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317 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
„Nachwasser“ von Frieda Paris ist ein langes Gedicht. Das Buch hat 136 Seiten, es enthält ein einziges Gedicht aus 111 nummerierten Absätzen. Die Nummerierung erleichtert innertextliche Bezüge, so beginnt Abschnitt 28: „ich schrieb in 9“. Lesende können leicht hin- und hersuchen, den Bezügen folgen und eigene herstellen. Das Wort Nachwasser kommt häufig vor, irgendwann wird erklärt, dass es den Nachlass der Dichterin Friederike Mayröcker meint, den sie während der Arbeit am Langgedicht einsieht – oder ist das Hineinsehen in Nachlasspakete das Gedicht selbst? Ist das Gedicht das Entstehen des Gedichts? In 6 schreibt sie:
ein Ausrufezeichen an all jene, die mich gefragt haben, ob ich denn je etwas anderes schreiben würde, als über das Schreiben
nein! ich schließe das Schreiben nie aus, beziehe es ein, stehe in Beziehung zu meinem Schreiben, ihm gegenüber wie mich umgebenden Personen
diese Beziehungen bedeuten Hinwendung, Aufmerksamkeit
Als Gedicht des Tages heute zwei leicht zuordbare Abschnitte.
Frieda Paris
Aus: Nachwasser
60 ich liege in großen Fragen:
aber werde ich denn noch lieben? (Elke Erb)
werde ich heute schreiben können? (Friederike Mayröcker)
lege meine Frage dazu
was darf ein Gedicht?
84 Text mit Thesen, lege meine dazu (ist gleich
Thesenerweiterung zu Walter Höllerer)
das lange Gedicht ist begehbar, erlaubt Rast
und Aufbruch, dort wo das kurze schon vorbei ist
das lange Gedicht entzieht sich Linearitäten
zugunsten neuer Lektürebewegungen für seine Lesenden
das lange Gedicht versucht Abdrücke von Wirklichkeit
das lange Gedicht gibt ständig zu, ein langes Gedicht zu sein,
es macht auf sich aufmerksam (es winkt)
das lange Gedicht fragt nach dem Weg,
gleichzeitig möchte es Wegbeschreibung sein
das lange Gedicht ist Container für Material und
verwertet, was im kurzen keinen Platz findet
das lange Gedicht stellt sich und Gelingen aus
(putzt sich heraus, Gefieder)
das lange Gedicht macht Platz für Nachbarschaften
tbc.
Aus: Frieda Paris: Nachwasser. Berlin und Dresden: AZUR bei Voland & Quist, 2024, S. 8, 92, 120.
in der FAZ vom Wochenende, Bilder und Zeiten, ist eine grosse Seite mit Gedichten von Shen Haobo 沈浩波, zusammen ein grosses langes autobiographisches Gedicht.
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