Lesung mit Publikum und Spitzel

456 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Früher gab es Zeitungen, die schickten Leute auf Lesungen, damit sie für sie berichteten. Dann gab es den Staat DDR, der institutionalisierte das Verfahren. Spitzel gingen im Auftrag des Geheimdienstes zu Lesungen und lieferten Berichte ab, nicht für die Veröffentlichung, sondern zur Ablage und wie auch immer gearteten „operativen“ Auswertung. Hier ein Beispiel vom 22. November 1981. Im (privaten) Literarischen Salon von Ekkehard Maaß las der Dichter Wolfgang Hegewald, von Beruf Friedhofsgärtner. Hier ein Text von ihm.

NÄRRISCHE NACHRICHT

MEIN kleiner narr liebt außergewöhnliche wege.
Diesmal klimmt er das fallrohr empor, ich höre, wie
sich sein schnaufen nähert, schon erkenne ich seine
behende gestalt, die über die dachrinne turnt, ein
geborener narr wiegt so gut wie nichts.
Ich greife dem ritus nicht vor: dreimaliges klopfen
und das schwenken des grünen sozialversicherungsaus-
weises hinter der scheibe, dann öffne ich das fenster.
Mein kleiner narr zwängt den oberkörper
hinein, stemmt die ellbogen in den rahmen und
hält's flache gesicht grüßend schräg ins licht.
Nach sieben jahren, füstert mein kleiner
narr, indes sein körper im fenster zu zappeln anfängt,
kaum zu glauben, nach sieben Jahren hat mich der
könig, jawohl, seine exzellenz selbst, nach sieben
düsteren jahren also hat mich majestät zum lachen
gebracht, das flüstert er mir zu, mein kleiner, ein-
geklemmter narr, und er will sich neuerdings schier
ausschütten vor gelächter.
Ich sehe vom zimmer aus das konspirative zucken des
hintern meines kleinen narren in der zitronengelben
hose, ein schäbiger mond, der animierend über der
dunklen Straße tanzt.

Und hier der Bericht des „IM“ (Inoffiziellen Mitarbeiters) „David Menzer“ alias Sascha Anderson.

Information zur Lesung am 22.11.1981 bei Familie Maaß von Wolfgang Hegewald
Wolfgang Hegewald hat einen Ausschnitt aus einer Erzählung vorgelesen, an der er gerade schreibt. Sie soll ungefähr 150 Seiten umfassen. Er hat ungefähr 90 Seiten geschrieben.
Wolfgang Hegewald hat eine Gegenwartsgeschichte geschrieben, in der es darum geht, dass ein Ehepaar während eines Auslandsbesuches in Ungarn oder CSSR, das ist nicht ganz klar, ich glaube der CSSR, verhaftet wurden, weil sie Kontakt zu einem Österreicher hatten, und für einen Tag festgesetzt waren.
Zwei parallel laufende innere Monologe zur Situation.
Ich habe ein Band mit der Lesung übergeben, die Gäste bei der Lesung waren das übliche Publikum. Die Berliner jungen Schriftsteller Döring, Rosenthal, Hilbig, Kulikowski, Rathenow, Eue, Brasch, Katja Lange, der Dresdner Uwe Hübner und Anderson, die Eisenacher Lyrikerin Christa Moog, die Maler Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, [Name geschwärzt) und [Name geschwärzt) aus Meißen, die alle an der Dresdner Schule studiert haben. Roland Manzke, Leonard Lorek, Paul Gratzik und Elke Erb.

So wusste der Staat immer, was seine Dichter und ihre Zuhörer so machten.

Aus: sprachzeiten. Der Literarische Salon von Ekke Maaß. Eine Dokumentation von 1978 bis 2016. Herausgegeben von Peter Böthig. Berlin: Lukas Verlag, 2017, S. 87

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