Für das heutige Gedicht habe ich mich entschieden, weil mir beim Blättern in einem Buch die Ähnlichkeit einer Überschrift mit dem Gedicht von gestern auffiel: „Und ihr Gestorbensein erfüllt sie mit Glanz“. Nur mit etwas verschobenen Personenrollen. Gestern hieß es, „ihr Tod / schlug ihn mit Weisheit; nun wuchs ihm Gewicht / zu durch den Schmerz“.
Kai Pohl
(Geboren 1964 in Wittenburg/ Mecklenburg, lebt in Berlin)
Und ihr Gestorbensein erfüllt sie mit Glanz
Was in diesem Gedicht steht, muß endlich einmal
gesagt werden. Der Text ist fast wörtlich übernommen,
kein Vers und kein Satzzeichen ist in diesem Gedicht
zuviel. Bereits die Überschrift trägt der aufkommenden
Stimmung Rechnung. Viel Hoffnung und Mut stecken
in diesem Gedicht. Das Gedicht kennt keine Arbeit.
In diesem Gedicht kommt das Wort Deutschland nicht
vor, dampft kein Kaffee und waltet kein Goethe. Es gibt
keinen Mittwoch in diesem Gedicht. Die Gedanken in
diesem Gedicht sind von Wasser geschliffene Steine,
TV-Zuschauer greifen zur Brecht-Gesamtausgabe, man
spürt ein negatives Verhältnis, Angst breitet sich aus.
Wodurch entsteht der Sarkasmus in diesem Gedicht?
Worin bitte besteht in diesem Gedicht der Sinn? Es
gibt weder Adressat noch Absender. Die geläufigen
Themen kommen darin nicht vor. Wovon ist in diesem
Gedicht die Rede? Welche Funktion hat die Bedeutung,
welche Funktion hat die Unterordnung? Die Ingredienzen
der Dichtung entsprechen der Darstellung in diesem
Gedicht, finanzielle Probleme werden nicht angesprochen.
In diesem Gedicht wird Oslo als unbarmherzige Stadt
beschrieben, der dunkel glänzende Wasserspiegel ist
zum Auge geworden, schwarz tropft der Tau von der
Weide, das sog. Welttheater ist unauffällig vorbeigehuscht.
Alles in diesem Gedicht ist in kreisende Bewegung
geraten, eine Ansammlung von Hausrat, Gerede,
schmucklosen Satzfetzen; Versäumnis waltet in diesem
Gedicht, die technologische Entfremdung der
Kommunikation. In diesem Gedicht ist Durst der
Urtrieb, der Mond wird wie ein Beruhigungsmittel
verwendet, die Hoffnung liegt im Weg wie eine Falle.
Was für ein Fehlgriff steckt in diesem Gedicht, was für
ein Fehlgriff! Sämtliche Anspielungen in diesem Gedicht
sind mißlungen, kein Funken Wahrheit in diesem Gedicht,
keine Schönheit hinter dem Schleier, nur Worte; Schritte
finden keinen Ausweg, es gibt keine Eingänge und
Ausgänge in diesem Gedicht. Überhaupt sieht man
schlecht in diesem Gedicht, die Luft ist blau vom Dunst
der Eindrücke; ein Nebel handelt nicht – der Mensch
projiziert! In diesem Gedicht erscheinen die Personen
nur noch als ihre häßlichen Attribute: grüne Zähne,
Pickel im Gesicht, Lidrandentzündung etc. Die in
diesem Gedicht verwendete Sprache ist keine Sprache,
die Zeilen sind durcheinander geraten, höchst
widersprüchliche Töne vermengen sich in diesem
Gedicht. Wang Wei legt seine weltlichen Gewohnheiten
ab, Morgenstern arbeitet mit Neologismen, auch Heine
stellt in diesem Gedicht seine Fähigkeit zu dichten
unter Beweis. Wir befinden uns offenbar in jener unreal
city von Eliot, Rimbaud parodiert die Form des Sonetts,
Eichendorff äußert seinen Wunsch, aus dem Spießertum
auszubrechen, immer wieder fällt der Name Shakespeare.
Trakl schildert einen Abend im Herbst, Pasternak malt
das Bild eines Schneegestöbers in einer Neujahrsnacht,
Wallace Stevens marschiert demütig bei der Beerdigung
von Otis Redding mit und hält seinen fetten Mund.
Ginsberg, okay. Aber ehrlich gesagt ist wenig von ihm
in diesem Gedicht. Er sieht nicht aus wie der junge Tom
Waits, kann aber schreiben wie Dylan. Charlie Brown
hat ebenfalls einen Auftritt, angeblich soll er in diesem
Gedicht den Vorgesetzten seines Vaters beleidigt haben.
Es geht noch weiter in diesem Gedicht: wenige Zeilen
später erreicht der Kurier die Höhlen des Veneto, die
Kamine sind schwarz und die Dächer undicht, das
Feuer wärmt nicht mehr.
Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Hrsg. von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 40-42
Derek Walcott
(* 23. Januar 1930 in Castries, St. Lucia; † 17. März 2017 in Gros Islet, St. Lucia)
10. In Italien
II
Er war scheinbar nicht von Belang gewesen, doch ihr Tod
schlug ihn mit Weisheit; nun wuchs ihm Gewicht
zu durch den Schmerz; seine Atemnot,
selbst die sparsamste Geste wirkte tief erschöpft.
Das war es wohl, was sie ihm hinterließ: die unbekannte,
zornige Verzagtheit über seine Ergebung hinaus,
eine Hingabe, tiefer noch als seine Arbeit verlangte,
an eine Schönheit, die so völlig außer Reichweite
schien für den dumpfen Schlag, der sie gespreizt
auf den Schlafzimmerteppich strecken sollte; er fühlte
sich wie verwitwet; sie planten Hochzeit.
Nun lag sie, wie zerzauster Marmor, weiß, klassischer Torso
einer Göttin, deren kurzer Besuch die Welt entzückte.
Aus: Derek Walcott: Weiße Reiher. Gedichte. Deutsch von Werner von Koppenfels. München: Carl Hanser, 2012, S. 51/53
10. In Italy
II
He had seemed negligible but her death
afflicted him with wisdom; now he acquired
authority from pain; you could hear his breath
and the littlest gesture he made was profoundly tired.
Maybe that was what she left him, a strange,
angry diffidence beyond his surrender
and a devotion deeper than his work desired,
for a beauty that had seemed so out of range
of the dull cannon thud that would send her
sprawling on the bedroom carpet; more so
than being merely a widower; they were to be married.
Now she lay white as tousled marble, the classical torso
of a goddess whose brief visit delighted earth.
Ebd. S. 50/52
Wieder mal eine Fundsache aus dem jüngsten Lyrikjahrbuch. Die Gedichte sind dort ohne Verfassernamen abgedruckt. (Über die Seitenzahl kann man ihn aber herausfinden).
Andreas Peters
(Geboren 1958, lebt in Laufen)
Ararat
Für Dan Pagis
Sie torkelten, stampften, tanzten
ins Tal hinab, je 2 & 2, oder zu dritt,
oder ganz allein oder zwischen
den 1000Füßlern, die Sems, Hams, Jafets. Im
Gefolge Schwiegertöchter mit unaussprechlichen Namen,
daher nicht notiert, wie Frau Noach selbst.
Die Flossenschläger aber: Kleine Fische, große Fische,
schwömmen am Bosporus vorbei, unter
dem Regenbogen: Leviathan & Rahab, Refaim,**
all die Meeresungeheuer* (grandes monstruos marinos*),
samt Tarsisschiffen, bar des Logbuchs & ohne Lotsen.
Sie wussten nichts von der Rettung.
** hebr., Schatten der Unterwelt
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling Co., 2024, S. 182
Ich will das Gedicht nicht interpretieren, aber das Wort Leviathan reizt doch zum Innehalten. Ich las es als Kind in der Lutherbibel, man stellt sich – ich stellte mir – etwas Schreckliches vor. Aber wie passt er ins Gedicht? Der Ararat ist bekanntlich der Platz, wo die Arche Noah nach der Sintflut landet. Noah und seine namenlose Frau und die drei Söhne Sem, Ham und Jafet (Japhet) steigen aus und beginnen die Menschheit von vorn – wir alle stammen von diesen drei Männern ab, wer auch immer die Schwiegertöchter war(en) – vermutlich hat Noah die vorsorglich mitgenommen. Mit ihnen steigen auch alle die Tiere aus, aber hat Noah auch den Leviathan und die anderen Meeresungeheuer mit in die Arche genommen? An dieser Stelle werden sie nicht erwähnt. Der Leviathan kommt bei Hiob vor, eine rätselhafte Stelle von den Verfluchern des Tages, die den Leviathan erregen. Ich schlage nach. Die Elberfelder Bibel von 1905 sagt, vielleicht mit einer Anleihe bei Luther: „Verwünschen mögen sie die Verflucher des Tages, die fähig sind, den Leviathan aufzureizen!“ Die Übersetzung von Schlachter 1951 spricht von Drachen, insofern ein wenig fasslicher, aber nur mit dem Fabeltier, der Rest ist eher noch rätselhafter: „Die, so den Tagen Böses losen und imstande sind, den Drachen aufzuwecken, sollen sie verfluchen.“ (Die Stelle ist Hiob 3, 8).
Wie auch immer, Leviathan, Drachen… im modernen Hebräischkurs lernt man: לִוְיָתָן liviatan: der Wal. Der wird bestimmt in der Arche gewesen sein: Noah, der Walfänger. 🙂 (Ketzerischer Gedanke: Vielleicht haben Luther und seine Nachfolger die Stelle auch nicht so genau verstanden?)
Zurück zu unserem Gedicht. Was ist mit Refaim? Meine Bibelkonkordanz kennt nur die Ebene Rephaim an diversen Stellen des Alten Testaments, zum Beispiel 1. Chronik 11, 15. Und Rahab? Noch schwieriger: eine Rahab kommt an diversen Stellen als „die Hure Rahab“ vor.* (Da ich beim Ketzern war: war die auch auf der Arche? Auweia.) Ich hab ja gesagt, ich will es nicht interpretieren. Aber ein bissel herumspielen ist auch schon was. Das Gedicht lädt dazu ein.
*) Aber da ist es doch, das mythische Seeungeheuer.
Der griechische Dichter Michalis Ganas ist gestern im Alter von 80 Jahren in Athen gestorben.
Er arbeitete als Buchhändler, als Redakteur von Fernseh- und Radiosendungen und als Texter. Viele seiner Gedichte wurden von bedeutenden griechischen und ausländischen Komponisten wie Mikis Theodorakis, Thanasis Gaiphyllias, Dimitris Papadimitriou, Nikos Xydakis, George Hatzinassios, Ara Dinkjian usw. vertont. 1994 erhielt er für sein Werk Paralogis den 2. Staatspreis für Lyrik und 2011 erhielt er den Preis der Akademie für sein dichterisches Gesamtwerk.
Wikipedia (Griechisch) https://el.wikipedia.org/wiki/Μιχάλης_Γκανάς
Das Blau, das dich umgibt
Das Blau, das dich umgibt,
ist die Asche
der verbrannten Zeit.
Ein Wind kommt auf,
bringt Photos und Hefte
aus früheren Jahren.
Da lachst du, da schweigst du,
eine Aufnahme von dir mit Blitz,
du hast eine schwarze Aura.
Das Blau, das dich umgibt,
ist das Licht,
das der Tod verdrängt.
Niemand kann es sehen.
Und doch ist es da.
Und nimmt zu.
Aus dem Griechischen von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Mehr bei editionmetafrasi.de https://editionmetafrasi.de/wp-content/uploads/2024/08/ganas.pdf
Το μπλε που σε τυλίγει
Το μπλε που σε τυλίγει
είναι η στάχτη
του καμένου χρόνου.
Φυσάει ένας αέρας,
φέρνει φωτογραφίες και τετράδια.
Από τα κάτω χρόνια.
Εδώ γελάς, εδώ σωπαίνεις,
εδώ σας πήρανε με φλας
φοράς το μαύρο φωτοστέφανο.
Το μπλε που σε τυλίγει
είναι το φως
που εκτοπίζει ο θάνατος.
Κανένας δεν το βλέπει.
Κι όμως υπάρχει
και πληθαίνει.
Lexikalischer Nachtrag
Von Michalis Ganas gibt es nur zwei Wikipediaseiten, Griechisch und Russisch. Es gibt gleich ein Lehrbeispiel für kritische Mediennutzung. Die griechische Version gibt die Lebensdaten so an:
Ο Μιχάλης Γκανάς (Τσαμαντάς Θεσπρωτίας, 17 Ιανουαρίου 1944 – Αθήνα, 12 Νοεμβρίου 2024)
17. Januar 1944 in Tsamadas Thesprotias – 12. November 2024 in Athen
Die russische Version (sind das nun alternative Fakten?):
Михалис Ганас (греч. Μιχάλης Γκανάς; 8 ноября 1944 — 12 ноября 2024, Афины)
8. November 1944 – 12. November 2024 Athen.
Der Dichter Klamer Eberhard Schmidt (1746-1824) ist längst vergessen, aber eins seiner Gedichte wird bis heute vielleicht nicht im Schulunterricht oder in Literatursalons, aber in Konzertsälen vorgetragen – in der Vertonung durch Mozart. Der Dichter über sein Gedicht.
Klamer Eberhard Karl Schmidt
(Geboren am 29. Dezember 1746 in Halberstadt; gestorben laut Wikipedia am 8. Januar 1824, nach Meyers Konversationslexikon von 1909 aber am 12. November, heute vor 200 Jahren, ebenda)
„Das Lied von der Trennung hat bei seiner ersten Erscheinung mehr Leser gefunden, als es, incorrect, überladen mit Tändeleien der Liebe, wie’s damals war, wirklich verdiente. Herr Kosegarten sang ein schönes Gegenlied darauf… Mehrere Tonkünstler, Mozart darunter, würdigten, es in Musik zu setzen. Briefe voll unverdienten Beifalls empfing ich darüber; und, was ich zuerst hätte sagen sollen, es erwarb und bestätigte mir Elisas [Elisa von der Recke (1754-1833)] und Bodes [Johann Joachim Christoph Bode (1731-1793)] unvergessliche Freundschaft. Alles das zusammengenommen befeuerte mich für diese kleine Dichtung mit einer Art von Vorliebe. Ich legte noch einmal die Feile daran, und versuchte durch drei kleine Schlussstrophen dem Ganzen jenen Geist der Versöhnung und des Friedens mitzuteilen, der bei der ersten Bekanntwerdung von einigen Kennern vermisst wurde.“
Göttinger Musenalmanach 1798
Hier die ersten drei Strophen zum Mitlesen:
Trennungslied
Die Engel Gottes weinen,
wo Liebende sich trennen,
wie werd ich leben können,
o Mädchen, ohne dich?
Ein Fremdling allen Freuden,
leb ich fortan dem Leiden!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Im Wachen und im Traume,
werd ich Luisa nennen;
den Namen zu bekennen,
sei Gottesdienst für mich;
ihn nennen und ihn loben
werd ich vor Gott noch droben.
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Ich kann sie nicht vergessen,
an allen, allen Enden
verfolgt von ihren Händen
ein Druck der Liebe mich.
Ich zittre, sie zu fassen,
und finde mich verlassen!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Noch ein vielleicht aufschlussreiches Zitat aus der Allgemeinen Deutschen Biographie / Deutsche Biographie. Aufschlussreich in mehr als einer Beziehung: früher Ruhm bei den Zeitgenossen, anscheinend erfüllte er aber die hohen Erwartungen nicht, vielleicht auch nur, weil er in Halberstadt blieb? Dann kommen noch die Verwandten ins Spiel, die nach seinem Tod festschreiben, es habe ihm an „Willenskraft“ gefehlt – mit einer interessanten Begründung.
Man glaubte in S. bald nach einander einen Petrarka, einen Catull und zuletzt noch einen Horaz zu erhalten. Im ganzen aber entsprachen die späteren Leistungen nicht den anfänglich erregten Erwartungen. Sein Verbleiben in Halberstadt trug vielleicht dazu bei. Seine Verwandten sprechen ihm in der von ihnen seinen Werken beigegebenen Biographie eine bedeutende Willenskraft ab und geben als Grund hierfür seine poetischen Anlagen an.
https://www.deutsche-biographie.de/pnd10026705X.html#adbcontent
Übrigens auch Beethoven hat eins seiner Gedichte vertont. – Hier mehr über Gedicht und Lied: https://www.zhub.de/pdf/6503.pdf
Der Schriftsteller Jürgen Becker ist am 7. November im Alter von 92 Jahren in Köln gestorben. Ich lernte ihn zuerst im Studium in den 1970ern als Prosaautor schätzen. Die „Gesammelten Gedichte“ von 1971-2022 umfassen 1120 Seiten. Hier ein Gedicht daraus als kleines Gedenkblatt.
Unterwegs ins nächste Leben
wir müssen bald gehen
draußen die Äste lassen keinen Zweifel
die Wärme in den Mauern trügt
es war ein schönes Hin und Her im Sommer
das Haus stand offen
wir atmeten sorglos
ich hörte dich kommen und dachte an nichts
vorläufig heißt es
unwiderruflich
und niemand will es so wie es kommt
die Hoffnung lassen wir hier
den Eimer lassen wir stehen
Aus: Jürgen Becker, Gesammelte Gedichte 1971-2022. Mit einem Nachwort von Marion Poschmann. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 359
Ein Gedicht von Rosa von Praunheim, das er bei seiner Poetikvorlesung in Leipzig vortrug und kommentierte.
Immer gehe ich zu derselben Frau
Sage guten Tag
Und spucke sie an
Sie spuckt zurück
Und wir gehen froh auseinander
Was sagt uns das?
Das Anspucken ist ja zum ersten eine Beleidigung, eine Missachtung, eine Erniedrigung, die sich hier umwandelt zu einer positiven Handlung. Steckt dahinter eine sexuelle Befriedigung oder ist es ganz einfach ein Trick, den beschwerlichen Alltag besser zu bewältigen.
Aus: Neue Rundschau 2022/1, S. 154
Filmemachen, Gedichteschreiben, Malen und Zeichnen ist für mich wie Eierlegen. Es sprudelt nur so aus mir raus, und heute kann jeder mit dem Handy selbst Filme drehen und auch schneiden, ohne Geld.
Was Mann oder Frau braucht, sind Phantasie und der Wille zur Kunst.
Ebd. S. 160
Heute vor 80 Jahren, oder ein paar Tage früher, wurde der ungarische Dichter Miklós Radnóti auf einem Todesmarsch von deutschen Bewachern erschossen. Er hatte die Szene Tage vorher beiläufig beschrieben. Du fällst auf dem Marsch vor Entkräftung um und wirst erschossen. Die letzten Gedichte fand man blutverschmiert bei der Leiche. Drei Gedichte aus dem letzten Zyklus „Ansichtskarten“. Wie klingt die deutsche Sprache für Häftlinge auf dem Todesmarsch? Im Gedicht 4 steht zwischen den ungarischen Versen ein deutscher Satz, gebrüllt von einem SS-Aufseher, bevor er den Häftling erschießt: „DER SPRINGT NOCH AUF!“
Miklós Radnóti
(geboren am 5. Mai 1909 in Budapest; gestorben am 4. November oder 9. November 1944 bei Abda nahe Győr)
RAZGLEDNICÁK
2
Kilenc kilométerre innen égnek
a kazlak és a házak,
s a rétek szélein megülve némán
riadt pórok pipáznak.
Itt még vizet fodroz a tóra lépő
apró pásztorleány
s felhőt iszik a vízre ráhajolva
a fodros birkanyáj.
Cservenka,1944. október 6.
3
Az ökrök száján véres nyál csorog,
az emberek mind véreset vizelnek,
a század bűzös, vad csomókban áll.
Fölöttünk fú a förtelmes halál.
Mohács,1944. október 24.
4
Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf,* – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.
Szentkirályszabadja,1944. október 31.
*) Még felugrik (német).
2
Neun Kilometer von hier flammt von Häusern und Schobern
ein roter Schein.
Verstörte Bauern rauchen stumm ihre Pfeife
am Wiesenrain.
Hier wird noch gekräuselt der Weiher vom Fuße der Hirtin
die in sein Glitzern tritt
und mit dem Wasser trinkt ihre lockige Herde
ein Lämmerwölkchen mit.
Cservenka, 6. Oktober 1944
3
Vom Maul des Ochsen tropfen Blut und Speichel,
die Menschen urinieren alle Blut.
In Knäueln stinkend steht die Kompanie
und über uns der Tod heult wie ein Vieh.
Mohács, 24. Oktober 1944
4
Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.
Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944
Anm. „Der springt noch auf" in der vorletzten Zeile im Original deutsch.
Deutsch von Franz Fühmann, aus: Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 90f.
John Milton
(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674, heute vor 350 Jahren, in Bunhill bei London)
Auf seine abgeschiedene Gemahlin
Mir war, als säh mein seliges Gemahl
Ich heimkehrn, wie Alkestis aus dem Grab,
Die Jovis Sohn dem frohen Gatten gab,
Dem Tod mit Macht entrafft, doch schwach und fahl.
Wie eine, der des Kindbetts Fleckenmal
Alten Gesetzes Reinigung getilgt,
Und wie sie einstmals mein erstandener Blick
Gänzlich zu sehen hofft im Himmelssaal,
So kam sie, ganz in Weiß, rein wie ihr Sinn.
Verhüllt die Züge; doch der Traumsicht zeigte
Sie soviel Lieb und Güte – niemals schien
Ein Antlitz heller. Dann, als sie sich neigte,
Um mich zu küssen, ach! bin ich erwacht,
Sie schwand, und Tag schlug wieder mich in Nacht.
Deutsch von Hans Feist, bearbeitet von den Herausgebern der Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung 1. Von Chaucer bis Milton. Hrsg. Friedhelm Kemp und Werner von Koppenfels. München: C.H. Beck. 2000, S. 437
Sonnet XXIII. On His Deceased Wife
Methought I saw my late espousèd Saint
Brought to me like Alcestus from the grave,
Who Jove's great Son to her glad Husband gave,
Rescu'd from death by force though pale and faint.
Mine as whom washt from spot of child-bed taint
Purification in the old Law did save,
And such as yet once more I trust to have
Full sight of her in Heav'n without restraint,
Came vested all in white, pure as her mind:
Her face was veil'd, yet to my fancied sight
Love, sweetness, goodness in her person shin'd
So clear, as in no face with more delight.
But O as to embrace me she enclin'd
I wak'd, she fled, and day brought back my night.
Heute vor 80 Jahren wurde die jüdische Widerstandskämpferin Hannah Senesch (חנה סנש) in Budapest hingerichtet. Sie wurde als Anikó Szenes am 17. Juli 1921 in Budapest geboren. Nach dem Schulabschluss wanderte sie nach dem britischen Mandatsgebiet Palästina aus. Sie ließ sich von den Briten zu einer Fallschirmmission in ihre Heimat schicken, um britische Gefangene zu befreien und Juden zur Flucht zu verhelfen. Sie wurde gefangen, gefoltert und hingerichtet. In ihrem Nachlass fand man hebräische und ungarische Gedichte. Der Nachlass liegt heute in der israelischen Nationalbibliothek. Sie gilt als Nationalheldin, ihre sterblichen Überreste wurden nach Israel gebracht und in Jerusalem bestattet. In dem Kibbuz, in dem sie eine Zeit lebte, gibt es eine Gedenkstätte. Ihr Lied „Zu Fuß nach Cäsarea“, bekannt nach den Anfangsworten „Eli, eli“ (Mein Gott, mein Gott) ist sehr populär. Hier der Originaltext und verschiedene Versionen.
Hannah Senesch (Senesh, Szenes)
eli, schelo jigamer leolam
hachol vehajam
rischrusch schel hamajim
berak haschamajim
tefilat ha-adam.
אלי, שלא יגמר לעולם
החול והים
רשרוש של המים
ברק השמים
תפילת האדם
Quelle siehe erstes Bild. Die Auswahl von Gedichten und Tagebuchnotizen hat den Anfang des Gedichts als Titel.
Meine Übersetzung (ohne den Reim des Originals: aabba):
Ich gehe nach Cäsarea
Mein Gott, dass niemals ende
der Sand und das Meer
das Rauschen des Wassers,
das Licht des Himmels,
das Gebet des Menschen.
24.11.1942, Cäsarea
Google-Übersetzung:
Eli*,
das wird niemals enden
Der Sand und das Meer
Rauschen des Wassers
das Licht des Himmels
Das Gebet des Menschen
*) In der postumen Vertonung wird der Anruf Eli (mein Gott) wiederholt. – Andere Googleübersetzung:
Für mich wird die Welt
des Sandes und des Meeres,
das Rauschen des Wassers,
die Blitze des Himmels,
das Gebet der Menschen
niemals enden.

Englische Version von der Seite der Hannah-Senesh-Stiftung:
Walk to Caesarea
(Caesarea 1942)
God – may there be no end
To sea, to sand,
Water's splash,
Lightning's flash,
The prayer of man


Cia Rinne ist eine Autorin und Künstlerin, die in Göteborg geboren wurde, in Deutschland aufwuchs und lebt und finnlandschwedische Wurzeln hat, lese ich. Warum nicht zum heutigen „Tag des finnlandschwedischen Erbes“ ein Gedicht einer lebenden Dichterin? Bei Lyrikline kann man Gedichte von ihr auf Englisch und Französisch hören und lesen und dazu dies auf Deutsch.

Georg Leß
gegen die Öffentlichkeit
auf Marktplätzen wurden ihre Gedichte
bearbeitet mit glühenden Gedichten, mit geschmolzenen Gedichten
gehängt in massiven Gedichten
an hoch aufragende Gedichte, schreckte einige von etwas ab
sind echte Gedichte da drin? fragt blinzelnd ein Kind sich am Markttag
Die Jury des Dresdner Lyrikpreises ließ sich nicht abschrecken. Gestern wurde bekannt, dass der Preis von € 15.000 zu gleichen Teilen an den deutschen Dichter Georg Leß und den tschechischen Dichter Petr Borkovec geht. Wir gratulieren!
Über Leß heißt es, er
… betreibt eine poetische Strategie der verblüffenden Zusammenhänge. Mit großer Kühnheit versetzt er die Wörter und Bedeutungen in das beinahe grausame Märchen der unzuverlässigen Wahrnehmung. Er ist großer Liebhaber von Horrorfilmen. Motive überlagern sich; nie ist es das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. In seinen Texten sorgen kalkulierte Bildbrüche immer wieder für produktive Unruhe und für einen ganz eigenen Humor. Mit jedem seiner Bücher – darunter die Gedichtbände Schlachtgewicht (2013), Hohlhandmusikalität (2019) und die Nacht der Hungerputten (2023) überrascht er in neuer Weise. „Mit jeder Silbe/ein anderer werden“ heißt es einmal und das gelingt ihm wie keinem zweiten. Georg Leß gilt als einer der eigenwilligsten Dichter seiner Generation.
https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2024/11/pm_006.php
Unser Gedicht des Tages ist aus: Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2019, S. 43
Ilse Kilic
(Geboren 1958 in Wien)
leben in der beschädigten welt
jetzt versagt mir die sprache die hilfe,
die worte sind grau wie die tauben,
die ihr nest vergeblich behüten.
ich gurre, ich schnurre,
ich knurre und murre:
ich senke den blick.
hinter meinen ohren stehen ratschläge,
vermutlich selbst geschrieben.
ich kann sie nicht lesen.
ich tippe und wippe,
ich spitze die lippe:
das pfeifen will nicht gelingen.
was auf der hand liegt will nicht aufs papier.
was auf der zunge liegt, brennt.
kann ich den füßen vertrauen? ich gehe.
ich stehe, ich drehe,
ich flehe, verstehe:
leben in der beschädigten welt.
Aus: Versnetze_zwölf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2019, S. 321
Stefan Brecht
(* 3. November 1924, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 13. April 2009 in New York)
AN DIESEM 25. AUGUST
in meinem 30. Lebensjahr,
über die Göttlichkeit der Natur
im Sinne Hegels schreibend,
habe ich nicht ganz 2 Dollar.
Mein Essen stehle ich,
die Miete schulde ich,
und für unabwendbare Ausgaben
pumpe ich meine Freunde an.
Vor allem möchte ich sauber bleiben.
Ich habe noch ein Flugzeugbillett nach Europa.
Ich werde es vermutlich einkassieren.
Aus: Stefan Brecht, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 9
Willi van Hengel

Der Autor wurde 1963 in Heinsberg-Oberbruch geboren und lebt in Berlin. Seine Gedichte nennt er Wunderblöcke (Lyrische Miniaturprosa mit Zeichnungen, ISBN: 978-3-940756-96-1, Schweinfurt 2010). Dieses Gedicht ist zurzeit im „Wunderblock-Projekt“ Die schöne Abneigung in der Brotfabrik-Galerie zu Berlin-Weißensee zu sehen.
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