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Veröffentlicht am 23. Oktober 2023 von lyrikzeitung
Joseph E. Drexel
(* 6. Juni 1896 in München; † 13. April 1976 in Nürnberg)
IM KERKER Ich lebe nicht. Ich esse, schlafe, trinke. Ich blättre blind in einem Buch. Ich schreibe sinnlose Worte in die Luft. Ich treibe Dahin, gewärtig, daß ich ganz versinke. Ich bin von allen Ufern losgerissen. Gleich einem Baum, gleich einem toten Tiere Trägt mich der Tage trübe Flut. Ich spüre Nicht Lust, noch Leid, noch fühle ich Gewissen. Ich starre lang in meine leeren Hände. Ich denke nichts, ich höre nichts, ich schaue Leblosen Auges nur die kahle, graue, Dumpfe Verzweiflung der verhaßten Wände. Und ab und auf die ruhelosen, matten, Und auf und ab die Schritte, ungemessen. Ich weiß nicht wer ich war, ich bin vergessen. Ich lebe nicht. Ich bin nur noch ein Schatten.
1939 in Untersuchungshaft im Gefängnis Berlin-Moabit geschrieben. Aus: Michael Moll/Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern. Marburg: Schüren, 1991, S. 28.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Joseph E. Drexel
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