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Zum Pfingsfest mal etwas Klassisches, Allbekanntes. Der berühmte Anfang des Goetheschen Reineke Fuchs.
Erster Gesang
Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen
Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.
Hier die Parallelstelle aus dem originalen niederdeutschen Reynke de Vos von 1498. Vielleicht eine kleine Übung im Niederdeutschen zum Festtag.
1 ID gheschach vp eynen pynxstedach,
2 Datmen de wolde vnde velde sach
3 Grone staen myt loff vnde gras,
4 Vnde mannich fogel vrolich was
5 Myt sange in haghen vnde vp bomen;
6 De krüde sproten vnde de blomen,
7 De wol röken hir vnde dar;
8 De dach was schone, dat weder klar.
9 Nobel, de konnynck van allen deren,
10 Held hoff vnde leet den vthkreyeren
11 Syn lant dorch ouer al.
12 Dar quemen vele heren myt grotem schal,
13 Ok quemen to houe vele stolter ghesellen,
14 De men nicht alle konde tellen:
15 Lütke de kron vnde Marquart de hegger;
16 Ja, desse weren dar alder degger
17 (Wente de konnynck myt synen heren
18 Mende to holden hoff myt eren,
19 Myt vrouden vnde myt grotem loue
20 Vnde hadde vorbodet dar to houe
21 Alle de dere groet vnde kleyne)
22 Sunder Reynken den vos alleyne;
23 He hadde in den hoff so vele myßdan,
24 Dat he dar nicht endorste komen noch gan.
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1 pynxstedach – ist natürlich Pfingsttag. Ich wiederhole es nur, weil ich das Wort in dieser Schreibung schön finde. Es gibt bis heute keine verbindliche Schreibweise des Niederdeutschen. Wer schreibt, musste sich etwas ausdenken. Es war an einem Pfingsttag.
2 Datmen – dass man (die Wälder und Felder sah)
3 grone – grün (stehen mit Laub und Gras)
4 und mancher Vogel war fröhlich
5 haghen – Hecken. Mit Gesang in den Hecken und auf Bäumen.
6 krüde – Kräuter. Die Kräuter und die Blumen sprossen.
7 röken – rochen. Die wohl (gut) dufteten hier und da.
8 weder – Wetter. Der tag war schön, das Wetter klar.
9 deren – Tieren. Nobel, der König aller Tiere.
10 vthkreyeren – aúsrufen. Er hielt Hof und ließ den Ausrufer ausrufen. Beachte den Reim.
11 durch sein Land überall.
12 schal – Schall (im Sinne: mit großem Gepränge, Pracht). Da kamen viele Herren mit großem Getös.
13 Ok – auch. Auch kamen zum Hof viele stolze Gesellen.
14 tellen – zählen. Die man nicht alle zählen konnte.
15 kron – Kranich, hegger – Häher. Lütke der Kranich und Markart der Häher.
16 degger – tapfer, von deger – tüchtig, stark, tapfer. Diese waren dort von allen die Tapfersten.
17 Wennte – denn, weil. Denn der König mit seinen Herren.
18 Mende – meinte, beabsichtigte (Hof zu halten in Ehren)
19 Mit Freuden und mit großem Lobe.
20 vorbodet – verboten, aber auch, hier: geboten. Und hatte eingeladen zu Hofe.
21 Alle die Tiere groß und klein.
22 Sunder – außer. Außer Reinke, den Fuchs alleine.
23 myßdan – Substantiv Misstaten, oder Verb: missgetan. Der hatte am Hof soviel missgetan.
24 endorste – getraute (erdreistete). Dass er sich nicht traute hinzukommen oder gehen.
Eine Übertragung in heutiges Deutsch:
Es geschah an einem Pfingsttag,
dass man die Wälder und Felder sah
grün stehen, mit Laub und Gras,
und mancher Vogel war fröhlich
und sang in den Hecken und auf den Bäumen.
Die Kräuter sprossen, und die Blumen
verströmten ihren Duft hier und da.
Der Tag war schön, das Wetter klar.
Nobel, der König aller Tiere,
hielt Hof und ließ im ganzen Land
seinen Ausrufer aussenden.
Da kamen viele Herren mit großem Gefolge;
auch kamen zum Hof viele stattliche Gesellen,
die man gar nicht alle zählen konnte:
Lütke der Kranich und Marquart der Häher —
ja, diese waren die tapfersten unter ihnen.
(Denn der König wollte mit seinen Herren
einen Hof in Ehren halten,
mit Freude und großem Lob,
und hatte alle Tiere, große und kleine,
zum Hof eingeladen) —
nur Reineke, den Fuchs, nicht.
Er hatte am Hof so viele Vergehen begangen,
dass er es nicht wagte, dorthin zu kommen oder zu gehen.
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