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Heute vor 300 Jahren wurde Karl Wilhelm Ramler im pommerschen Kolberg geboren. In Berlin wurde er zu einem führenden Dichter der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, den deutschen Horaz nannte man ihn. Überschwänglich schreibt der Brockhaus 1909:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 4. Amsterdam 1809Kraft und Kürze des Ausdrucks, hohe Begeisterung und lyrischer Schwung sind ihm in einem sehr hohen Grade eigen; und wenn er in seinem Fluge nicht ganz den Sänger des Messias erreicht, so besitzt er dafür das Verdienst, faßlicher und weniger abstract in seinen Darstellungen zu sein. Seine Gesänge zum Lobe Friedrichs des Einzigen, dessen Größe ihn zum feurigsten Enthusiasmus entflammte, sind wirklich Muster der höhern Poesie. Durch seine Umänderungen und Verbesserungen älterer und neuerer Deutscher Gedichte machte er sich theils um die Literatur, theils um den guten Geschmack sehr verdient.
Doch wie es so geht, die jüngeren Zeitgenossen verdrängten seinen Ruhm mit der Zeit. Enthusiastisch feierte er den Kriegshelden Friedrich, er besang die Belagerung Kolbergs durch die Russen und Schweden und wie „von der Russischen Artillerie eine Kugel aus einer ungewöhnlichen Ferne bis mitten in die Stadt getrieben wurde“, aber es gibt auch ein paar Gedichte, die den Helden fluchen und nach Frieden flehen.
An den Frieden
(1760)
Wo bist du hingeflohn , geliebter Friede ?
Gen Himmel , in dein mütterliches Land ?
Hast du dich , ihrer Ungerechtigkeiten müde ,
Ganz von der Erde weggewandt ?
Wohnst du nicht noch auf einer von den Fluren
Des Oceans , in Klippen tief versteckt ,
Wohin kein Wuchrer , keine Missethäter fuhren ,
Die kein Eroberer entdeckt ?
Nicht , wo , mit Wüsten rings umher bewehret ,
Der Wilde sich in deinem Himmel dünkt ?
Sich ruhig von den Früchten seines Palmbaums nähret ?
Vom Safte seines Palmbaums trinkt ?
O ! wo du wohnst , laß endlich dich erbitten :
Komm wieder , wo dein süßer Feldgesang ,
Auf heerdevollen Hügeln und aus Weinbeerhütten ,
Und unter Kornaltären klang.
Sieh diese Schäfersitze , deine Freude ,
Wie Städte lang , wie Rosengärten schön ,
Nun sparsam , nun wie Bäumchen auf verbrannter Heide ,
Wie Gras auf öden Mauern stehn.
Die Winzerinnen halten nicht mehr Tänze ;
Die jüngst verlobte Garbenbinderin
Trägt , ohne Saitenspiel und Lieder , ihre Kränze
Zum Dankaltare weinend hin.
Denn ach ! der Krieg verwüstet Saat und Reben
Und Korn und Most ; vertilget Frucht und Stamm ;
Erwürgt die frommen Mütter , die die Milch uns geben ,
Erwürgt das kleine fromme Lamm,
Mit unsern Rossen fährt er Donnerwagen ,
Mit unsern Sicheln mäht er Menschen ab ;
Den Vater hat er jüngst , er hat den Mann erschlagen ,
Nun fodert er den Knaben ab.
Erbarme dich des langen Jammers ! rette
Von deinem Volk den armen Überrest !
Bind' an der Hölle Thor mit siebenfacher Kette
Auf ewig den Verderber fest.
Aus: Karl Wilhelm Ramlers poetische Werke. Erster Theil: Lyrische Gedichte. Berlin: Sandersche Buchhandlung 1825, S. 44-46. (Reprints seiner Werkausgabe erschienen bei de Gruyter).
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