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Tobias Haberl sprach mit Friederike Mayröcker, Süddeutsche Zeitung Magazin:
Sie werden im Dezember 88 Jahre alt. Fällt Ihnen das Leben schwerer als noch vor zehn Jahren?
Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment habe ich eine Arthrose an den Füßen. Ich kann nicht mehr rasch gehen. Dicke Bücher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor. So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?
(…)
Aber Sie zählen zu den ganz großen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004 wurden Sie als Favoritin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt.
Aber meine Bücher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Die großen Herren bei Suhrkamp nehmen mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht. Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele Preise bekommen.
Ist es nicht kränkend, wenn man als hochgelobte Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten kann?
Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren können vom Schreiben leben, auch mittelmäßige. Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.
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