmten „Goethe-Schlösser“.

Richard Pietraß – Henryk Goldberg / 03.05.14 / TA / Apolda! Apolda!

Es ist kalt an diesem lyrischen Ort, und wer hier ankommt – „Apolda! Apolda! “ wird empfangen mit einem grußlosen Imperativ. Als wolle sich hier ein Trotz bekunden und eine Illusion: Die trotzige Illusion, jemand habe noch das Sagen und Rufen. Dabei, scheint es, sie haben schon verloren, kopflos, planlos. Die Kohorten des Winters, der Schnee und die Kälte, sie sind dabei, sich dem Menschenwerk und dem Werkeln der Menschen erfolgreich in den Weg zu stellen.

Ludwig Bechstein –  Christoph Schmitz-Scholemann / 19.04.14 / TA / Ostern

Georg Bötticher – Ulf Annel / 12.04.14 / TA / Der Vater vom Sohn

Gisela Kraft – Annette Seemann / 05.04.14 / TA / Fünfgeschossiges Haus in Laleli

Im vorliegenden ursprünglich chinesischen Gedicht werden in jeder der fünf Strophen ein Hausbewohner und sein Schicksal beschrieben. Hierbei sind die wiederkehrenden Elemente zahlreicher als die unterschiedlichen. Fast entsteht Monotonie.

Bärbel Klässner – 29.3.14 / TA / Am ende der städte

Johann Wolfgang Goethe – Paul-Josef Raue / 22.03.14 / TA / Wanderers Nachtlied

81. Im Maidan-Zelt

Vergangene Woche nahm Wolf Biermann an der Konferenz „Ukraine: Thinking Together“ in Kiew teil. Auf Initiative des US-Historikers Timothy Snyder waren rund 50 Intellektuelle aus ganz Europa in der ukrainischen Hauptstadt zusammengekommen, um über die Zukunft des bedrohten Landes zu diskutieren. Im Gespräch am Rande der Konferenz wendet sich Biermann eindringlich gegen Versuche, den Aufstand des Maidan in eine faschistische Ecke zu stellen und sorgt sich über die Folgen der russischen Aggression. Ein Gespräch über Freiheit, Korruption und deutsches Büßertum.

Die Welt: An der Vorstellung, die Maidan-Bewegung sei faschistisch unterwandert, ist also nichts dran?

Biermann: Klipp und klar: gar nichts. Wer behauptet, dass das da Faschisten sind, könnte auch behaupten, dass Deutschland ein faschistisches Land sei, weil es die NPD und die NSU-Mörder gibt. Ukrainische Faschisten spielen in diesem Geschichtsdrama eine Nebenrolle. Die Maidan-Wächter, die auf dem Platz weiter die Stellung halten, sind auch keine romantischen Revolutionstouristen, die mal Blut am Chaos lecken möchten. Es wird rotiert, die Männer bleiben zwei oder drei Wochen. Kaum Frauen. Allerdings haben solche „Bewohner“ des Zeltdorfes auf dem Maidanplatz, die aus der Ostukraine gekommen sind, Angst, wieder nach Hause zu fahren, weil die prorussischen Terroristen solche ukrainischen Patrioten meuchelmorden. Auch das sollte man in Deutschland wissen.

Die Welt: Gespräche wie das im Maidan-Zelt scheinen Sie mehr interessiert zu haben als die Diskussionen der Intellektuellen auf der Konferenz …

Biermann: Die hochkarätigen Diskussionen der internationalen Kenner waren lehrreich und sind eine Manifestation der Solidarität mit der Ukraine. Das alles kann man in Publikationen nachlesen. Aber mindestens so wichtig wie die Denker sind die Macher. Ich musste außerdem meine Selbstverdächtigung prüfen, ob wir globalen Edel-Intellektuellen womöglich Schmeißfliegen an der Wunde dieses Landes sind, Voyeure, die sich hier einfliegen und abfüttern lassen. Ich hatte beim noblen Eröffnungsempfang, den das ukrainische Außenministerium zur Begrüßung des Kongresses ausrichtete, spontan den surrealistischen und bösen Einfall, dass jeder von uns zwei Teller mit den erlesenen Speisen, die uns am Buffet offeriert wurden, füllt und das Soli-Manna barfuß zu den Kämpfern auf dem Maidan tragen sollte. Eine Stunde vorher hatte ich auf dem Maidanplatz beobachtet, wie sich da Zeltbewohner in einem verbrannten Blecheimer irgendeine Suppe zusammenkochten.

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80. Ricarda Huch

Denn Ricarda Huch ist die berühmteste Dichterin, die in Jena gelebt hat. Eine hochinteressante Frau mit vielen Widersprüchen. Sie hat ein riesengroßes Werk hinterlassen, das des Nachfragens wert ist. Über manches ist die Zeit hinweggegangen, anderes ist sehr schön und lebendig. (…)

Wie reagiert sie, als die Nazis an die Macht kommen?

Sie tritt aus der Dichterakademie aus, nimmt in Kauf, dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen zu sehen sind. Sie verbittet sich, das von Gottfried Benn entworfene Bekenntnis zu unterschreiben. Sie verbittet sich, überhaupt so ein Bekenntnis ablegen zu sollen. Sie wird in Jena 1937 denunziert, weil sie sich weigert, in einer privaten Gesellschaft die Ansicht des Hausherrn zu bestätigen, die Juden können nicht organisch denken. Sie sagt, es gibt jüdische Chemie- und Physiknobelpreisträger, da werden sie wohl organisch denken können. Nach 1945 ist für sie das Wichtigste, die Frage nach unserer eigenen Schuld. / Katrin Lemke, Thüringer Allgemeine

79. Förderung

Der Deutsche Literaturfonds teilt mit:
Ergebnisse der Kuratoriumssitzung vom 5. und 6. Mai 2014

Folgende Autorinnen und Autoren erhielten ein Stipendium:

  • Maria Cecilia Barbetta (für ein Romanprojekt)
  • Clemens Berger (für ein Romanprojekt)
  • Nina Bußmann (für ein Romanprojekt)
  • Uwe Dick (für ein Lyrikprojekt)
  • Ralph Dutli (für ein Romanprojekt)
  • Rabea Edel (für ein Romanprojekt)
  • Aris Fioretos (für ein Romanprojekt)
  • Thomas Gsella (für ein Lyrikprojekt)
  • Norbert Gstrein (für ein Romanprojekt)
  • Nikolaus Heidelbach (für einen Kinderroman)
  • Uwe Kolbe (für einen Gedichtband)
  • Michael Kumpfmüller (für ein Romanprojekt)
  • Kristiane Lichtenfeld (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Axel Monte (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Karl-Heinz Ott (für ein Romanprojekt)
  • Karla Schneider (für ein Romanprojekt)
  • Frank Schulz (für ein Romanprojekt)

Für die Statistik: 11 Romanprojekte, 1 Kinderroman, 2 Übersetzungsprojekte, 2 Lyrikprojekte, 1 Gedichtband

78. Poeticon

Volkmar Mühleis sprach für DLF-Büchermarkt mit Verleger, Herausgeber und Autoren der Edition Poeticon.

2 Auszüge:

Frank: „Also die Reihe ist so konzipiert, dass sie irgendwann eine Art Sammellexikon sein soll, von Begriffen, die in essayistischer Form von Lyrikern und Lyrikerinnen reflektiert werden. Also da geht es aber erst mal um die Form des Essays und nicht unbedingt um die Lyrik. (…) Wir gehen sozusagen davon aus, dass die Lyrik eine deutliche Beziehung zu solchen Begriffen hat, nicht nur über Subjekte. Und dass wir unsere Lyrikerinnen und Lyriker fragen diese Begriffe zu beschreiben, in einem essayistischen Format, um verschiedene Positionen einzunehmen, aber auch Positionen zu beziehen. Dass reine Positionen einnehmen ist ja eine Übung, die auch schnell langweilig werden kann, und für den Leser auch wenig erquicklich irgendwann wird.“

Mühleis: Es geht um nichts weniger als einen Ausweg aus der postmodernen Unverbindlichkeit, mit ihrem Erbe. Das ist der Zwiespalt für jeden Neuanfang: Es gibt kein Zurück, aber nach vorne geht es nur über das Alte hinaus. Was bedeutet also das Lyrische Ich im Diskurs? Oder eine Sprache jenseits davon? Swantje Lichtenstein präsentiert hierzu eine Passage aus ihrem Essay Geschlecht:

Lichtenstein: „Das Gedicht hat eine gute Figur. Kein Gramm zu viel, bricht nicht, ist kompakt und doch kräftig. Vielgestaltig in der Handhabung (nicht -gebung, eher nehmend). Das Manuskript steckt in der künstlichen Hüfte (Knie) fest und verdingt sich zwischenzeitig als Gürtelrose. Die blüht. Verblüht. Ist Dorn. Erwartet nichts, weiß aber. Möchte das Herz essen. Vom Gedicht. An den Knotenpunkten ist es etwas paradox. Doch Text. Von ganz nah. Ich möchte das nicht. Ich möchte das nicht aushalten müssen. Ich möchte nicht in etwas hinein hören, das ich mir nicht ausgesucht habe. Möchte nicht einen anderen Körper mithören. Mitklingen lassen. Möchte mit dem Ich ein bisschen herumzaudern und es nicht gegen ein anderes mit all diesen Subjektansprüchen abgleichen. Von mir zu dir und wieder zurück. Dann also Ruhe. Mit dem Gedicht.“

(…)

Mühleis: Einerseits richten sich die Autoren gegen die Verengung von Literatur auf die Künstlerbiografie, zum Beispiel im Deutschunterricht an den Schulen, andererseits sprechen sie sich für das Lehren des Schreibens an Literaturakademien aus. Um den letzten Punkt hat nicht zuletzt Florian Kessler eine Debatte entfacht, mit seiner erfrischenden Polemik Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!, erschienen in der Zeit, über ein konformistisches und saturiertes Bild von Literatur, das gerade die Bücher diplomierter Hochschulautoren abgeben würden. Als Dozent am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig sieht Bertram Reinecke das durchaus anders. Zum Vergleich von Deutschunterricht und Literaturstudium meint er mit Blick auf sein Buch Gruppendynamik:

Reinecke: „Es ist ein deutliches Plädoyer für Literaturhochschulen. Der Unterschied zum Deutschunterricht ist erstens, alle Leute sind freiwillig da, und es müsste im Prinzip – jedenfalls, wenn man es geschickt einrichtet –, es müsste nichts zensiert werden. Denn ganz viele Verschiebungen in der Vermittlung geschehen dadurch, dass der Deutschlehrer auch irgendwas prüfen muss. Also das ganze Verstehen wird dermaßen überschätzt, weil der Deutschlehrer abfragen muss, ob in irgendeiner Form, (…) ob die Kinder was verstanden haben und irgendwo werten muss. Und dadurch kommt einfach ein völlig falscher Fokus auf die Literatur zustande, und das muss nicht sein, wenn man das an der Hochschule treibt.“

Swantje Lichtenstein meint dazu:

Lichtenstein: „Wenn ich in Mexiko bin oder in Armenien oder in der Türkei, dann sind das auch Lyriker, die Literatur unterrichten, das ist ja nicht nur im angelsächsischen Bereich, aber da (sind) natürlich die Hochschulen an denen überhaupt Schreibkurse oder Schreiben als Studiengänge eingeführt (sind) viel umfangreicher, und eben nicht Literaturwissenschaft, sondern eben auch Schreiben mit einem Master of Fine Arts, muss man auch noch mal sagen. Also im Unterschied zu Deutschland sind das ja auch Kunsthochschulen, an denen gemeinsam künstlerische Fächer und eben auch Schreiben unterrichtet wird. Das haben wir ja eben auch nicht, in der Form, außer eben in Leipzig, in Hildesheim ist es vom Abschluss schon wieder anders, und an der Universität für angewandte Künste in Wien ist es auch so, dass es eine Kunsthochschule ist. Also da gilt dieses Modell, aber das haben wir sonst im deutschsprachigen Raum nicht. Und ich glaube, da besteht genau der Knackpunkt, letztendlich.“

Swantje Lichtenstein, Geschlecht
Jan Kuhlbrodt, Geschichte
Bertram Reinecke, Gruppendynamik
Tobias Roth, Tradition
Jeweils 48 Seiten, 7,90 Euro, Edition Poeticon, Verlagshaus J. Frank

77. Israelische Lyrik in/aus Berlin

Heimat, Muttersprache, Exil, Checkpoints zwischen Welten: israelische Lyrik in Berlin und aus Berlin – wie geht das zusammen? Was bringt junge Israelis nach Berlin und welche Einflüsse hat die Geschichte und die Gegenwart der deutschen Hauptstadt auf das Schaffen israelischer Dichter, die hier leben? In Lesungen in deutscher und hebräischer Sprache und im Gespräch mit dem Übersetzer Gadi Goldberg stellen Maya Kuperman, Ronen Altman Kaydar und Mati Shemoelof ihr Werk vor.

Altman Kaydars Gedichte und Songs bewegen sich zwischen Geschichte, den Naturwissenschaften und der (Un-)Wirklichkeit, während Kuperman in messerscharfer Lyrik die »Muttersprache“ und die dem Schreiben zugrundeliegenden Abschiede auslotet. In seinem Werk »Am Kontrollpunkt der Poesie« hingegen, reflektiert Shemoelof wann er bereit sein wird, israelische Liebesgedichte zu schreiben.

  • Durch den Abend führt Gadi Goldberg, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt. Er übersetzt so unterschiedliche Literaten wie Erich Maria Remarque, Uwe Timm und Helene Hegemann, aber auch Philosophie, so z.B. Hegel und Kant aus dem Deutschen ins Hebräische.
  • Ronen Altman Kaydar ist Lyriker, Autor und Übersetzer. Er studierte Geschichte und Philosophie der Wissenschaft in Tel Aviv. 2000 erschien sein erster Roman »Schmetterlinge des Chaos, 2007 sein erster Gedichtband »Bissspuren«. Neben seinen Gedichten, die in Zeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht wurden, übersetzte er auch Gedichte vom Englischen und Deutschen ins Hebräische und war als Herausgeber tätig.

  • Maya Kuperman ist eine vielfach ausgezeichnete israelische Dichterin und Journalistin. Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen israelischer Gegenwartslyrik. Ihre ersten Gedichte veröffentlichte sie im Alter von 16 Jahren. 2007 erschien ihr Buch »Mother Tongue«.

  • Mati Shemoelof ist Dichter, Autor, Herausgeber und Journalist. Sein Schaffen umfasst fünf Gedichtbände, dramatische Arbeiten und Prosa. Seine Arbeiten gewannen mehrere Preise und wurden in sechs Sprachen übersetzt. Als Herausgeber verantwortet er eine Vielzahl von Magazinen und Aufsätzen im Themenkreis von Poesie und Kultur.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit Michal Zamir, Kuratorin und Gründerin der »Hebräischen Bücherei Berlin«.

/ Jüdisches Museum Berlin

  1. Juli 2014, 18 Uhr
    Museumsgarten
    Eintritt frei

76. “not verses but facts”

Tadeusz Rozewicz, a defiantly modernist, globally acclaimed Polish poet whose answer to the Holocaust and other 20th-century horrors was a renunciation of literary ornament and a call for poetry of “not verses but facts,” died on April 24 at his home near Wroclaw, Poland. He was 92.

Poland’s culture ministry announced the death.

Mr. Rozewicz (pronounced roo-ZHEH-veech) was awarded the European Prize for Literature in 2007, and his work has been translated into 49 languages. Seamus Heaney, the Irish poet who won the Nobel Prize for Literature in 1995, called him “one of the greatest European poets of the 20th century.” / New York Times 21.5.

75. LeseLenz Stadtschreiber 2014/15

Zu Hausacher Stadtschreibern 2014 /15 wurden gekürt

Silke Scheuermann, Thorsten Nesch und Marie T. Martin

74. Höltypreis 2014 für Silke Scheuermann

Der zum vierten Mal verliehene »Hölty-Preis für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover« 2014 geht an Silke Scheuermann. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis ist die höchstdotierte Lyrikauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Er wird seit 2008 im Zwei-Jahres-Rhythmus verliehen. Die Auszeichnung wird an eine lebende deutschsprachige Lyrikerin beziehungsweise einen Lyriker für ein Gesamtwerk oder eine einzelne Veröffentlichung vergeben.

Der Preis wird am 10. September um 20 Uhr öffentlich im Kleinen Sendesaal des NDR Funkhauses in Hannover verliehen.

Aus der Begründung der Jury: »Silke Scheuermann erhält den Hölty-Preis für Lyrik für ihr bisheriges lyrisches Werk, vor allem für ihr herausragendes Gedichtbuch SKIZZE VOM GRAS, das die Fundamente unserer Existenz erkundet. In ihren Gedichten überzeugt Silke Scheuermann mit überraschenden Bildern und meisterlichen Kompositionen, die vom Märchen- und Mythen-Stoff und epochalen Werken der Bildenden Kunst inspiriert sind. Ihre Sujets findet sie jedoch in der realen Welt. Skepsis und schmerzliche Reflexionen konterkarieren den zarten, manchmal hohen Ton ihrer Lyrik. Ihr poetischer Kosmos ist kein märchenhaftes Traumreich, sondern ein lebensgefährliches, von den Schrecken unserer Gegenwart aufgewühltes Gelände. Silke Scheuermanns Lyrik ist in ihrer poetischen, spannungs- und bildreichen Eigenständigkeit unverwechselbar, zugleich barock und hochmodern.«

Den ersten Hölty-Preis erhielt der Lyriker Thomas Rosenlöcher im Jahr 2008, 2010 wurde er Paulus Böhmer und im Jahr 2012 an Christian Lehnert verliehen.

Biografie der Autorin

Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt bei Frankfurt am Main. Sie studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Frankfurt, Leipzig und Paris und arbeitete am Germanistischen Institut der Universität Frankfurt. Neben Kritiken veröffentlicht sie Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften und Anthologien und erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt. 2006 war sie in der Jury des weltweit bedeutenden Preises für Kurzgeschichten, dem Frank O’Connor International Short Story Award.

Fotografie: Kirsten Bucher
Fotografie: Kirsten Bucher

Publikationen

Im Schöffling & Co. Verlag

  • 2014 Skizze vom Gras. Gedichte (Erscheint am 5. August 2014)
  • 2013 Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen. Gedichte 2001–2008
  • 2012 Die Häuser der anderen. Roman
  • 2011 Shanghai Performance. Roman
  • 2007 Über Nacht ist es Winter. Gedichte
  • 2007 Die Stunde zwischen Hund und Wolf. Roman
  • 2005 Reiche Mädchen. Erzählungen

Im Suhrkamp Verlag

  • 2004 Der zärtlichste Punkt im All. Gedichte
  • 2001 Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen. Gedichte.

73. Das Land in dem es Pflicht ist, die Poesie zu lieben

(und verboten, sie zu lesen)

Jang Jin Sung hatte einen der härtesten Jobs der Welt.

Sein Auftrag: dem Treiben eines ruchlosen Despoten Schönheit einhauchen. Er war der persönliche Poet laureate von Kim Jong Il, der Nordkorea bis zu seinem Tod im Jahr 2011 regierte. Der Job war nicht ungefährlich. 2004 desertierte er, nachdem ein kleiner Fehler sein Leben gefährdete. Er war ein Jahr auf der Flucht in China, bevor er Zuflucht in Südkorea fand.

Heute ist er ein scharfer Kritiker des nordkoreanischen Regimes. Gerade erschien sein Memoirenband „Dear Leader“. GlobalPost sprach mit ihm in London.

Wie war es mit Kim Jong Il?

Ich durfte nicht höher als bis zum zweiten Hemdknopf aufblicken. Vor dem Handschlag mußte ich die Hände mit Desinfektionsgel einreiben. Ohne seine Erlaubnis durfte ich mich nicht bewegen.

Lieben die Nordkoreaner die Lyrik? Und welche Art Lyrik?

Lyrik studieren gehört zu unserer Kultur, aber es ist ein Zwang, und der einzige Gegenstand ist der großartige Führer. Liebe kann man das nicht nennen.

Wie ich weiß, lieben Sie Byron. Wie kamen Sie an sein Werk heran?

In Nordkorea gibt es die „100-Stück-Sammlung“, mit der klassische Werke Elitefamilien zugänglich gemacht werden, damit sie etwas von der Außenwelt kennenlernen. Jeder Band erscheint nur in 100 Exemplaren. Meine Familie hatte einen Band mit Byrons Werken – sie inspirierten mich zum Schreiben.

Wie ist es, wenn einem die Themen der Gedichte vorgeschrieben werden?

Das ist unglaublich frustrierend. Dichten ist wie Berufsarbeit. Am besten war es noch, wenn ich über die Vergangenheit schreiben konnte, da konnte man mal einen anderen Herrscher oder ein anderes Land kritisieren, während sonst nur Herrscherlob erlaubt war.

Was veranlaßte Sie, regimekritische Gedichte zu schreiben?

Ich mußte die Wahrheit schreiben, um nicht verrückt zu werden. Es war eine große Erleichterung, auch wenn niemand etwas davon lesen konnte. Als ich mein erstes freies Gedicht geschrieben hatte, weinte ich vor Glück, etwas geschrieben zu haben, das nicht von oben befohlen war.

72. Lyrikmarkt

Mit lyrischem Markttreiben, Lesungen und Musik bildet der Lyrikmarkt den mittlerweile traditionellen Abschluss des poesiefestival berlin: ein Ereignis rund um die Dichtkunst – unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Mehr als 30 Verlage, Antiquariate und Buchhandlungen laden am 13.6.2014 in und vor der Akademie der Künste im Hanseatenweg ein zum Schmökern und Stöbern in poetischen Neuerscheinungen, Fundstücken und Raritäten. Mit dabei sind sowohl Independent-Verlage wie kookbooks und das Verlagshaus J. Frank als auch große Häuser wie C. H. Beck.

Der Lyrikmarkt macht die verdichtete Sprache nicht nur les-, sondern in Dichterlesungen und Performances auch erleb- und hörbar. Hier kann die Bandbreite der deutschen und internationalen Gegenwartslyrik entdeckt werden, mit zahlreichen renommierten Autorinnen und Autoren wie Ulrike Draesner, Björn Kuhligk, Yang Lian und Ryan Van Winkle.

Das New Yorker Künstlerkollektiv aus Dichtern und bildenden Künstlern Collective Task versteigert Kunstwerke, die während des Festivals entstanden sind, und die Berliner Modedesignerin Lisa D lädt ein zu einer Mode-Poesie-Performance. T-Shirts können mitgebracht und mit Gedichten bedruckt oder vor Ort erworben werden.

Mit Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunks sind auch die allerjüngsten Dichtungstalente mit auf der Bühne.

Begleitet wird der Lyrikmarkt von einem musikalischen Programm im Spannungsfeld zwischen Lyrik und lyrics. Bei Strangers by Day (Soul/Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und als Highlight die Singer/Songwriterin Masha Qrella mit Band gehen Popmusik und Dichtung auf tanzbare Weise in einander über.

Für Kinder gibt es ein eigenes Spiel- und Bastelprogramm rund um die Poesie. Essen und Getränke sind reichlich vorhanden und bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in die Akademie der Künste verlegt.

Im Anschluss geben The Schwarzenbach und The Great Hans Unstern Swindel ein Konzert in der Akademie der Künste.

Das 15. poesiefestival berlin findet statt vom 5. – 13.06.2014 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Mit freundlicher Unterstützung durch: Auswärtiges Amt, Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, British Council, Creative Scotland

Fr, 13.06.2014, 15.00 – 20.00 Uhr

15. poesiefestival berlin

Lyrikmarkt

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Eintritt frei

Mit Lesungen von: Andreas Altmann, Maria Barnas, Ricardo Domeneck, Ulrike Draesner, Christian Filips, Anna Hetzer, Nancy Hünger, Björn Kuhligk, Yang Lian, Maria Natt, Kerstin Preiwuß, Stephan Reich, Katharina Schultens, Daniela Seel, Tzveta Sofronieva, Rainer Stolz, Christoph Szalay, Ryan Van Winkle, Charlotte Warsen, Ron Winkler, Judith Zander und Preisträgern des lyrix-Schülerwettbewerbs des Deutschlandfunk

Musikalisches Programm mit: Strangers by Day (Soul / Rock’n’Roll), Hoppe (Lyrik an Musik, mit Friederike Scheffler) und Masha Qrella mit Band (Indie-Pop)

71. Lange Lyriknacht

Es ist wieder soweit – die Nacht gehört der Lyrik!  Am 23. Mai kehrt das Verlagshaus J. Frank in die Brotfabrik nach Weißensee zurück, um erneut eine Lange Lyriknacht zu feiern! Dieses Mal haben wir unsere Freund_innen von kookbooks, hochroth und der edition AZUR eingeladen, gemeinsam mit uns die Vielfalt der Gegenwartslyrik zu präsentieren! Zwölf Autor_innen lesen von 19:00 bis tief in die Nacht und verwandeln die Brotfabrik in ein Haus der Poesie.

Aber was überhaupt sind Gedichte, diese Universen auf kleinem Raum? Worin besteht das Verführerische der Poesie? Wie ist die geheimnisvolle Sphäre beschaffen, in der sie entsteht? Und welche Rolle spielen sie in der heutigen Welt? Dies sind Fragen, die von den Lyriker_innen in Lesungen, Diskussionen und Buchvorstellungen beantwortet werden – bis in die frühen Morgenstunden! Besucher_innen von »24 Stunden Buch« haben bei der Langen Lyriknacht die einmalige Gelegenheit, die Vielfalt deutschsprachiger Gegenwartslyrik zu erleben!

U. a. mit: Timo Berger, Hendrik Jackson, Sascha Kokot, Maik Lippert, Peter Neumann, Martin Piekar, Thomas Podhostnik, Katharina Schultens, Stephan Reich, Mikael Vogel, Janin Wölke, Uljana Wolf …

Neben dem Lesungsprogramm warten auch weitere Highlights auf alle Lyriknachtschwärmer: Es gilt den Weltmeister-Titel im legendären Lyrikwrestling von Kicking Kuhlbrodt zu verteidigen! Und um Mitternacht werden Thomas Podhostnik und Lilli Gärtner mit in einer musikalischen Video-Performance ihr Buch »Mittwacht« präsentieren. Im Anschluss an die Lesungen lädt Daniel Ketteler, der Sohn von »Elektro Willi und Sohn« in der Nacht zum Tanz!

Natürlich soll die Lyrik auch weitergetragen werden: Ein großer Büchertisch im Foyer lädt dazu ein. Und wer nicht nur nach geistiger Nahrung sucht, wird im Hof am Grill oder der Bar fündig. Poetisiert euch!

Lange Lyriknacht
23. Mai 2014 | 19:00
Eintritt: 8/6 €

Kartenbestellung unter: 030 6751 5500
oder karten@lyriknacht.de
Weitere Informationen unter www.lyriknacht.de

70. manual numerale

Da Zander im Titel von einem „manual numerale“ spricht, wird ein Zusammenhang zwischen Zahl (Datum) und Textlänge (Vers) suggeriert. In einem 14-Zeiler heißt es:

„14. / es ist mai es ist juni julei / jeder vierzehnte gebe mich frei“.

Dieser Vision einer Gliederung liegt das Prinzip des Verirrens zugrunde. Zander zelebriert nicht das Chaos, sie zeigt ein Sprechverhalten, das jenseits der Ordnung funktioniert – und sich übrigens auch auf den Leser überträgt. Der müsste sich nämlich die Seiten markieren, um ein bestimmtes Gedicht wiederzufinden.

An Entdeckungen mangelt es nicht in diesem besonderen Hand- beziehungsweise Tagebuch. Der Mond als klassisches Requisit der Lyrik wird „als falschkadenz“ bezeichnet und „zimmernummern“ als „verwunschne glossen“. Mitunter sprechen die Musen „änglisch“ und in Anlehnung an Paul Gerhardts geistliches Sommerlied dichtet Zander freimütig frech:

„Geh aus mein Herz bloß raus und mach / die herzklappe von außen zu“.

In einem 7-Zeiler wird die Barockdichterin Sibylla Schwarz als „antipodin“ bezeichnet, die siebzehnjährig starb und ca. 300 Gedichte und Gebete hinterließ.

Der Weg ist das Ziel in Zanders Sammlung, wobei sich die Sprache horizontal und vertikal ausdehnt und wundersam verzweigt. In der schier unendlichen Vielfalt von Silben-, Wort- und Versverbindungen begründet sich die Faszination eines kreuzgescheiten poetischen Labyrinths. / Carola Wiemers, DLR

Judith Zander: manual numerale
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014 
100 Seiten (im Buch ohne Angabe), 14,90 Euro