Ja, wie sind sie denn?

Galsan Tschinag (mongolisch Чинагийн Галсан, Tschinagijn Galßan, eigentlich Irgit Schynykbai-oglu Dshurukuwaa, tuwinisch Иргит Шыныкай оглу Чурук-Уваа; * 26. Dezember 1943 im Bajan-Ölgii-Aimag, Mongolei) ist ein aus der Mongolei stammender deutschsprachiger Schriftsteller. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Er ist Angehöriger einer ethnischen Gruppe der turksprachigen Tuwiner bzw. der Cengel-Tuwiner im mongolischen Altai. Tschinag sieht sich selbst als Stammesoberhaupt, Schamane, religiöser Lehrer, Schauspieler und Ernährer der Altai-Tuwiner. Einige der in der Mongolei verstreut lebenden Mitglieder dieser Ethnie hatte er 1995 zu einer Karawane zusammen- und in seine Heimat, den mongolischen Altai, zurückgeführt. Bekannt wurde Tschinag in Deutschland als Schriftsteller und Autor zahlreicher belletristischer Texte über seine Herkunftsethnie.

https://de.wikipedia.org/wiki/Galsan_Tschinag

Also ein deutschsprachiger Schriftsteller – aber ganz so einfach ist es nicht.

Doch ist mir mittlerweile etwas Merkwürdiges an meiner eigenen Poesie aufgefallen – zwar verrät alles, von mir an poetischen Gedanken in unterschiedlichen Sprachen zum Ausdruck gebracht, unverkennbar meine besondere Sicht- und Schreibweise, aber jede Sprache hat dabei auch ihr besonderes Gepräge hinterlassen: Die Gesänge in meiner Muttersprache, in Tuwinisch, sind allem voran Gebete; die poetischen Versuche in meiner ersten Fremdsprache, in Kasachisch, klingen nach Scherz- und Festliedern; die Gedichte in Mongolisch, meiner zweiten Fremd- und meiner Schulsprache, sind in ihrem Gesamtkörper Hymnen; die weiteren poetischen Versuche in Russisch, meiner dritten Fremdsprache, muten, unverkennbar die russischen Klassiker nachahmend, recht lyrisch an; und schließlich die Gedichte in Deutsch, meiner vierten Fremd- und meiner universitären und Hauptschreibsprache, ja, wie sind sie denn?

Aus: Galsan Tschinag: Liebesgedichte. Mit einem Nachwort des Autors. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2007, S. 110f.
Du hast mir sehr gefehlt

Morgens hast du mir samt der Tür gefehlt
In der du stehst und mit der Sonne zusammen
Die Jurte bestrahlest und beleuchtest
Tags hast du mir gefehlt samt der Herdwärme
Dem Rauchgeruch und duftenden Teedampf
Abends hast du mir mit den lärmenden Tieren
Unter Hundegebell und flackerndem Kerzenlicht gefehlt
Nachts hast du mir gefehlt mit der Wolke Milchsäure
Schwelendem Wacholder und der Hitze deines Schoßes
Die Stimme, der Duft, das lebende Bild –
Alles von dir hat mir gefehlt
Am meisten aber die Nähe mit deiner quellenden Seele
Deren klarer Spiegel und samtene Grannen
Ich mit der meinigen fühlte
Wie sanften Hauch zarten Lebens
Aus der Sternstunde, in der du und ich einander
Zum Manne, zur Frau machten

Aus: Ebd. S. 37

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..