Stress mit Brecht

Das Gedicht „Die Lösung“ galt als unpublizierbar. Brecht verspottete darin die Worte seines Kollegen KUBA zum 17. Juni, das Volk habe das Vertrauen der Regierung verscherzt und müsse sich darob schämen. „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Brecht hatte die Rechte an den Suhrkamp-Verlag vergeben, und der Aufbau-Verlag musste sich seine Brecht-Ausgabe im Westen lizenzieren lassen. Laut vertraglicher Regelung sollten die „Gesammelten Werke“ (von einer „Gesamtausgabe“ hatte man auf Grund der komplizierter Manuskriptlage abgesehen) identisch sein. Diese Auflage erfüllte für den Zensor den Tatbestand der Nötigung: Konnte der Leser doch Zeile für Zeile und Wort für Wort die ost- und westdeutsche Ausgabe miteinander vergleichen. Daher hat in der Geschichte der DDR-Zensur kein anderes einzelnes Problem den SED-Kulturpolitikern auch nur annähernd so viel Kopfzerbrechen bereitet wie die Zwickmühle der deutsch-deutschen Brecht-Edition. / Simone Barck, BZ 21.1.03

[Das Gedicht erschien bei Suhrkamp 1964, bei Aufbau 1969. Fünf Jahre gewonnen, mehr war nicht drin.]

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