24. Gegendarstellung

Die Serviceleistung des luxbooks Verlags besteht nicht aus einer Vokabelstütze für die Leserschaft von „Ein weltgewandtes Land“. Sondern vielmehr aus einer Gegen- und Nebeneinanderstellung von Optionen, die diskutabel sind, von poetologischen Ansätzen der Übersetzung, die in einer verwertbaren Form geliefert werden. Wer also aus der Vielzahl an Übertragungen oder besser aus ihrer Schnittmenge die Essenz von Ashberys Gedichten destilliert haben möchte kann nur enttäuscht werden. Letztlich bricht sich in den Spannungsfeldern der deutschen Interpretationen – denn von solchen darf man hier getrost sprechen – die sowieso schon farbenfrohe Welt des US-Amerikaners noch weiter auf. Eine quasi-Anthologie, die als Prisma nicht nur neue Lesarten eines großartigen Gedichtbands ermöglicht, sondern ohne in verstockte Reflexivität zu verfallen viel zum Thema Übersetzung sagt. / Kristoffer Cornils, fixpoetry

Ein weltgewandtes Land. John Ashbery. 340 Seiten. 24,00 Euro. Luxbooks, Wiesbaden 2010

Für die Übersetzung wurden viele der wichtigsten deutschen Lyriker und Übersetzer gewonnen. Dichter wie Gerhard Falkner, Matthias Göritz, Alexander Gumz, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Léonce W. Lupette, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Andre Rudolph, Daniela Seel, Ron Winkler, Jan Wagner, Uljana Wolf, die renommierten Ashbery-Übersetzer Erwin Einziger und Joachim Sartorius wie auch weitere angesehene Übersetzer anglo-amerikanischer Lyrik wie Iain Galbraith, Margitt Lehbert und Lars Vollert haben jeder für sich Gedichte ausgewählt und übersetzt.

23. Hochprozentiges

Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.

Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50’er / 60’er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. Dem amerikanisch bürgerlichen Familienbild mit seinen starren Regeln und Beschränkungen, vermochte Sexton nie zu entsprechen. / Kerstin Becker, fixpoetry

Anne Sexton. Verwandlungen. Hrsg. u. Vorw. v. Elisabeth Bronfen. Aus d. Amerikan. v. Silvia Morawetz. S.Fischer, Frankfurt am Main 1995

22. Keine Weihnachtsgedichte

»ich schreibe keine weihnachtsgedichte, keine liebesgedichte // und ich halte menschen keine vorträge, wie sehr ich sie // mag oder verabscheue // (…) mir hängt das innerste nicht termingetreu aus dem hals heraus. generell nicht und nicht jetzt.«

Simone Kornappel verbietet nicht nur Cocooning oder emotionale Vereinnahmung durch andere. Sie fragt danach, inwieweit ein Weihnachtsgedicht inhaltlich auf die allgemein bekannten Requisiten des Festes rekurrieren muss, eben, indem sie selbst diese Requisiten ausspart. Dass sich dieser Ansatz nicht nur auf Weihnachtsgedichte, sondern auf das Mobiliar von Gedichten generell bezieht, ist klar. Auch der Titel ceci n’est pas un poème verweist darauf.

Eine weitere Ebene bei Kornappel, aber auch bei Daniela Seel, ist die interessante Frage, was »das Innerste« überhaupt sei, wann und ob dieser Begriff zur Floskel wird, längst geworden ist: Menschen sitzen um »die alte funzel hier. abflusslicht, dritter aufguss. kaum, dass // sich noch einer dran stieße. kaum, dass noch einer.« Und überall nur »so ein sitzen«, immer alles »bitteschön unverbindlich.« / Peggy Neidel, titel

Tom Bresemann (Hg.): Im Heiligkeitsgedränge – Neue Weihnachtsgedichte
Berlin: Lettrétage 2011. 32 Seiten. 8,00 Euro

21. Hamburg

Herausgeberin ist die Historikerin Martina Moede, die den Leser auf einen langen, interessanten Spaziergang durch die literarische Geschichte der Hansestadt mitnimmt, die ihre Künstler nicht unbedingt liebte, ebensowenig die Juden, weshalb Heinrich Heine dichtete: „Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder.“ / Welt am Sonntag

Martina Moede (Hg.): „Hamburg Gedichte“
446 Seiten
Wachholtz; Auflage: 1., Aufl. (10. Oktober 2011)
ISBN-10: 3529023728
EUR 24,80

20. Drecksack

Frauen sind schwierig. Und Gedichte? Natürlich ist der Mob zum Kotzen. Aber auch der Mob hatn Recht, ne Frau, pardon, n Gedicht zu verstehen. Hören Sie Florian Günther im Interview


Drecksack. Zeitschrift für lesbare Literatur

NEUE AUSGABE DES DRECKSACK 10.12.2011

facebook.com/drecksackberlin

19. Wustmann über Schittko

 

Ich sortier mal die Pros und Contras in Wustmanns übersichtlich gegliedertem Text:

Pro Contra
Clemens Schittko ist ein bissiger Zeitgenosse, zumindest in seiner Lyrik.
Er teilt gerne aus, gegen den alltäglichen bundesdeutschen Politirrsinn,
gegen das, was sich Literaturbetrieb schimpft,
ja sogar gegen die Lyrik selbst, die heute in der Masse so dröge und langweilig ist.
Wenn auch Schittko längst nicht dessen Qualität erreicht,
so ist man von der Grundhaltung doch an Bukowski erinnert, der einmal in einem Lyrikseminar saß und auf die Frage des Dozenten, warum er denn so still sei, antwortete: „Ich habe hier bisher nur Stuss gehört.“
Schittkos Stil ist simpel, seine Strukturen versuchen gar nicht erst, undurchschaubar zu sein. Das macht ihn sympathisch. Er schwimmt gegen den Strom des zwanghaften Verkomplizierens.
… man könnte meinen, er wäre mit einer Zeitmaschine direkt aus den 70ern gekommen, in denen der Alltagsduktus der Lyrik ein mitunter beachtliches Publikum bescherte.
Schittkos Lyrik ist immer auch böse Realsatire an der Grenze zur Anklage und manchmal darüber hinaus (stellenweise etwas zu plakativ, zu starrsinnig links,
aber das mag man diesen Versen verzeihen – es ist ein Austeilen, das Spaß macht, weil nur wenige es sich trauen).
… Diesen Vers kann man als Anspielung auf den Komplexitäts- und Verschlüsselungswahn sehen.
Und treffender als in diesem kann man die aktuelle deutsche Lyrikszene kaum aufs Korn nehmen: „Lyrik, die ihre Abnehmer mit ihren Anbietern verwechselt.“
Und auch der hier ist nett: „Lyrik, die nur noch als kopflastiger Spam-Mail-Text die Chance hat, / von der Literaturwissenschaft kanonisiert zu werden.“
Einen großen Nachteil allerdings hat dieses Langgedicht „Eine neue Lyrik“: Es richtet sich über weite Strecken an die Lyrikszene. Wer sich mit dieser nicht befasst bzw. die immer wieder aufkochenden Debatten nicht verfolgt, wird zu vielen der
herrlichen Frotzeleien kaum einen Zugang finden.
Ob das ironische Absicht ist ?

Gerrit Wustmann, cineastentreff

Ich würd manchen Akzent anders setzen, klar. (Es gibt auch zwanghaftes Versimpeln). Aber wär ich der Autor, würd ich den Kritiker ohrfeigen, der diese Verse nett findet (oder mit Fried und Bukowski vergleicht). Als ich: lob ich das starrsinnig Linke an Schittkos Gedicht, weil und obwohl es satirische Verse sind.

Clemens Schittko: Und ginge es demokratisch zu. sUkUltUr Verlag. 1 €*

*) Meine Erfahrung: Wenn man 10 Stück nimmt und weiterteilt, besorgt es auch die gute Buchhandlung.

18. Verzaubert

Die Schriftstellerin verzaubert mit ihrer Lyrik, die sich allerdings oftmals nur schwer erschließen lässt. Zum Verstehen ihrer verschlungenen Bildersprache sind Muße und Aufgeschlossenheit für Poesie gefordert. / brikada

Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“ – Gedichte 2004-2009, gebunden, 342 Seiten, 22,80 Euro, ISBN: 978-3-518-42106-2, erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag, Berlin.

(Ja, viel kürzer kann man es nicht sagen: ohne Muße und Aufgeschlossenheit gehts nimmer. Daß das Verzaubern schon ein Wert an sich ist, haben sie nicht gelernt in der Schule. Und ihre Vaterlandsgesänge lähmen, wie Zauberer, oder so ähnlich.)

17. Schon mal ein Gedicht gelesen? Dieses Jahr?

Wenn wir gerade heraus kundtun, was wir unter Bildung verstehen, können wir jenen nicht widersprechen, die uns für arrogant halten. Der Mensch fängt dort an, wo er sich nicht nach jedem Zehner bückt. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Gedicht gelesen? Warum ist es so lange her? Hat es Ihnen nicht gefallen? Warum haben Sie nicht nach einem gesucht, das Ihnen mehr entspricht? Warum haben Sie nicht versucht, selbst ein Gedicht zu schreiben? Ich mach mir ja auch ein Spiegelei, wenn ich Hunger habe. Sie versäumen das Beste, wenn Sie auf Dinge verzichten, die Sie nicht brauchen können.

Wir haben einen Wissenschaftsminister, der ist Altphilologe. Also ist Hopfen und Malz noch nicht verloren!

/ Michael Köhlmeier, Die Presse 5.12.

16. Ruth Stone †

Ruth Stone, die amerikanische Dichterin, „deren bittersüße Stimme ihres Humors und Pathos wegen in Erinnerung blieb“, starb im Alter von 96 Jahren. Zitat aus dem Nachruf von Chard deNiord, Guardian 27.11.:

After the failure of her first marriage, she married Walter Stone in 1945. In addition to their busy family life of raising three daughters, and Walter’s responsibilities as an English professor at Vassar College, the couple wrote poetry and fiction, critiquing each other’s work and achieving early success with publication in the New Yorker and the Kenyon Review.

Stone published her first book of poetry, In An Iridescent Time, in 1958, shortly after buying her lifelong home in Goshen with the money she received for the Bess Hokin prize for poetry. The young couple seemed poised to make a meteoric rise in the literary world at the onset of the 60s when, on sabbatical leave in London, Walter hanged himself from the coat hook on the door of his study, leaving no note. For the rest of her life, Stone wrote with both searing realism and deep pathos about the loss, describing his death in her poem March 15, 1998:

Tied a silk cord around his meat neck
and hung his meat body, loved though it was,
in order to insure absolute quiet,
on the back of a rented door in Soho.

When recalling her love for Walter, she found more tender language in Tenacity (1971):

I sit for hours at the window
Preparing a letter; you are coming toward me,
We are balanced like dancers in memory,
I feel your coat, I smell your clothes,
Your tobacco, you almost touch me.

15. Gedichte zum Nationalfeiertag

DUBAI: In einer einzigartigen Würdigung des 40. Nationalfeiertags der Vereinigten Arabischen Emirate freut sich das Medienamt von Dubai die Herausgabe eines neuen Gedichtbandes (Diwan) mit dem Titel „40 Gedichte aus der Wüste“ aus der Hand des Vizepräsidenten der VAE und Premierministers und Herrschers von Dubai, seiner Hoheit Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoums bekanntgeben zu dürfen. / The Gulf Today

14. Gründung der russischen Dichtkunst

Die Dichtung ist das beste an Russland. Ihr Gründer: Der 1711 im hohen Norden Russlands in dem kleinen Dorf Mischaninskaja geborene Bergbaustudent Michail Wassiljewitsch Lomonossow mit seiner Ode an die Eroberung der Festung Chotyn. …

Der in Deutschland auf Staatskosten Bergbau studierende 28-jährige Michail Lomonossow hatte der Akademie eine Ode an die Eroberung der Festung Chotyn geschickt. Die Ode war in bis dahin für die Russen völlig unbekannten Versen geschrieben: Jambus, syllabotonisch. Bisher hatte man in Russland nur Syllaben gezählt, das heißt Silben – nach polnischer Art. Die syllabotonische Versifikation, bei der nicht allein Silben gezählt werden, sondern auch Betonungen, bezauberte die Russen sofort. Die Lomonossow-Ode, die in der Tat ein wunderbares Gedicht ist und seinerzeit auch mit einem Brief versehen war, der die Vorzüge des neuen Versbaus erläuterte, war der erste Lebensschrei der russischen Poesie, wie wir sie heute kennen. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel

13. Intensität des Schauens

Was der 1966 in der Lausitz geborene und heute in Dresden lebende Volker Sielaff in neun Kapiteln an sinnesöffnenden Gedichten, luziden Selbstbeobachtungen und Wahrnehmungsemphasen zusammengetragen hat, ist von überwältigender Intensität. Das Gedicht „Rollfeld“ spricht von der „Leere in ihrem höchsten Zustand“, der Leere als einem „Rollfeld, für Luft“. Ein anderes Gedicht evoziert die Windbewegung in bestimmten Bäumen – das „Ulmensausen“ gebiert hier den Wunsch des Subjekts, selbst „dem Wind anheimzufallen“. Eine Intensität des Schauens, die eine mystische Stille und Leere mit dem Hingegebensein an die Phänomene verbindet, trägt sehr viele Gedichte dieses Bandes – beglückende Epiphanien, die viel von Kindheit sprechen und von der Möglichkeit, die Welt anzuschauen wie zum ersten Mal. / Michael Braun, Tagesspiegel

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Gedichte.
Luxbooks, Wiesbaden 2011. 120 Seiten, 22 €.

12. Literaturwettbewerb

„Zeitgenössische Liebesgedichte“ waren das Thema beim 18. Literaturwettbewerb der Akademie Graz. Mit seinem Gedicht „Alles oszilliert“ konnte ihn Marcus Pöttler gewinnen. Dabei verwies er Christian Teissl und Reinhard Lechner auf die Plätze. Für Pöttler war das Thema eine große Herausforderung: „Ich habe mich zuvor noch nie auf dieses Terrain gewagt. Das Gedicht sehe ich somit als eine Art ,Ode an die Liebe‘.“ / Kleine Zeitung

11. Poetry Performance

Der aus Simbabwe kommende, derzeit in Berlin lebende Lyriker Chirikure Chirikure stellt am Sonntag in der Bettendorffschen Galerie Gauangelloch in einer Poetry Performance seinen im Heidelberger Verlag Wunderhorn erschienenen Gedichtband „Aussicht auf eigene Schatten“ vor. Der 1962 Geborene zählt zu den namhaften Dichtern Afrikas und wurde als Initiator einer Slam-Poetry-Reihe in Simbabwes Hauptstadt Harare bekannt. / morgenweb

10. Alle alle Juden Piff

* * *

Все все деревья пиф
Все все каменья пиф
Вся вся природа пуф

Все все девицы пиф
Все все мужчины пиф
Вся вся женитьба пуф

Все все славяне пиф
Все все евреи пиф
Вся вся Россия пуф

Источник: Ковырок

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Alle alle Bäume piff
alle alle Steine paff
die ganze ganze Natur ist puff

Alle alle Mädchen piff
alle alle Männer paff
die ganze ganze Ehe ist puff

Alle alle Slaven piff
alle alle Juden paff
das ganze ganze Rußland ist puff

Deutsch von Peter Urban, in: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 37.

(Nicht bei Nitzberg)

Bei Wikipedia eine andere Originalfassung und Übersetzung