Joseph Conrad

Zum 100. Todestag des polnisch-ukrainisch-englischen Schriftstellers Joseph Conrad (eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski, * 3. Dezember 1857 in Berdytschiw, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine; † 3. August 1924 in Bishopsbourne, Großbritannien) ein Gedicht des deutsch-polnisch-litauischen Schriftstellers Johannes Bobrowski.

Joseph Conrad

Linien,
über der Kimmung,
leicht, falbes Gebirg. Der Streifen
Weiß. Dort geht
zu Ende die Flut. Der Küste
Fiebergrün scheint herauf.

Und der Wind
fährt, ein Sprung in der Wölbung
aus Licht, bleiernem Licht. Das Schiff
aber ist da. Hier steh ich. Ich hab in den Lungen
die unaufhörliche Ferne.
Und sag deinen Namen,
mein Schiff.

Einmal, im hellen Abend,
wie der Habicht der Berge um Tschernigow,
blick ich hinaus, weißblühende
Städtchen, am Dnjestr gesungen,
hör ich, ich rufe den polnischen
Zimmermann. Dort,
sag ich, die Boote sind schwarz.
Das hab ich vergessen.

Himmel über uns, Ferne
bis unter die Segel, dunkelnd.
Und, inmitten, die brennende
Treue der Männer, gekommen
über die Meerflut.

Aus: Johannes Bobrowski, Die Gedichte (Gesammelte Werke Bd. 1). Berlin: Union, 1987, S. 42

Die erste Fassung dieses Gedichts ist vom 3.7.1956. Aus den Anmerkungen der Werkausgabe:

Joseph Conrad – Eigentlich Teodor Józef Konrad Korzeniowski (1857-1924), englischer Schriftsteller, der aus dem polnisch-ukrainischen Landadel stammte, geboren in Berditschew, Sohn eines Schriftstellers, der 1861 in Vorbereitung des polnischen Aufstandes von 1863 verhaftet und in das nordrussische Wologda verbannt wurde, wohin Frau und Kind ihm folgten. 1863 durfte die Familie nach Tschernigow übersiedeln. 1868 wurde die Verbannung aufgehoben. Nach dem frühen Tod der Eltern sorgte der Onkel Tadeusz Bobrowski, der Bruder der Mutter, für den Verwaisten. 1874 trat er in Marseille in die französische Marine ein. Ab 1878 im Dienst der englischen Marine, wurde er 1886 britischer Staatsangehöriger und Kapitän. 1894 schied er aus dem Seemannsdienst aus und lebte seitdem als Schriftsteller in der Nähe von London. Auf Conrads Onkel Tadeusz Bobrowski machte Ina Seidel in einem nicht erhaltenen Brief Johannes Bobrowski aufmerksam, der in der Antwort vom 15. August 1944 Conrad den Verfasser der geliebten Shadow-line nannte. Vgl. Bobrowskis frühe Bemerkung zu Conrad und die Interviewbemerkung von 1965 (IV 207 und 488). »Die Schattenlinie« (1916) erzählt in Ichform von Conrads erstem Schiffskommando, als er 1888 das englische Segelschiff »Otago«, dessen voriger Kapitän geisteskrank geworden und gestorben war, in Bangkok übernahm. Eine Flaute hielt das Schiff im Golf von Siam fest und brachte die Mannschaft an den Rand des Todes. Mit letzter Kraft wurde Singapore erreicht. Die Erzählung zeigt neben dem Glück und Stolz des Kapitäns die Tücke und Grausamkeit des Meeres, zum Ende immer mehr die Solidarität und den Heldenmut der todkranken Mannschaft. Von dieser Erzählung, die Bobrowski in einer deutschen Ausgabe von 1930 besaß, geht das Gedicht aus.

Der Küste / Fiebergrün – Die Ostküste des Golfs von Siam mit ihren Inseln, aus deren Nähe und fieberbegünstigender heißer Luft das Segelschiff infolge der Flaute wochenlang nicht wegkommt (»Die Schattenlinie«, Kapitel IV).

Einmal – Gemeint ist die Zukunft, erste Fassung: Einmal, im Alter.

Berge um Tschernigow – Erinnerung an Conrads fünf Kindheitsjahre in Tschernigow, das aber im Flachland liegt.

weißblühende / Städtchen, am Dnjestr gesungen – Nach der Aufhebung der Verbannung lebten Vater und Sohn Korzeniowski einige Zeit in Przemyšl und Topolnica. Der Dnjestr ist der Hauptstrom des östlichen Galizien. Die ukrainisch-ostgalizischen Landstädtchen bestanden aus kleinen weißgestrichenen Lehmhäusern, die besonders häufig von Kirschbäumen umgeben waren. Während Hitlers Polenfeldzug war Bobrowski im September 1939 vielleicht bis Przemyšl gekommen (Chronik 17).

ich rufe den polnischen / Zimmermann – In Conrads Leben und Werk kommt er nirgendwo vor. Vielleicht ist, in Anlehnung an Mickiewicz, an messianische Hoffnungen des polnischen Volkes zu denken (Jesus nach Mk 6, 3 »der Zimmermann«).

Aus: Johannes Bobrowski. Erläuterungen der Gedichte und Gedichte aus dem Nachlaß, von Eberhard Haufe. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1998 (Gesammelte Werke Bd. 5), S. 52f

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