Andere Zeit

Karl Krolow, geboren 1915, starb 1999 im Alter von 84 Jahren. Er schrieb bis zuletzt. Über 700 Gedichte entstanden in den letzten drei Jahren seines Lebens, alle datiert, manche dazu noch mit Altersangabe versehen, „84 Jahre, 2 Monate“, als ginge es um eine Wette gegen die Zeit. Es ist wie ein Endspurt – 400 Gedichte in den letzten 5 (!) Lebensmonaten, rund 150 in den letzten 2. In „Zwischen den Zeilen“, datiert auf den 16. August 1996, entwirft Krolow eine kleine Poetik des Spätwerks: zwischen Phantasie und Wahrheit, Wahrheit und Irrtum, in der „anderen Zeit“, wo es „nie zu spät“ ist für „kurze Ewigkeit“.

Auch das Inselbuch mit einer Auswahl aus diesem Nachlass lag obenauf auf dem Schreibtisch von Irmgard Senf, dieses Gedicht angestrichen.

Karl Krolow 

(* 11. März 1915 in Hannover; † 21. Juni 1999 in Darmstadt

Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen ist nichts.
Die Flucht aus der Phantasie,
verächtlichen Gesichts,
weiss es und anders war's nie.

Aber in Wahrheit trumpft
eine andere Wahrheit auf
gegen alle Vernunft,
nimmt den Irrtum in Kauf.

Wer zwischen Zeilen gerät
lebt in der anderen Zeit.
In ihr ists nie zu spät
für kurze Ewigkeit.

16. VIII. 96

Aus: Karl Krolow: Die Handvoll Sand. Gedichte aus dem Nachlaß. Auswahl und Nachwort von Charitas Jenny-Ebeling. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2001 (Insel-Bücherei 1223), S. 9

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