Frommer Sünder

Heute vor 250 Jahren wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Der berühmte Künstler hat auch geschrieben, Briefe, Aufsätze, ein paar Gedichte und Gebete, ohne Kunstanspruch. Eine kritische Ausgabe sämtlicher Texte ist gerade einmal angekündigt. Bezeichnend finde ich auch, dass die vielleicht noch lieferbare kommentierte Ausgabe der Briefe (sie erschien 2005) nicht von einem Kunst- oder Literaturwissenschaftler gemacht wurde, sondern von dem bekannten DEFA-Filmregisseur Hermann Zschoche (Sieben Sommersprossen, Und nächstes Jahr am Balaton, Insel der Schwäne, Glück im Hinterhaus etc.).

Aus dieser Briefausgabe ist folgendes Gedicht, das er offenbar im Auftrag einer Briefpartnerin schrieb.

An / die Frau Gehei[m]-Rath [Amalie von] Beulwitz / hoch wohlgebohren / in / Rudolstadt / durch Güte

Ein Wesen wohnt in meinem Innern 
Was immer himmel an mich hebt
Hoch über Erd und Weltgetümmel
Nur immer nach dem Lichte strebt.
Mit ganzem Herzen, Seele, Sinn und Leben
Jesum Christum ist ergeben.

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Ein Wollen wohnt in meinem Busen
Was fest mich an der Erde bannt,
Mich fest in Sünden hält gefangen
Nur immer an den Irdschen hangt.
Dann ist mein Thun mein ganzes Leben
Eitel Thorheit eitles Streben.

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So schwank ich zwischen Gut und Bösen
Gleich einem Rohr vom Wind bewegt.
Bald heb ich mich zum Licht empor,
Bald sink ich in des Abgrunds Tiefen;
So wies im Herzen from sich regt
Wie sichs im Busen wild bewegt.
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u s w.
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Sie haben gütige Frau Geheim-Räthin diese Reimerei von mir verlangt. Den drei virtelsten Theil Ihres Wunsches erhalten Sie, das vierte Virtel als das Schlegste vom Schlegsten behalte ich zu rück. Sie werden sich gefälligst mit dem u s w begnügen.
Empfehlen Sie mich dem Herrn Geheim Rath und Ihren Kindern.
Friderich

(1810/11)

Aus: CASPAR DAVID FRIEDRICH. Die Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Herrmann Zschoche. Hamburg: Conference Point, 2005, S. 74.

Männlicher Rückenakt (Kreide), aus der Sammlung des Pommerschen Landesmuseums Greifswald.

Immerhin gibt es schon eine Auswahl:

Johannes Grave, Petra Kuhlmann-Hodick und Johannes Rößler (Hrsg.): „Caspar David Friedrich – Die Kunst als Mittelpunkt der Welt – Ausgewählte Schriften und Briefe“, C. H. Beck, 192 Seiten, 20 Euro. E-Book: 9,99 Euro. 

Nachtrag

In der genannten Auswahlausgabe von C.H. Beck findet sich eine geringfügig bearbeitete Fassung dieses Briefgedichts – mit der vierten Strophe, die er im Brief ausgespart, aber doch aufgehoben hat. Hier ist sie.

Wo ist die Wahl, wo der Wille,
Was Menschen überm Tier erhebt?
Such nicht: Dir sei nicht Kraft geworden.
Vergrab nur nicht das dir vertraute Pfund!
Der führt gewiss ein gottgefällig Leben,
Wer da gebraucht, was ihm gegeben.

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