102. Preis für Becker

Jürgen Becker bekommt den renommiertesten deutschen Literaturpreis, den von der Darmstädter Akademie vergebenen Büchnerpreis. Zeit wurde es mal. Hubert Spiegel schreibt für die FAZ:

Mit Jürgen Becker hat die Akademie nun eine Wahl getroffen, die beides ist: unanfechtbar und mutlos, mühelos zu begründen, aber leider nicht gerade aufwühlend. Dabei wurde diese Entscheidung keineswegs halbherzig getroffen. Im Gegenteil, sie ist mit ganzem Herzen kleinlaut. (…)

Becker, Jahrgang 1932, galt in den sechziger Jahren als einer der interessantesten Vertreter einer neuer experimentellen Lyrik und hat seitdem zahlreiche Lyrikbände, Hörspiele und Prosatexte veröffentlicht. Die Reihe seiner Publikationen ist so lang und eindrucksvoll wie die Reihe der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat. Den Anfang machte vor genau einem halben Jahrhundert der Niedersächsische Förderungspreis für junge Künstler, es folgte 1967 der Preis der Gruppe 47. Allein die Reihe jener Preise, die nach großen Kollegen Beckers benannt sind, ist imponierend: Huchel, Böll, Johnson, Lenz, Schiller, Eich. Becker, im Brotberuf lange Jahre Redakteur beim Deutschlandfunk, war immer ein innovativer und höchst reflektierter Autor, der elegant und kunstvoll zwischen den Gattungen Lyrik und Prosa zu wechseln verstand, aber wie viel Zeit darf eine Akademie sich nehmen, um dies zu bemerken und zu honorieren?

Mehr: Prägender Poet (DLR) / Spiegel

101. Preis für Beyer

Der war mir doch durch die Lappen gewischt. Also nachgetragen:

Der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer erhält den Kleist-Preis 2014 − bestimmt wurde er von Hortensia Voelckers als Vertrauensperson der Jury. Die mit 20.000 Euro dortierte Auszeichnung wird am 23. November in Berlin überreicht, teilt die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft mit.

Marcel Beyer wurde bekannt durch Romane wie „Flughunde“ (1995), „Spione“ (2000) oder „Kaltenburg“, Gedichtbände wie „Falsches Futter“ (1997) oder „Erdkunde“ (2002), Essays wie „Nonfiction“ (2003) sowie Erzählungen („Putins Briefkasten“ 2012). Seine Texte, urteilte die Jury, spüren „dunkle Verflechtungen von Wissenschaft, Kunst und Politik in der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in häufig experimentellen Darstellungsformen auf“. Marcel Beyer erhielt bislang bereits zahlreiche Preise, etwa den Berliner Literaturpreis (1996), den Heinrich-Böll-Preis (2001), den Friedrich-Hölderlin-Preis (2003) oder den Joseph-Breitbach-Preis (2008).

Der Kleist-Preis wird Marcel Beyer am 23. November in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, so die Mitteilung weiter, die Claus Peymann inszenieren wird*. Die Laudatio hält Hortensia Voelckers, langjährige Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Sie hat − als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Marcel Beyer in alleiniger Verantwortung, gemäß der Tradition des Kleist-Preises, zum Preisträger bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Jens Bisky (SZ), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Thomas Böhm (Programmleiter ilb), Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder), Michael Maar (freier Autor) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). / Börsenblatt 13.5.

100. Preis für Marcel Beyer

Der Lyriker und Erzähler Marcel Beyer erhält in diesem Jahr den mit 40.000 Euro dotierten Oskar Pastior Preis. Die Preisverleihung findet am 14. September im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin statt, teilte die Oskar Pastior Stiftung mit.

Sein Werk zeichne sich „durch eine intensive Beobachtung des sprachlichen Materials“ aus, „die durch die harten Themen hindurch in offenes poetisches Gelände führt“, urteilte die Jury. Die Preisverleihung findet am 14. September im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin im Haus der Berliner Festspiele statt. Die Laudatio auf Marcel Beyer hält Christina Weiss. (…)

Nach Oswald Egger 2010 ist Marcel Beyer der zweite Preisträger; im Jahr 2012 verzichtete die Stiftung auf eine Preisverleihung und betrieb dafür die Aufklärung hinsichtlich der Securitate-Mitarbeit von Oskar Pastior. Die Ergebnisse dieser Recherche wurden 2013 in dem Band „Versuchte Rekonstruktion – Oskar Pastior und die Securitate“ (Edition Text + Kritik) veröffentlicht. / Börsenblatt

99. Maya Angelou (1928-2014)

Der 20. Januar 1993 ist ein bitterkalter Tag in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Als eine schwarze Frau über den riesigen, roten Teppich zum Podium an den Treppenstufen des Kapitols schreitet, macht sie sich gefasst auf kühlen Wind und drückt ihren dicken, dunklen Mantel fest an sich. Dann steht sie am Pult und schaut einen Moment in die Menschenmenge um sie herum. Die Zooms der neugierigen Fernsehkameras fahren auf die 64-Jährige mit den grossen Ohrringen zu, die Schar der Mikrofone harrt der Worte aus berufenem Munde. Schliesslich hebt die hochgewachsene Künstlerin den Kopf, atmet ein und beginnt, ihr Gedicht «On the Pulse of Morning» mit sanfter, sonorer Stimme vorzutragen. Der ganze Erdball schenkt ihr Gehör.

Es war der am 4. April 1928 in St. Louis geborenen Maya Angelou nicht an der Wiege gesungen worden, dass ein frisch gewählter US-Präsident sie bitten würde, zu seiner Inauguration ein Gedicht zu verfassen und vorzutragen. Doch genau dies tat Bill Clinton. Und ehrte damit eine Autorin, die bereits zahllose Auszeichnungen und Preise erhalten hatte. Nach Robert Frost, der 1961 bei der Amtseinführung John F. Kennedys sein Poem «The Gift Outright» deklamierte, war es das zweite Mal, dass jemand aus dem Kreis der Dichter und Denker eine Hauptrolle bei einer der wichtigsten Zeremonien der Vereinigten Staaten spielte. Angelou fand den richtigen Ton, als sie die Aufbruchstimmung der Clinton-Ära in freudige Strophen über ein neues, traumhaftes Amerika fasste. Einerseits folgte sie Frost – wie Clinton seinem Vorbild Kennedy huldigte – und sah eine goldene Natur. Andererseits bedachte sie im Kontrast zum Vorgänger die Minderheiten. Die sechssprachige Afroamerikanerin lieferte dabei kein kaschiertes Parteiprogramm, sondern blieb ihrem Œuvre treu.

Dieses ist in sämtlichen Facetten letztlich optimistisch, obwohl es den harten Kampf schwarzer Frauen um Existenz und Akzeptanz ins Zentrum stellt. Das Gedichtwerk, das recht wenig erforscht ist, umspannt eine Reihe respektabler Bände, die von «Just Give Me a Cool Drink of Water ‚Fore I Diiie» (1971) bis zu «Life Doesn’t Frighten Me» (1996) reicht. Kenner greifen gern zur 1994 gedruckten Gesamtausgabe, die Angelous Qualitäten als Lyrikerin in ganzer Breite zeigt: Spürbar wird zum einen das Gefühl für Rhythmus, so in den Zeilen von «Times-Square-Shoeshine-Composition», dessen knappe Sätze das flinke Bürsten eines Schuhputzers perfekt reflektieren. Ferner ist da die zärtliche Sprachgewalt einer exakten Beobachterin, etwa zu finden in «London», und markantes historisches Bewusstsein, das neben anderem in «Ain’t That Bad?» deutlich wird. / Thomas Leuchtenmüller, NZZ

Nach dem Inaugurationsgedicht „On the Pulse Into Morning“ schnellte die Auflage von Angelous Gedichtbänden nach oben und sie genoss den Ruf „als gütige Urgroßmutter Amerikas, als Mahnerin zu Einheit und Vernunft“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ zuletzt schrieb. / Spiegel

Mehr: Die Welt /

98. Julia Engelmann

Sie genießt den Erfolg und das, was er nach sich zieht: Wenige Tage nach ihrem 22. Geburtstag erscheint heute ihr erstes Buch mit ihren Poetry-Slam-Texten. Titelgeber für den Band ist das Gedicht aus dem Video: „Eines Tages, Baby“. Hier geht es darum, endlich zu leben, statt immer auf etwas zu warten. „Wir sind jung und haben so viel Zeit, / warum soll’n wir was riskieren? / Wir wollen keine Fehler machen, / wollen auch nichts verlieren“, heißt es in dem Text. / Rheinische Post

97. Ohne Beteiligung des Urhebers

Als Mitte der neunziger Jahre die Konzerne erkannten, dass mit dem Internet gut Geld zu verdienen ist, war ich ein aufstrebender freier Journalist. Eines Tages bekam ich Post von meinem damaligen Hauptarbeitgeber: Die Rechtsabteilung der FAZ bat mich, eine beiliegende Erklärung unterschrieben zurückzusenden. Ich sollte ihnen die Rechte an meinen bisher erschienenen Texten für die Verwertung im Web abtreten. Fünf Mal kam die gleiche Post mit der gleichen Erklärung. Ich habe nicht unterschrieben. Die FAZ vermarktet dennoch stets die Beiträge online und kassiert von den Nutzern Gebühren. Ohne Beteiligung des Urhebers. / Christian Welzbacher, der Freitag

Ein Leserkommentar:

Wenn’s um den Lebensunterhalt geht, sollte man das besser anders regeln als über Tantiemen. Das bedingungslose Grundeinkommen wird ja immer wieder genannt. Daher die Frage an den Autor: Hätte er auch eine Regelung unterzeichnet, die seine alten Texte unter den Bedingungen der Creative Commons allen frei zur Verfügung stellt?

96. Yahya passt in keine Schublade

Die dänischen Bürger am rechten Rand haben in Hassans Geschichte endlich den Beleg dafür gefunden, dass alle Ausländer kriminelle Sozialschmarotzer sind und sich gar nicht eingliedern wollen. Das linke Lager sieht in Hassan endlich den Beweis dafür, dass die Dänen selbst mehr gegen Ghettobildung und Ausgrenzung tun müssen. Für seine eigene Community ist Hassan ein neudänischer Verräter. Aufgrund der vielen Morddrohungen lebt er versteckt und zeigt sich nur mit Personenschutz in der Öffentlichkeit. Er versucht sich von keiner Seite vereinnahmen zu lassen. Seine Gedichte passen auch nicht so richtig in eine Schublade. Denn in erster Linie schreibt er um seine eigene Freiheit.

Die Poesie ist sein Fluchtpunkt. In der literarischen Welt ist Hassan ein Jemand, er hat plötzlich eine Stimme. Er lernt über sich, die Welt und das Leben mehr als in der Realität. Durch seine Gedichte habe er gelernt die Verantwortung für sein Leben nicht mehr auf andere abzuwälzen. Er will versuchen die Wut auf seine Eltern, die ihm die Kindheit gestohlen haben, in Kraft zu verwandeln und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. / Sara Mohn, Yaez

95. flüchtig zu fixieren

Der Schweizer Dichter Kurt Aebli hat schon immer ein Faible für das Momenthafte. „Unbemannter Augenblick“ heißt etwa ein Stück aus einem früheren Band mit Miniaturen, der nicht von ungefähr den Titel „Ameisenjagd“ trägt. Allerdings wusste Aebli das Gesetz von Ursache und Wirkung oder die Vorstellung eines hübschen Ablaufs, die in der gewöhnlichen Wahrnehmung bestimmend sind, stets in Frage zu stellen, und sei es mit einer „verbeulten Logik des Vergessens“. Nun tastet er dem Augenblick auf eher vertraute Art und Weise nach. „Das Gesehene mir einzuschreiben“, lautet eine der Aufgaben in seinem neuen Buch, oder auch „das beiläufig Registrierte / flüchtig zu fixieren“.

Doch es sind durchwegs paradoxe Unternehmen, die Aebli aufruft. Der Schreibende ist für das Festhalten des Augenblicks immer schon zu schnell und zu sehr gebunden durch die Abstraktionen der Begriffe. Aebli reflektiert diese Fragen in seinen Gedichten – und findet eine Lösung, die selbst wieder paradox anmutet: „Kein Wort fasst / die Fülle / des Augenblicks. // Nur davon / spricht / das Wort. // Nur das Wort, das davon spricht, / hat seine Sprache / gefunden.“

Das ist zwar einleuchtend, aber auch einfach gesagt. Und so gehören jene Gedichte, in denen Aebli über das Schreiben nachdenkt, nicht eben zu den aufregendsten des Bandes. Sein Können entfaltet er indes, wenn er Beschreibungen in metaphorische Wendungen überführt.

Und wenn er sich über all die zuvor fein ausgemachten Widersprüche hinwegsetzt und den Augenblick doch mit seiner Sprache fassen will: „An einem schwülen Tag plötzlich des Teufels / Schneeflocken, schwarzes / Schneetreiben, / surrend und schwirrend, aufgewirbelt / von Pferdeäpfeln am / Waldrand“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 20.5.

Kurt Aebli: Tropfen. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2014. 118 Seiten, 18 Euro.

94. Gestorben

Die US-Lyrikerin, Professorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Das teilte die Wake Forest University in Winston-Salem im US-Staat North Carolina mit. (…)

Einen großen Fernsehauftritt hatte Angelou als Lyrikerin bei Bill Clintons erster Amtseinführung 1993. Damals las sie ihren Text On the Pulse of Morning, der millionenfach verkauft wurde. / Die Zeit

93. Einfühlsame Lyrik

In Kirchenkreisen ist die einfühlsame Lyrik von „Sonne, Segen, Sturm und Schmerz“, in der sich viele Menschen verstanden fühlen, inzwischen ein Begriff. / Dewezet

92. Anarchosurrealisten an die Macht

In Island fand ein einzigartiges politisches Experiment statt: Vier Jahre lang regierten Anarchisten die Hauptstadt Reykjavik. Und diese Amateure haben Erstaunliches vollbracht.

Schreibt der Tagessanzeiger, der vor Jahren anders sprach:

Island ausser Rand und Band

Nach dem Zusammenbruch der Banken, der massiven Verschuldung und einem desaströsen Vulkanausbruch verkommt Islands Politik zum Satire-Projekt.

Was ist geschehen? (Und wofür bezahlen wir eigentlich teure „Öffentlich-Rechtliche“, wenn sie das einzigartige Erstaunliche so gut wie verschweigen?) Hier der Anfang des langen, erstaunlichen Berichts:

Als die Stimmen ausgezählt waren, sagte die Premierministerin von Island, das Ergebnis sei ein «Schock». Den Schock teilten an diesem Abend so gut wie alle. Die bisherigen Parteien, weil sie die Wahl verloren hatten. Und die neue Partei, weil sie die Wahl gewonnen hatte.

Ein solches Resultat hatte es noch nie gegeben, nicht in Island, nicht sonst wo auf der Welt. Dabei war Reykjavik eigentlich eine verlässlich konservativ stimmende Stadt gewesen. Das war nun Vergangenheit. Mit 34,7 Prozent hatte die Stadt eine neue Kraft an die Macht gewählt: die Anarchosurrealisten.

Deren Spitzenkandidat, Jon Gnarr, von Beruf Komiker, betrat bleich den tobenden Saal voller betrunkener Anarchisten. Er hob fast schüchtern die Faust und sagte: «Welcome to the revolution!» Und: «Hurra für alle möglichen Dinge!»

Gnarr war nun Bürgermeister von Reykjavik. Nach dem Premierminister war dies das zweitwichtigste politische Amt auf der Insel: Ein Drittel aller Isländer lebt in der Hauptstadt; ein weiteres Drittel pendelt dorthin. Die Stadt ist Islands grösster Arbeitgeber, ihr Bürgermeister der Chef von 8000 Beamten.

Kein Wunder, schockierte das Wahlresultat. Denn Reykjavik steckte tief in der Krise. Der Bankencrash hatte alles gleichzeitig an den Rand des Bankrotts gebracht: Staat, Stadt, Firmen und Einwohner. Und die anarchosurrealistische Partei, getauft «Die Beste Partei», bestand im Wesentlichen aus Rockstars, fast alle ehemalige Punks. Kein Einziger hatte je in einem politischen Gremium gesessen. Ihr Slogan zur Bewältigung des Crashs hiess: «Mehr Punk, weniger Hölle!»

Was war in die konservativen Wähler von Reykjavik gefahren? Jedenfalls zeigten sie Mut. Sie taten am 27. Mai 2010 etwas, wovon sonst alle immer nur redeten: Sie entzogen den Politikern die Macht. Und übertrugen sie den Amateuren.

Und so begann ein einzigartiges politisches Experiment: Wie würden Nicht-Politiker regieren? Wie Punks? Wie Anarchisten? Mitten in der Krise? (…)

 

91. Hausacher Leselenz

Am vergangenen Wochenende tagte die Hausacher Leselenz-Jury, am Mittwoch wurden die drei neuen Hausacher Stadtschreiber bekannt: Silke Scheuermann aus Offenbach, Thorsten Nesch aus Leverkusen und Marie T. Martin aus Köln werden für drei Monate zu »Wahl-Hausachern«.

»Für mich schließt sich ein Kreis«, strahlte Silke Scheuermann gestern förmlich durchs Telefon. Zum ersten Mal überhaupt hatte sie sich um ein Stipendium beworben und niemals damit gerechnet, das das gleich klappen würde. Warum gerade in Hausach? »Ich hatte genug von den Reisen und den vielen Städten, da habe ich mich erinnert, wie herrlich ruhig es in Hausach ist«, sagt sie – und ihren jungen Hund kann sich auch mitnehmen. Der Kreis schließt sich, weil sie vor zwölf Jahren als ganz junge Lyrikerin bei der Eröffnungsveranstaltung zum Hausacher LeseLenz mit Elisabeth Borchers lesen durfte. Sie erinnert sich an »unglaublich freundliche Leute und ein riesiges Interesse an der Literatur«.

»Wenn es eine zärtliche Wortgenauigkeit gibt, dann bei Silke Scheuermann. Sie schöpft dabei fantasievoll Bilder, die scheinbar flüchtig daherkommen und es doch verstehen, den Leser innehalten zu machen und gängige Alltagsklischees aus ihren Angeln heben«, heißt es in der Begründung der Jury. Die Autorin hat sowohl Lyrik als auch Prosa veröffentlicht, wurde vielfach ausgezeichnet und will im Sommer Schwarzwald an ihrem neuen Roman arbeiten.

Ebenso groß war die Freude gestern bei Thorsten Nesch: »Ich habe heute ein Dauerlächeln«, freut sich der Vater dreier Kinder auf die drei Monate, in der er die Ruhe und die finanzielle Sicherheit hat, um an seinem neuen Jugendbuch zu arbeiten. Die Idee, für die er gerade recherchiert, »verträgt sich nicht mit einem großstädtischen Umfeld«. Dass damit erstmals auch noch eine Poetik-Dozentur für Kinder- und Jugendliteratur an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe verbunden ist, sei für eine »tolle Sache«. (…)

Marie T. Martin (…) wird nach Odile Kennel und Thomas Rosenlöcher die dritte Gisela-Scherer-Stipendiatin. »Sie weiß um die Hilfs-Konstruktion Zeit, um deren vermeintliches Zeugnis und wundet Vers um Vers die Entblößungen ihres Uhr-Diktates aus«, schreibt José F. A. Oliver, der Lyrik-Experte in der Jury.

Sie schreibe »Gedichte, die nicht so tun als ob, sondern zeigen, was sie wissen: Dass der Kalender nur einen Tag kennt – das, was sich bündelt im Augenblick der Wahrnehmung«. Da Marie T. Martin aus Köln in Freiburg geboren ist, wird sie in etwa wissen, was sie im Schwarzwald erwartet. / Baden online

90. Wer überrascht, gewinnt

Beim Südtiroler Nachrichten- und Communityportal Salto ein ausführlicher jury- und preisträgerkritischer Kommentar von Karl Gudauner zum Lyrikpreis Meran. Ich zitiere einige kritische Passagen (nicht ohne abermals auf die „Politik der Lyrikzeitung“ hinzuweisen, daß das Zitieren einer Meinung nicht bedeutet, daß wir diese Meinung teilen oder fördern wollen. Zitieren einer Meinung bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dies: an dem und dem Platz gibt es die und die Meinung, die die geschätzten Leser bedenken mögen. Auch diskutieren, wenn sie mögen. bild dir deine Meinung mit kleinem b, s.v.p. Im übrigen, wer ist schon immer seiner Meinung?)

Über Thomas Kunst:

Willkürliche Zeilenumbrüche sollen die Prosa auflösen, vermögen es jedoch nicht, den Texten ein der Gedichtform entsprechendes Erscheinungsbild zu verleihen.

Die Jury hält es nicht für notwendig, dem formalen Gerüst der langen Texte auf die Spur zu kommen. Womöglich fehlt es einfach. Das kann als bewusste Loslösung von altüberlieferten Standards interpretiert werden. Es entspricht dem Individualismus der heutigen Zeit, das unverwechselbare Ego in den Mittelpunkt zu stellen, etwa durch Hineinweben biografischer Konnotationen im Stile von Facebook und die namentliche Nennung einer Muse*. Zugleich ist der Erzählfluss Ausdruck der Mitteilungsbedürftigkeit modernen Solipsismus inmitten unserer Kommunikationsgesellschaft.

Über Jan Volker Röhnert:

Weniger stimmig mutet dagegen das Auftauchen von Laurel und Hardy in solcher Landschaft auf, der Zeitenwechsel zwischen einzelnen Strophen oder die abenteuerliche Streckenführung, der Transkontinentalwaggons von München nach Mailand oder durch den Appenin nach Genua folgen. Einzelne Wortschöpfungen wie „Paradiesbahnhof“**, „Taubenprogramm“ oder „fahrradflitzt“ scheinen aus anderen Sprachkanons hineingerutscht zu sein. Mit der Leichtigkeit des savoir vivre geht schließlich auch ein geringerer Anspruch an Aussagekraft einher.

Über Tom Schulz:

Tom Schulz treibt es weit hinaus in seinen Phantasien, bis ins Uferlose. Kulturpessimismus, No-Future-Szenarien oder ein Weg der Daseinsbewältigung? Der Preis ist ein Ansporn, seinen Weg der Aufarbeitung existentieller Bedrängnis durch experimentelle Lyrik fortzusetzen. Vielleicht findet er formal und von den Sujets her wieder festen Boden.

Und über den „Vermittlungsauftrag“ der Jury:

Zahlreiche Oberschüler/innen haben den Pavillon des Fleurs als passives Publikum der Beratungen der Jury gefüllt. Ob mit Interaktionen oder der Bewusstmachung des Vermittlungsauftrags gegenüber der Jury: Dieser Event sollte genutzt werden, um eine Lernerfahrung zu ermöglichen, die über die Klassenräume hinausgeht. So oder so nehmen die jungen Leute eine Botschaft mit. Diesmal kommt sie ihnen gelegen: Wer überrascht, gewinnt. So stellen sie sich das Leben vor.

*) Aber nicht mit Goethe verwechseln.

**) Paradiesbahnhof gibts übrigens wirklich: in Jena.

89. Dauer des Lebens

Aus einem Übersetzungsspiel, das mit Hölderlin und Tobias Roth zu tun hat. Mehr bei Textkette Spielweise.

Toi aussi tu visais haut, mais l’amour nous courbe
Tous de force, nous plie tous la douleur plus forte,
Et pourtant notre arc ne revient pas
A son point de départ en vain.

Sie will hoch hinaus, aber wir lieben Kurve
Alle Kraft, gefaltet wir alle die stärkste Schmerzen,
Und doch unsere Bogen nicht zurück
An seinem Ausgangspunkt vergebens.

Sie hier, aber wir mögen Kurve
Alle Macht, gefaltet wir umso mehr starke Schmerzen.
Und doch unsere CRA wird nicht zurückkehren
Umsonst zu seinem Ausgangspunkt.

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
..All uns nieder, das Laid beuget gewaltiger,
….Und es kehret umsonst nicht
……Unser Bogen, woher er kommt.

Rosen pflegen im Park; nachgeben; dann um ein
Jota sterben.
……..
……..……..Der Rauchring hat sich aufgelöst.

88. Hassgesang gegen England

Das beliebteste Gedicht jener Zeit, an der Front und in der Etappe, stammte von einem heute völlig vergessenen Dichter. Es ist Ernst Lissauers „Hassgesang gegen England“. Im September 1914 wurde es veröffentlicht.

Über die Wirkung des „Hassgesangs“ schrieb Stefan Zweig ein Vierteljahrhundert später in seinen Memoiren: „Das Gedicht fiel wie eine Bombe in ein Munitionsdepot. Nie vielleicht hat ein Gedicht in Deutschland, selbst die ‚Wacht am Rhein‘ nicht, so rasch die Runde gemacht … Der Kaiser war begeistert und verlieh Lissauer den Roten Adlerorden, man druckte das Gedicht in allen Zeitungen nach, die Lehrer lasen es den Kindern vor, die Offiziere traten vor die Front und rezitierten es den Soldaten … Unter den siebzig Millionen Deutschen gab es bald keinen einzigen Menschen mehr, der den ‚Hassgesang gegen England‘ nicht von der ersten bis zur letzten Zeile kannte …“ Und doch sind Gedicht und Autor heute aus dem Bewusstsein der Deutschen ausgelöscht. / Alan Posener, Die Welt 25.5.