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Dass er, August Stramm, das deutsche Gedicht sehr verkürzt hat, wissen wir von Ernst Jandl. Aber diese Kürze will erarbeitet sein. Das kurze Gedicht „Untreu“ hat viele meist längere Vorstufen. Hier einige davon.
August Stramm
(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Belarus)
[1. Skizze]
Untreu
Dein Lachen weint in meiner Brust
Dein silberhelles Lachen goldet
kalt ist dein heißer Mund
Mich zerreißt Verlangen
zerrt Entsetzen
[2. Skizze]
Untreu
Dein (silbern) Lachen (goldet)
goldnes. silbert
Dein heißer Mund (zerfriert)
erfriert
Dein Auge (trüget)
(glühet)
(glänzet)
(fiebert)
schielet Lüge
stiehlt die Blicke aus alter toter Zeit und lügt
sie neu
Deine Hände (feuchten)
tropfen
schweigen (Trug)
(Lug)
Trug
Und aus dem Munde (quellen) Dein Herz versteckt sich
zittern
Der Haß und Angst und Scheu.
Die Atemdüfte fiebern Leichenduft
Und winden scheu vorbei.
Und mit den Worten spielet
Dein Herz scheu Versteck
*Und kosen mich die Worte vorbei
Und was du mir auch sagest
ich fühl
vorbei vorbei
[3. Skizze]
Untreu
Dein goldnes Lachen silbert
Die heiße Lippe friert
(Dein)
Das Auge stiehlt die Blicke herauf
aus (toter toter Zeit)
meinem Grab.
Und (Leichenduft der Atem)
meine Leiche wittert in deinem Atem um
In deinem Atem duftet meine Leiche
* Dein Wort erstickt *das Herz
* Und Wort auf Wort erschüttert.
(Ich leb und bin ein Toter)
ein Toter lebe ich
Ich war!
und jeder Blick stiehlt mir etwas
Und jedes Wort schüttelt eine neue Schaufel auf mein Grab
Das Herz wandert *verstellt *in *den
[22. Vorfassung)
UNTREU von AUGUST STRAMM
Dein Lächeln weint in meiner Brust
Die (feuerbrandgen) Im Kuß (friert)
(glutzerrissnen) klirrt Glatteis
glutverrissnen
gerissen
gebissen
glutverbissnen Lippen eisen
Im Atem wittert (Sterben!)
(Unrast!)
Todluft
Grüfte
Gruft auf!
Grufthauch
Frosthauch
Gleichmut
Brodem
(Truggift)
Trugtod
Streitgift
Härte
Mitleid
schwelt Verrat
Lughast
Leidhauch
Streithauch
Streitsucht
Gallhauch!
Galle!
wittert Wandel!
schwelet. Asche!
sticket. Falschheit!
Vergessen!
Verlangen
Verlachen
Verachtung!
Dein Blick (begräbt)
(begräbt mich)
versargt
(Und) Und
(Poltert hastig)
hastet (trügebröcklig)
lügebröcklig Worte (nach)
drauf
(Dein) (Leis)
Der Kleidsaum weiß
Buhlet keck
Schlenkrig frech
(Rüber drüber!) buhlt der Kleidsaum
Drüber rüber! schlenkrig
Die Hände Lügenweich Lügenweich
glätten die Hände die Hände
lügenweich glätten glätten mich
Vergessen mich Vergessen
Druckfassung
UNTREU
Dein Lächeln weint in meiner Brust
Die glutverbissnen Lippen eisen
Im Atem wittert Laubwelk!
Dein Blick versargt
Und
Hastet polternd Worte drauf.
Vergessen
Bröckeln nach die Hände!
Frei
Buhlt dein Kleidsaum
Schlenkrig
Drüber rüber!
Aus: August Stramm, Die Dichtungen. Sämtliche Gedichte, Dramen, Prosa. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jeremy Adler. München Zürich: Piper, 1990, S. 35 und 315-319
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