Erik Münnich: Im September dieses Jahres erscheint* im Greifswalder freiraum-verlag ein neues Buch von dir: „Ich verstehe nichts vom Monsun“. Auf den ersten Blick ein langes Gedicht, trotzdem hast Du es mit „Erzählung“ betitelt. Warum nicht mit „Lyrik“?
Silke Peters: Ich weiß im Moment leider nicht, was ein Gedicht ist. Als ich mein erstes Langgedicht schrieb, merkte ich bei den Lesern, dass sie eine Geschichte beim Lesen konstruieren. Eine Erzählung macht ja glücklich, auch wenn sie eine Lüge ist. Es bleibt also beim Leser, diese Arbeit, diese Erzählung, für sich entstehen zu lassen, wenn sie die Gattungsbezeichnung so ernst nehmen, wie sie sich gedruckt benimmt und er sich mit seiner eigenen Illusionsfähigkeit plagt.
Die Nacht und der Schnee. Die Postkarte kommt immer noch
an. Dieses Dorf ist getarnt eine beleuchtete Sache. Die Scheibe
der Mondfinsternis schiebt sich vor. In den Ereignisraum.
Du kannst es nachrechnen. Die ganze Nacht. Die einsamen
Schritte. Die linearen Prozesse. Das zerknitterte Papier. Die Lade
jault auf. Dies ist eine Zuflucht. Ein Versuch.
Ihm oder vielmehr ihr zu nahe zu treten. Sie sehen nicht mehr
so scharf hin. Die Weiden am Bach. Ach. Mein zurückhaltender
Strich.
Dem die Doppelbilder entfernt wurden. Wenn es denn sein
muss. Wenn Du es hören willst. Wenn. In der dritten Generation.
Die windschiefe Scheune fällt.
Sie werfen Fluggegenstände vom Dach. Die Kinder. Spuren im
stillen Gebiet. Ein Gebet. Wie kommen die Schlingen in den
Bach. Tasten meine Hände.
Morgens beim Aufwachen gegen die Schatten. Kälte und Glück.
Das gezogene Los. Eines muss es ja besiegeln. Die Komposition
dauert an. Im Gebirge ginge ich verloren.
Wer ist der der das Schreiben macht. Die übersprungene Generation.
Einflüsterungen. Alles wird weich. Tauwetter. Der Sinn.
So sagte man dort vielleicht.
Die vergessenen Begriffe. Die unübersichtliche Barriere. Schweigen.
Schwingt. Ich würde so gern sein Wort benutzen. Es bildet
eine dicke Staubschicht.
Auf den zerbrochenen Stallfenstern. Ich mache mich klein im
Wind. Hinter den Scheiben das Meer. Graue Struktur. Total
chaotische Turbation. Ein grammatischer Rest. Eine Neige.
Wir reden über das Tote Meer. Seine Salzkonzentration in
Promille. Wir setzen den Tiefpunkt hier. Den Kara Bogas Gol.
Wir schütten Glaubersalz in den Tee.
Das gibt ein kaltes Fließen. Diese Stelle ist verdorben. Wir
schreiben morgens an einem langen Text. Die Beine erreichen
den Boden nicht mehr. Ich fühlte mich dort sehr zu Hause.
Verantwortlich. Der Tisch leerte sich. Das Bistro schließt. Ein
ausgetrockneter Salzsee ist meine Landebahn. Die Schollen
wölben sich an den Rändern. Rosa. Queller.
Und die Bilder sind überbelichtet. Im Bergwerk. Die Steigleitern.
Das ist die letzte Tageszeile. Fleckig verweht die Spur Schnee. Die
Raben gehen über den Teich.
Jede Figur muss etwas wollen. Aus jedem Bild wächst ein anderes.
Wir bleiben bei den Fakten. Bei den Übersetzungsprogrammen.
Dem Vorhof der Wörter.
Mit Scilla wahrscheinlich. Skylla. An der Straße. Als wir uns
unverhofft trafen. Ich strich diese Zeile aus. Denn wir hatten
uns verabredet.
Mit den Verspannungen in den Gliedmaßen. Germaine Richiers
Wesen. Das Äußerste tun in den Anweisungen des Gefundenen.
Blaue Kröten fallen vom Himmel. Wir verkaufen nichts.
Die Gespräche drehten sich um Existenz. Poetic justice. Bilder
die sich aus dem Fixierbad unseres Gesprächs entwickelten. Sie
stapeln sich zu unleserlichen Haufen.
Geballte Zonen der Dunkelheit wenn sich die Farben zu gut
mischten. Ich schreibe das jetzt auf. Märzgrau. Ein methodisches
Stochern im Tag. Ich müsste dir antworten.
Das Ende absehen. Den fremden Gedanken verwenden. Was
wird dann aus ihm. In mir. Er wird abgebaut. Verstoffwechselt.
Meine eigene Zeile. Gelöscht.
Auf welche Annahmen stützen wir uns. Beim Gehen. Ich schaue
nicht mehr zurück. Ich überlasse es. Dem Gespräch der Amseln.
Der zähen Feuchtigkeit unter den Fittichen.
So eine schöne Reise. Über das Schwarze Meer. Dorant und
Dosten. Seine Blumen bleiben. Zu sublimen Zwecken. Iasis.
Die Substanz ist unentdeckt. In den Abgründen der Sprüche.
Hier gehen Hirsche auf der Straße entlang. Die Kästen füllen
sich langsam. Mit Abraum. Die Halden dienen jetzt als Wegmarke.
Dort entlang. Ich fahre ans Meer.
Ich bin dazu abgestellt von den anderen. Manches ließe sich
nicht abbilden. Manches schon. Die Möbel sind mein Ideenvorrat
für die nächste Zeit. Daran muss ich denken.
Es ist schon alles da. Einiges wird ausgelagert auf die andere
Flussseite. Ich werde die Fähre nehmen. Der Wind blättert die
Seiten um. Und.
Die Interpunktion hatte mich über den Text gerettet. Ich gehe
von Turm zu Turm durch die vergessene Bürgerlichkeit der
Stadt. Ich winke jemandem Fremden zu.
Ich schäme mich ein paar Minuten lang. Irgendwie hatte ich
vergessen mich aufzuladen. Ich sitze am Tisch. Jemand geht
durch ein Weizenfeld. Die Handlungen werden diktiert.
Es hatte sehr lang gedauert bis ich dort stand. Ich hatte dieses
Viertel noch nicht erreicht. Der saure Geruch des Milchladens
wehte über die Bücher.
Ich vermeide zu viele Eindrücke. Aber wie mache ich das.
Vermeiden. Kosmologisch gesehen. Die Uhr geht nach. Eine
Seite lang geht sie nach.
Die fünf Mykologen auf der Welt die sich noch über auf Pilzen
schmarotzende Pilze unterhalten konnten. Flüssig. Und Ohren
auf. Sonst Kristallbildungen an den Gradierwänden.
Über Schwarzdorn. Über Wolkenbildern die haben ja Konjunktur.
Ein gesprühter Verlauf auf dem Buchschnitt. Ein Rest Farbe
an der Fingerkuppe. Das auch.
Das wirklich gute ist ich verstehe nie etwas. Warum auch. Die
Linien sind ja schon gezogen. Nach denen du peilst. Was danebenfällt.
Ist geschenkt.
Kompost oder einer sammelt es auf. Für das Präparat im Kästchen.
Ein Sammelkästchen. Eine einzelne Seegurke angeklebter
Tang. Bebt. Sinnfällig. Vor und zurück.
Schwer im Geschirr. Kommt. Der Fund in die Trommel. Das
Glas mit Oktopus. Hummer. Hunger. Windbeutelblase. Physa.
Das ist jetzt ausgestellt.
Wir hatten da ein Vokabellager auf der Hafeninsel. Verkauf nach
Gewicht. Reines Maßstück Metall. Maßstück Buche verschollen
bis auf weiteres.
Aber das kann aber das kann rekonstruiert werden. Ja kann
es. Noch. Geschehen denn Vereinsaustritte. Abtritt.
Hahnenirgendwasmuster.
(…)
*) Interview von 2012, komplett nachlesbar hier:
Silke Peters, Ich verstehe nichts vom Monsun
Erzählung
freiraum-verlag Greifswald 2012
ISBN 978-3-943672-06-0
110 Seiten
11,95 Euro
Die an Demenz erkrankten Bewohner der Hausgemeinschaft Vinzenz von Paul sitzen in einem großen Stuhlkreis und klatschen in die Hände. Der Poetry-Slammer Lars Ruppel ist mit seinem Alzheimer Poesie Projekt „Weckworte“ nach Leutkirch gekommen.
Das Projekt hat das Ziel, dass an Alzheimer erkrankte Personen einen Zugang zu Poesie bekommen und sich an bekannte Gedichte erinnern können. Mit Poetry-Slam habe das Projekt eigentlich nichts zu tun, erklärt Ruppel, die Gedichte müssten anders vorgetragen werden. „Weckworte“ sei eine Pflegetechnik, wie man die pflegebedürftigen Menschen erreichen kann. / Eva-Maria Brändle, Schwäbische
Rückerts Gedichte (und diese sind Legion) gehörten im 19. Jahrhundert zum bürgerlichen Kanon, trotzdem mokierte sich bereits so mancher Zeitgenosse. Mörike etwa ist hier zu nennen, der es ‚widerwärtig‘ fand, wie bei Rückert ‚ein spitzfindiger Witz … mit der Poesie‘ spiele. Im 20. Jahrhundert war es anders, hier machten sich Lyriker wie Rudolf Borchardt für den Dichtergelehrten stark. Vergebens. Heute ist der 1788 in Schweinfurt geborene Friedrich Rückert nur mehr ein paar Kennern wirklich vertraut. Sieht man einmal von Liebhabern klassischer Musik ab, denen sein Name aufgrund von Gustav Mahlers anrührenden Vertonungen einiger weniger ‚Kindertotenlieder‘ ein Begriff ist. Was viele nicht wissen: Rückert schrieb nahezu 500 von ihnen.
(…) Rückert las und schrieb in insgesamt 44Sprachen, darunter so fernen wie Avestisch oder Pali, er übersetzte den Koran und die älteste Anthologie arabischer Dichtung, die ‚Hamasa‘, alles immer getreu der Maxime: ‚Weltpoesie allein ist Weltversöhnung‘. Ins Ausland reiste er selbst nur einmal: 1817 lebte er für knapp ein Jahr in Rom. / Florian Welle, Süddeutsche Zeitung 9.9.
Rückert-Museum, Friedrich-Rückert-Straße 13, Coburg. Anfragen für Besichtigungstermine unter Telefon 09561/66308. Eintritt frei
Louis Simpson (1923–2012)
American Poetry
Whatever it is, it must have
A stomach that can digest
Rubber, coal, uranium, moons, poems.
Like the shark it contains a shoe.
It must swim for miles through the desert
Uttering cries that are almost human.
Louis Simpson, “American Poetry” from The Owner of the House: New Collected Poems, 1940-2001. (BOA Editions Ltd., 2003)
Die Lyrikzeitung hat im Moment eine Praktikantin, die in der nächsten Zeit einmal pro Woche einen Beitrag für die Kolumne „Kalendarium“ schreiben und das alte L&Poe-Archiv hier einarbeiten wird. Die Beiträge erscheinen unter dem Originaldatum (momentan von Anfang 2002) und werden dann bei Schlagwort-, Datum- oder Volltextsuche auffindbar sein. Da es für WordPress „neue“ Beiträge sind, werden sie an Abonnenten der L&Poe-Nachrichten per Mail verschickt. Bitte achten Sie auf das Datum, um olle Kamellen nicht mit dem Allerletzten von 2013 zu verwechseln. Etwa wenn Sie diese Nachricht im Mailfach finden:
Im Alter von 85 Jahren ist gestern in Madrid der spanische Romanautor und Nobelpreisträger Camilo José Cela gestorben. Sein vielseitiges Werk zeugt von grosser, lebensnaher Ausdrucksfähigkeit … Camilo José Cela wurde am 11. Mai 1916 in Iria Flavia (Provinz La Coruña) als Sohn einer englischen Mutter und eines galizischen Vaters geboren. 1925 übersiedelte die Familie nach Madrid. In Madrid begann Cela ein Medizinstudium, wandte sich aber bald der Literatur zu und schloss auch sein Jusstudium nicht ab. In den 30er Jahren arbeitete er als Journalist bei der Zeitung «Arriba». Im Bürgerkrieg schloss er sich den aufständischen Truppen General Francos an und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg schrieb Cela zunächst für Blätter der faschistischen Organisation Falange und arbeitete als Zensor des Franco-Regimes. Sein 1942 erschienener Roman «Pascual Duartes Familie», in dem Cela seine Kriegserlebnisse verarbeitete, fiel allerdings selbst der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Mit ihm hatte Cela die realistische Literaturform des «tremendismo» geschaffen, die sich durch eine düstere, raue und gewaltsame Sprache auszeichnete und die Literatur in Spanien und Lateinamerika stark beeinflusste. / Landbote Winterthur 18.1.02 – Nachrufe auch in FAZ, Süddeutsche, NZZ, FR…
„Gestern“ ist darin also der 17.1. 2002. Machen Sie mit der Lyrikzeitung eine Zeitreise mit Ladenhütern und Widergängern!
Katarzyna Nowakowska und Robert Malecki sowie Monika Taubitz und Anne Wachter aus Meersburg wollen am 27. September ab 11.30 Uhr im Weberzunfthaus die deutsche Literatur in Polen „hautnah in Lesung und Gespräch“ erfahrbar werden lassen. Nachdem um 15.30 Uhr Klaus Völker (Berlin) den schlesischen Dichter Max Herrmann-Neiße nahe gebracht hat, präsentieren um 19.30 Uhr der Musiker Jozef Kotys und seine Tochter Daria Vertonungen von Gedichten Georg Hauptstocks, in dessen Leben und Werk Johannes Rasim einführen wird.
Ebenso interessant dürfte das Gedenken an Otfried Preußler, dem Eichendorff-Literaturpreisträger von 1990, sein. (…)
Den Höhepunkt der Tagung bildet am Sonntag, 29. September, um 11 Uhr in der Bücherei im Kornhaus die Feierstunde zur Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises 2013 an Ulrich Schacht. Die Laudation hält Sebastian Kleinschmidt aus Berlin.
Der heute in Schweden lebende Preisträger wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo seine Mutter inhaftiert war. Er wuchs in Wismar auf und studierte evangelische Theologie. 1973 wurde Schacht in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1976 in die BRD entlassen. Bekannt wurde Ulrich Schacht durch seine Lyrik und seine Erzählungen sowie durch seinen berührenden Bericht über die Suche nach seinem polnischen Vater. / Vera Stiller, Schwäbische
Zur Frage, mit welchen Büchern oder Zitaten aus Büchern ein Mann eine Frau beeindruckt, meinte Michael Krüger: „Als ich jung war, habe ich unvergessliche surrealistische Gedichte geschrieben. Ich habe sie generös an die schönsten Frauen verteilt, in der Hoffnung, dass sie sich davon beeindrucken lassen, was nicht der Fall war. Das zeigt das nachlassende Interesse seit Bretons Tod am Surrealismus.“ / Börsenblatt
Anthologie 87: Conrad Ferdinand Meyer, Nachtgeräusche
Nachtgeräusche
Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer,
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders,
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.
Mit diesem Gedicht endete meine (alte)( Anthologie im Jahre 2001. Mit diesem Eintrag ist die Übernahme in die neue Anthologie abgeschlossen. Ab jetzt nur noch neue!
Ken Yamamoto erzählt erstmal einen Witz, zur Auflockerung des zwölften, herbstlichen U20-Poetry-Slams im Stattbahnhof. Aber natürlich will der Mitmoderator aus Neukölln die sieben Nachwuchsdichter nicht ernsthaft daran hindern, sich in die Arme der Musen zu werfen. Ein Leben ohne Poesie wäre auch nicht lebenswert: Darum sucht Schweinfurt eine neue Generation wortgewaltiger, kreativer Slammer. / Mainpost
Luzhong ist eine faszinierende, aber relativ unbekannte chinesische Stadt, sagt ein chinesischer TV-Beitrag. Über 1700 Jahre sei sie alt und sie beherbergte viele berühmte Figuren der Kulturgeschichte, besonders Dichter. Da sie in China (!) nicht so bekannt sei, kämen nicht so viele Besucher undviele Häuser seien heruntergekommen, darunter auch die Häuser der berühmten Dichter. Auch heute sei sie ideal für Dichter, heißt es, ein Ort, wo sich Inspiration von selbst einstelle.
Leider versäumt der Artikel, auch nur einen Namen der berühmten Dichter zu nennen. Sechsmal kommt das Wort „poet“ in dem kurzen Artikel vor, aber kein Vers und kein Name. Wahrscheinlich sagt auch das Fehlen etwas über das heutige China aus?
Google findet hauptsächlich Traktoren aus Luzhong und sonst viele Artikel in merkwürdigem Englisch, offenbar maschinell aus dem Chinesischen übersetzt.
Die Stadtwerke Gruppe verleiht heuer zum 6. Mal den Kärntner Lyrikpreis.
„Es ist noch nie so viel Lyrik gedruckt worden wie heute“, sagt Manfred Posch, Jury-Sprecher des Stadtwerke-Lyrik-Wettbewerbes, und kann diesen Boom auch mit eigenen Erfahrungen belegen. Als im vergangenen Jahr die Klagenfurter Lyrikerin Anna Baar im Festsaal der Stadtwerke Gruppe mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, waren 300 Literaturbegeisterte mit dabei. (…)
Mittlerweile ist der Preis „ein Fixstern am österreichischen Literaturhimmel“, wie Karré nicht ohne Stolz wissen lässt. Zwei Maecenas-Ehrungen bestätigen ihn jedenfalls in seiner Absicht, das diesbezügliche Sponsoring auch künftig weiterzuführen. Karré: „Wir sind wirtschaftlich erfolgreicher als man es uns zutrauen würde. Wenn die Zahl der Einreichungen so bleibt wie bisher, dann werden wir den Lyrikpreis ein Leben lang haben“. (…)
„Wir rechnen heuer wieder mit 240 bis 280 Bewerbungen“, sagt Stadtwerke-Sprecher Harald Raffer, der als „Juror ohne Stimmrecht“ der Expertenrunde beiwohnen wird. Erstmals mit im Boot ist neben dem Land Kärnten auch die Stadt Klagenfurt. Sie stellt einen Preis in der Höhe von 1500 Euro zur Verfügung. Für Kulturamtsleiterin Manuela Tertschnig ist dies nur ein weiterer, „logischer Schritt, um Literatur im öffentlichen Raum“ sichtbar zu machen.
Bis zum 28. Oktober haben Kärntner Literaten noch Gelegenheit, Texte für den diesjährigen Wettbewerb einzureichen.
Erwartet werden bei freier Themenwahl „sprachkünstlerisch anspruchsvolle Ausdrucksformen lyrischen Sprechens“, wobei beide Landessprachen zugelassen sind. Der Lyrikpreis und die weiteren Auszeichnungen werden dann am 21. November im Rahmen einer finalen Lesung vergeben. (…)
Um Lyrik nachhaltig unters Volk zu bringen, ist daran gedacht, die preisgekrönten Gedichten künftig in den Stadtwerkebussen zu präsentieren. Vorbilder dafür findet man in diversen U-Bahnen oder in den Verkehrsschiffen Venedigs. Motto: „Poesie sul Vaporetto“. Romed Karré: „Das setzen wir um“. / Erwin Hirtenfelder, Kleine Zeitung
Berühmte Gedichte Annettes können in den Pavillons mit allen Sinnen erlebt und sozusagen begangen werden.
Beispiel:
Entspannt geht es weiter im Pavillon „Im Grase“, wo Kunstrasen unter den Füßen raschelt. Vogelgezwitscher und die bodennahe Wandbemalung mit Gräsern und Wiesenblumen spielen auf die natürliche Umgebung an. Ein mit Kunstrasen bedeckter Pyramidenstumpf in der Mitte lädt dazu ein, sich anzulehnen und so das Liegen im Gras nachzuempfinden. Währenddessen lassen sich die rundum stehenden Texte an den Stellwänden lesen. Die Themen „Ich-Versenkung“, „Lebendige Erinnerung“, „Ich-Zeit“ und „Schreibprogramm“ werden in diesem Pavillon aufgegriffen. Wer vom Ausruhen im Gras noch nicht genug hat, kann anschließend im Garten des Rüschhauses spazieren gehen und ein paar der herunter gefallenen Äpfel, Pflaumen und Birnen aufsammeln.
/ Ellen Bultmann, Westfälische Nachrichten
Heute im Radio:
Die literarische Menagerie der Sabine Scho | Von Frank Kaspar
Sendung am Dienstag, 17.9. | 22.03 Uhr | SWR2

Zoologischer Garten Berlin | © Sabine Scho
„Der Mensch ist das Tier, das sich andere Tiere hält“, notierte der Philosoph Hans Blumenberg.
Die Lyrikerin Sabine Scho hat in Zoos rund um die Welt beobachtet, was „Schautiere“ und ihre Gehege über uns Menschen sagen. Auf den Spuren von Blumenberg und Walter Benjamin entdeckt sie den Zoo als literarischen Ort und „Kulisse einer Menschensehnsucht“.
Für ihr Mixed Media Projekt „Tiere in Architektur“ sammelte sie Bilder von Tierhäusern, die ihre Bewohner in exotische Szenerien versetzen. Wie ein Park gewordener Roman soll der Zoo das Wissen um die Welt und unseren Platz darin noch einmal ordnen und begehbar machen.
Ein poetischer Kraftakt, der melancholisch stimmt, weil er zum Scheitern verurteilt ist.
Auszüge aus 2 – kontroversen – Stimmen zur Anthologie Hieb- und Stichfest:
In „Hieb und Stichfest“ geraten Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch heftig aneinander, in der Art eines Streitgesanges, den sie traditionsbewußt als Tenzone bezeichnen, und in dem es mal wieder darum geht, was das eigentlich soll, mit dem Sonett. Dergleichen selbstbezügliches Dichten hat einen langen, metareflexiven Bart. Erinnert sei nur an August Wilhelm Schlegels Sonett aus dem Jahr 1800, das ganz in poetologischer Manier den Titel „Das Sonett“ trägt oder Robert Gernhards ironisches Anti-Sonett mit der Schlußzeile „Ich find Sonette unheimlich beschissen“. (…)
Ich will nicht verhehlen, daß mir ein Sonettist wie Rarisch – und so ein vermeintlicher Sonettablehner wie Klünner noch viel mehr – in seinem Ton und Tun schon beinah wie ein Hobbyfunker vorkommt, der mit nerdhafter Freude Alpha-Bravo-Charlie in den Äther spricht und auf die Antwort eines Kollegen hofft. Da ist diese putzige Verschrobenheit, der Ernst bei allem Unernst, wenn es darum geht, die Form zu erfüllen und auf die Formerfüllung zu pochen. Der fachgesimpelte Streit, bei aller Ironie. Als ob Sonette besonders was für verhinderte Bastler seien, die lieber mit der Sprache hantieren als mit Kleber und Holz. Und wie die meisten Modellbauer sind auch die Sonettverfasser überwiegend männlich. Habe ich früher nicht auch Panzermodelle gebastelt?
Nummer 2:
Es gibt zu Sonetten, so beobachtete ich das bisher, immer zwei Fraktionen. Die einen, die selbst Sonette als Kunstform schätzen und weiterhin kultivieren möchten oder sich zumindest an ihr reiben. Die anderen, die damit nichts verbinden, nichts anfangen können, in ihnen allenfalls einen ewig-gestrigen Zeitvertreib sehen, eine Art „Hobbyfunkertum“. Ist „Hobby“ schon böse, weil es das Sonett in die Nähe des Kunsthandwerks rückt, ist es das „‑funkertum“ im Zeitalter des Smartphones erst recht. Es so zu sehen, sei jedem herzlich gegönnt. Allerdings muss man sich bei einer solchen Sichtweise dann evtl. nachsagen lassen, dass man die letzten 25 Jahre Entwicklung der deutsch-deutschen Poesie verschlafen hat.
1995, als die Sonette des Bändchens entstanden, mag die Beschäftigung mit der romanischen Strophenform vielleicht noch exotisch gewesen sein; heute, 2013, kommt am „tönenden“ sonetto,dem „kleinen Tonstück“, keiner vorbei. Auch anderswo werden Sonette geschrieben, man reibt sich seit Jahrzehnten auch z. B. in USA (David Lerner, s. a. Fixativ, an der 14-Zeilen-Form. Versmaß (oder nennen wir es gebundene Sprache) ist – wer jemals wirklich in die Materie eingetaucht ist – für alle Dichter immer (noch) Thema, ob nun freie Form oder nicht, und von Marion Poschmann über Lars Reyer bis Ann Cotten hat dieses Klanggedicht in jüngster Zeit Konjunktur. Auch in Steffen Popps kürzlich erschienenem Gedichtband Dickicht mit Reden und Augen geht es um die 14-zeilige Form, die immer wieder zu Spiel und Auseinandersetzung reizt. Deshalb erstaunt diese Geste umso mehr, mit Gernhardt und Schlegel im Gepäck oberflächlich abzuwinken. Wie offenkundig! Wie fad!
Beide stehen bei Fixpoetry, Stimme 1 ist von Christian Kreis und Stimme 2 von Armin Steigenberger. Wer hat recht? Man kann ausm Bauch entscheiden, beschissen oder nicht, oder die so materialreiche wie preiswerte Anthologie lesen. Wo man mittellange (14 Zeilen a 10/11 Silben) und kürzere findet. Wie dieses kürzeste Sonett aus nur 14 Silben (und immer noch gereimt, siehe da! und sagt auch noch was!):
Lothar Klünner:
DEM HALBTIER
Zwo-
mal
Mo-
ral?
So
zahl
to-
tal!
Barst? –
Irrst
schwer:
Sparst.
Birst
eh’r.
19. Mai 1995
Klaus M. Rarisch, Lothar Klünner und Andere: Hieb- und Stichfest. Eine Tenzone in Sonetten, 60 Seiten, 2. leicht vermehrte Auflage 2012, ISBN 978-3-942901-06-2, 8 Euro, Reinecke & Voß Leipzig 2012
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