Bäume lernen

Die ungarische Lyrikerin Ágnes Nemes Nagy las ich, mit angehaltenem Atem, in den 80er Jahren in der Nachdichtung Franz Fühmanns. Vor zwei Jahren frischte eins der roughbooks Urs Engelers die Lektüre auf, es gab Wiedererkennbares, vor allem aber Neues. Ich hatte für heute eins der Gedichte aus dem neueren Band in der Übersetzung und Nachdichtung von Christian Filips und Orsolya Kalász ausgesucht, aber dann erinnerte es mich an etwas, was ich aus Fühmanns Band zu kennen glaubte. Das erste Gedicht des DDR-Inselbändchens von 1986, damals wieder und wieder gelesen, war auf einmal so ähnlich, dass ich für möglich hielt, es könnte eine stark abweichende Fassung desselben Gedichts sein. Von der Dichterin aufgegriffen und verändert? Vom Nachdichter so anders aufgefasst? Man vergleiche die Anfänge:

Bäume im Frost. Ihr Schüler sein.
Rauhreif hüllt bis zum Fuß sie ein.

(Fühmann 1986)

Man lerne. Winterbäume.
Wie sie im Raureif stehen.

(Filips / Kalász 2022)

Tatsächlich erlaubt (und erfordert) der andersartige, agglutinierende Sprachbau des Ungarischen unterschiedliche Ansätze. Es sind tatsächlich zwei Gedichte, aber die ersten Zeilen sind identisch. Die neue Ausgabe übersetzt beide Gedichte, sie stehen sogar direkt nacheinander, und weil das roughbook dankenswerterweise alle Gedichte zweisprachig abdruckt (in dem Inselband gab es nur wenige Proben des Originals), konnte ich das Mysterium teilweise durchdringen. Ich habe mich nun entschieden, beide Gedichte zu bringen und beginne mit dem einen Gedicht, das beide übersetzt haben.

Die Bäume

Bäume im Frost. Ihr Schüler sein.
Rauhreif hüllt bis zum Fuß sie ein.
Ein Vorhang, der sich nicht bewegt.

Erlernen muß man jene Säume,
wo der Kristallglanz sich beschlägt
und der Baum in den Nebel schwimmt
wie ein Leib in Erinnerungen.

Unten der Fluß, der sich nicht regt,
der Ente stummer Flügelschlag
und die blindweiße, blaue Nacht,
drin Dinge mit Kapuzen stehen.
Erlernen muß man, was die Bäume
schweigend vollbringen Tag um Tag.

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. Leipzig: Insel, 1986, S. 7

Bäume

Man lerne. Winterbäume.
Raureif, von Wurzel bis Krone.
Vorhänge, unbeweglich.

Man lerne auch die Zone,
in der Kristall verdampft,
dass Bäume Nebel werden
wie im Gedächtnis die Körper.

Die Flüsse hinter Bäumen,
Wildenten still im Flug,
in blauer Nacht, schneeblind,
Vermummtes, das sich zeigt,
man lerne auch die Taten
der Bäume, ungesagt.

Deutsch von Christian Filips und Orszolya Kalász, aus: Ágnes Nemes Nagy, Mein Hirn: ein See. roughbook 056. Berlin, Budapest und Schupfart 2022, S. 39.

Ich hänge noch eine automatische Übersetzung von Google dran.

Fák

Tanulni kell. A téli fákat.
Ahogyan talpig zúzmarásak.
Mozdíthatatlan függönyök.

Meg kell tanulni azt a sávot,
hol a kristály már füstölög,
és ködbe úszik át a fa,
akár a test emlékezetbe.

És a folyót a fák mögött,
vadkacsa néma szárnyait,
s a vakfehér, kék éjszakát,
amelyben csuklyás tárgyak állnak,
meg kell tanulni itt a fák
kimondhatatlan tetteit.

Ebd. S. 38

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