Helmuth Frauendorfer †

Helmuth Frauendorfer

(* 5. Juni 1959 in Voiteg, Banat, Rumänien; † 2. Dezember 2024 in Fürth) 

Lage(r) bericht 86. Pitești

Kein Verwandter hat mich je
zu seinem Erben erklärt.
Keinem noch mußt ich
die Hinterlassenschaft verwalten.

Und jetzt,
Zuspätgeborner, Hinein-
und gleich wieder Hinweg-
geborner,

stehst du auf der Wiese des Exils.
Mappen unterm Arm, ausgesetzt
den Winden, die an deinen Kleidern
nicht zerrn; aber in Kopf & Brust,

deinem Exil.

Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam Leipzig, 1993, S. 150.

Ghettolied

Hugo Zuckermann

(geboren 15. Mai 1881 in Eger, Österreich-Ungarn; gestorben 23. Dezember 1914 in Eger)

GHETTOLIEDCHEN

RACHEL, o Rachel, die Welt ist so schön;
Rachel, sag', hast du die Welt schon geseh'n?
Rot blüht der Rosenstrauch, grün ist der Klee,
Blau sind die Veilchen auf blumiger Höh',
Weiß auch den Fleck, wo die prächtigsten steh'n.
Rachel, o Rachel, die Welt ist so schön!

Rachel, o Rachel, die Welt ist so weit,
Trägt jetzt auch selber ein bräutliches Kleid.
Hier ist's so düster, so kalt und so eng,
Mutter ist tot, und der Vater ist streng.
Draußen ist Frühling, ist Platz für uns beid'.
Rachel, o Rachel, die Welt ist so weit!

Aus: Hugo Zuckermann, Gedichte. Wien und Berlin: Löwit, 1919, S. 19

Bis die Urmusik hervorspringt

Hendrik Jackson

Im Licht der Prophezeiungen V

Kratzt euch am Schädel mit feiner Nadel, bis die Urmusik hervor-
springt. Müdigkeit kam nicht mehr auf. im Lichte der Wetter-
vorhersagen eine übermäßige Gespanntheit, umkippend in Schlaf,
Benommenheit und eine Handvoll alter, stolzer Verse. Vorwärts-
tasten am Schädel, aufscheuchend. drückt zuversichtlich Kolibris
an die Brust, seht, was niemand sah ... die immergleichen Wege zum
See, die nachttrüben Fahrten ins Waldige, Flugkurven berechnend,
Lokomotivqualm verwünschend.

bei ihrem Absinken wurden höhere Luftschichten mehrfach hin und
her verfrachtet. grau-gelbe Lichttönung der Wolkenschlieren, wie
Sandstein geschichtet, an den Rändern fransig, darunter Masten
ins All gestakt, fernhin. Turbulenzen machten euch vorübergehend
schlucken – und glücklich fast, dass aus allem gleich Sentiment
würde – die befremdlichen Eltern.
ins Halbdunkle brach --- (noch nicht!) Traumgang durch die Berge.
schweife Krummsäbel durchschneiden die Luft, ein hohes Sirren.
(Aphasie)

Aus: Hendrik Jackson, Im Licht der Prophezeiungen. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2012, S. 11

Klings Wolkenstein

Der Dichtersänger Oswald von Wolkenstein (* 1377 – † 2. August 1445) begegnet mehrmals im Werk des Dichters Thomas Kling. Im Band „Fernhandel“ (Köln: DuMont 1999) stehen drei 1997/98 entstandene Gedichte.

Thomas Kling 

(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen) 

Oswald von Wolkenstein sieht sich

Ein hoher rang ward für mich auserwählt:
untergraf von Türkei;
genügend leute gabs, die meinten
ich sei ein oriental'scher adeliger gewesen.
ein maurisches gewand, rot von gold,
ein kostbares, gab mir könig Sigmund,
in dem ich mich bestens zeigen konnt
und arabisch sang und tanzte.
Wolkenstein sieht Paris

In Paris: viel tausend menschen
in den häusern, gassen, straßen,
kinder, frauen und männer – dichtes gewirr –
standen gedrängt in reihen spalier;
die sahen sich alle könig Sigmund an,
den verdienten römischen mann
und nannten mich einfaltspinsel
in meiner narrenkappe.
Wolkenstein sieht Heidelberg

Nach Heidelberg reit ich zu meinem mächtigen herrn.
fünf kurfürsten, junge-junge, würd ich da vorfinden: von Köln,
Mainz und Trier, die drei bischöfe, hohe repräsentanten,
pfalzgraf bei Rhein, markgraf v. Brandenburg – so leute halt.
Ich hoch auf den Berg, ins zentrum rein, bis vor die tür
von herzog Ludwig, den ich vor allen andren fürsten schätz wg.
seinem charakter, seiner göttlichen freigebigkeit. kam durch zu ihm:
besten wein hat er mir versprochen.
Sofort mußt ich auftreten, voller sound, stück auf stück.
das ende vom lied: in seine suite wurd ich zur übernachtung
einquartiert. fand ich prima. so ein geschenk und
solche ehre!, haben meine freunde nie sich einfalln lassen.
Mit mantel und sakko wurd ich puppenmäßig angezogen:
füchse und marder ersetzen mir den reiseloden.
ein pelzgefütterter hut kam mir aufs haar geflogen –
was er mir riet? mußt ich schwörn für mich zu behalten.

Aus: Thomas Kling: Gedichte 1992-1999 (Werke 2) Hrsg. Peer Trilcke. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 330f

Diotima an Bellarmin

Barbara Köhler 

(* 11. April 1959 in Burgstädt; † 8. Januar 2021 in Mülheim an der Ruhr) 

Anrede zwo: Diotima an Bellarmin

Ein Ende ist besser als gar kein Anfang.
Russisches Roulette spielen mit einer Platzpatrone und Himbeersirup an der Schläfe. Oder den neuen Text zum alten Lied: Diotima oder Die wahre Liebe verreckt.
Sprich nicht weiter. Euch dieses Gejammer in den Hals zurück zu stopfen wäre eine Auferstehung wert.
Manchmal treffe ich einen stumm und heiß und ich erfahre wieder nur mich. Sprache, fremd: Du sagen und gehört werden. Liebes. Neutral bleiben. Und vielleicht meine ich auch eine Frau, Augen voller Dunkel. Und vielleicht sollte das aufhören: Wörter wie Mann und Frau einander vorzuwerfen.
Sprache Ohneland. Deutsches Roulette endet mit Rien ne va plus.
Sprich weiter. Woran sich halten.
Aneinander nunja; wenig genug sind wir. Sogar dieser Plural eine Hypothese. Immerhin: in meiner Handschrift erkenne ich die Züge von anderen. Selbst Briefe tippe ich mit der Maschine: lesbar.
Lebbar, das auch.
Sprich weiter

April 1985

Aus: Barbara Köhler: Deutsches Roulette. Gedichte. 1984-1989. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 12

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid

Gertrud Kolmar 

(geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; ermordet Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Dichterin

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
»Dies wird nicht sein.« Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: »Du ...«

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau',
Mit Silberketten, Seiden, blaubesternt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. –

Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinen Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage: »Du ...« und immer: »Du und ich.«

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.

So steh' ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf' ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.

Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?

Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003. 3 Bd. im Schober. Bd.: Gedichte 1927-1937, S. 89f. – Erstdruck: Die Frau und die Tiere. Berlin: Jüdischer Buchverlag Erwin Löwe, 1938. Erster Raum, S. 7f

Breyten Breytenbach gestorben

Breyten Breytenbach (* 16. September 1939 in Bonnievale, Südafrikanische Union; † 24. November 2024 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Maler und Anti-Apartheid-Aktivist südafrikanischer Herkunft. https://de.wikipedia.org/wiki/Breyten_Breytenbach

Flügel verbrannt

wenn du an dein Land denkst
siehst du
Flechten und eine Brille; einen alten Hund voller Blut;
und ein Pferd ersoffen im Fluß; einen Feuerberg;
einen Raum mit zwei zahnlosen Menschen im Bett;
dunkle Feigen auf dem Sand; einen Weg, Pappeln,
Haus, Blau, Wolkenschiffe;
Schilfrohr; ein Telefon;
siehst du

wenn du an dein Land denkst,
siehst du
wir müssen stark sein; Eingeweide voller Krater und Fliegen;
der Berg ist ein Schlachthof ohne Mauern;
über den tausend Hügeln von Natal
die Fäuste der Krieger wie Fahnen;
Gefangene liegen im Schlamm: siehst du
Minen, aus denen Sklaven hervorquellen; der Regen
steht prasselnd in der Höhe wie Funken über dem Abend;
im Schilfrohr verfault das Skelett des Zwerges

wenn du an dein Land denkst
ist das die Evakuierung allen Denkens;
wenn die Luft draußen rein ist, reißt du die Fenster auf,
siehst du, daß die Sterne Pfeile ins Nichts sind;
hörst du, leise wie Getuschel, hörst du?
«wir sind das Volk. wir sind schwarz, aber wir schlafen nicht.
wir lauschen im Finstern, wie die Diebe in den Bäumen fressen.

wir lauschen unserer Kraft, die sie nicht kennen können. wir
lauschen
dem Herzen unseres Atems. wir hören, wie die Sonne
hinter dem Schilfrohr der Nacht zittert. wir warten, bis
die Fresser faul und gesättigt von den Ästen fallen –
einen Fresser wird man an seinen Früchten erkennen –
oder wir werden den Schweinen auf den Bäumen das Klettern
beibringen.»

Aus dem Afrikaans von Rosi Bussink. Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 303f

Vlerkbrand

wanneer jy dink aan jou land
sien jy
vlegsels en'in bril; 'in ou hond vol bloed;
en 'n perd versuip in die rivier;
'n berg met vuur;
'n ruimte met twee mense sonder tande in die bed;
donker vyge teen die sand; 'n pad, populiere,
huis, blou, wolkskepe;
riete; 'n telefoon;
sien jy

wanneer jy dink aan jou land
sien jy
ons moet sterk wees; binnegoed vol kraters en vlieë;
die berg is'n slaghuis sonder mure;
oor die duisend heu-wels van Natal
die vuiste van die krygers soos vaandels;
gevangenes lê in die modder: sien jy
myne waaruit slawe peul; die reën
is knetterend hoog soos vonke bo teen die aand;
tussen die riete vrot die skelet van die dwerg

wanneer jy dink aan jou land
is dit die evakuasie van alle denke;
as dit suiwer is buite gooi jy die vensters oop,
sien jy die sterre is pyle in die niet;
hoor jy, klein soos 'n gerug, hoor jy?
‹ons is die volk. ons is swart, maar ons slaap nie.
ons luister in die donker hoe vreet die diewe in die bome.
ons luister na ons krag wat
hulle nie kan ken nie. ons luister
na die hart van ons asem. ons hoor die son
bewe agter die nag se riete. ons wag totdat
die vreters vrot en versa-dig uit die takke val -
'n vreter sal aan sy vrugte geken word -
of ons sal die varke in die bome leer klim.›

Ebd.

Künstlergedichte

Im Bremer Nachlass des Bildhauers und Grafikers Gerhard Marcks befinden sich auch zwei schmale Bände mit Kurzgedichten und Aphorismen, aus denen 1984 eine Auswahl veröffentlicht wurde. Darunter sind Aphorismen und Epigramme zur Kunst:

DAS Schöne ist nicht auch das Verständliche;
Romantik ist die Liebe zum Unverständlichen im Schönen.
BUSCHMANN zeichnete ein Bild
auf den Stein und starb.
Sonne ging auf und unter
viele viele Mal.
Toten Buschmanns Lust
lacht noch heut uns an.
Sonne geht auf und unter.

1962

Gerhard Marcks: Gedichte. Ausgewählt von Martina Rudloff mit einem Nachwort von Günter Busch. Bremen: Gerhard Marcks Stiftung, 1984, S. 13 und 12.

und zum Leben

DICH nimm nicht allzu wichtig:
selbstisch ist nichtig!
Sei nur der Welt gewillt,
sie ist dein Spiegelbild!

1947

(Ebd. S. 131)

Lyrisches

SCHNEEHARSCH kracht unter meinem Schritt
der runde Mond hängt zwischen kahlen Bäumen
laut ruft im leeren Raum der Kauz.
Gestorbne Nacht und ungeborner Tag.

1969

(Ebd. S. 114)

Philosophisches

EIN Kuhklacks fiel aufs Gras — das schreit:
Ich bin verloren in Ewigkeit!
Der hohe Baum daneben spricht:
Sei still! dir fehlt die Übersicht!

(Ebd. S. 125)

und die Lust am Herumblödeln (wenn Sie’s vornehmer wollen, sagen Sie Nonsens) fehlt auch nicht:

DRACHE steige
dumme Schnur
hindert nur,
flöge leicht,
flöge frei!
Schnur entzwei:
Drache fliegt,
Drache fällt
und zerschellt;
Drache liegt.

1954

(Ebd. S. 34)

Gerhard Marcks, Kölner Totenmal vor der Kirche St. Maria im Kapitol

könnte ich

Doris Runge 

(* 15. Juli 1943 in Carlow)

könnte ich

den zorn halten
ihn einspannen
wie einen ochsen
ich würde
das brachliegende
tiefstumme
weiße
papier
aufreißen
wind säen
schwarze lettern
zerbrechen
aus den bindungen
reißen
könnte ich den zorn halten
ich würde
wehrwölfig umgehen
in unheiligen nächten

hört ihr das heulen röcheln reißen
riecht ihr das warm verschüttete
seht ich bin auf die pfoten gesprungen

könnte ich den zorn halten
ich vollbrächte
ein äußerstes
ich finge die silberne kugel
aufrecht

Aus: Doris Runge, zwischen tür und engel. Gesammelte Gedichte. Gesammelt und mit einem Nachwort von Heinrich Detering. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2013, S. 213

Nina Cassian (1924-2014)

Dieser Tage war auch der 100. Geburtstag der rumänischen Lyrikerin Nina Cassian (geb. 27. November 1924 in Galați, gest. 15. April 2014 in New York City).

DIE VERSUCHUNG

Ich verspreche dir, dich lebendiger zu machen, als du
jemals warst.
Zum ersten Male wirst du sehen, daß deine Poren
sich wie Fischmäuler öffnen, und du wirst
dem Rauschen deines Blutes in den Adern lauschen können.
Du wirst das Entstehen des Lichtes auf deiner Netzhaut
fühlen,
gleich der Schleppe eines Prunkkleides. Zum ersten Male
wirst du den Stich der Gravitation wahrnehmen,
wie einen Dorn in deiner Ferse.
Die Schulterblätter werden dir
durch den Imperativ der Flügel schmerzen.
Ich verspreche dir, dich so lebendig zu machen,
daß dich der Staubfall auf den Möbeln taub machen wird.
Du sollst deine Augenbrauen spüren wie zwei
aufbrechende Wunden,
und deine Erinnerung soll dir scheinen,
als hätte sie begonnen
mit dem Anfang der Welt.

Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Poesiealbum 55. Nina Cassian. Berlin: Neues Leben, 1972, S. 3.

Dennis Brutus 100

Dennis Vincent Brutus (* 28. November 1924 in Salisbury, Südrhodesien (jetzt Harare, Simbabwe); † 26. Dezember 2009 in Kapstadt) war ein südafrikanischer Dichter und ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die Apartheid. / https://de.wikipedia.org/wiki/Dennis_Brutus

Ich erinnerte mich an diesem ruhigen 
Sonntagnachmittag,

auf die Villen und Plätze blickend,
wie Freund Federico Lorca starb.

Vom Gefängnisfenster konnte ich sehn
eine Rokokokirche und den Platz mit wogendem Gras
und ferner, die Prunkfassade der Stierkampfarena.

Oberhalb die harte helle Himmelsbläue,
gemischt aus dem tropischen Licht und der Salzluft der See
und Palmen wogten in der tropischen Fülle der Blumen.

Hibiskus und Wistaria ganz besonders
und als wir fuhren, wehte ins Gefängnisauto
der Duft von Wildorangen und von Flieder.

Und irgendwas, es kann Jasminparfüm gewesen sein.
Und an dem reifenden Nachmittag dieses Sonntags
dachte ich daran, wie der Dichter Lorca starb.

Übertragen von Heinz Kahlau, aus: Poesiealbum 171. Dennis Brutus. Berlin: Neues Leben, 1981, S. 27

Wir sprechen miteinander, seit wann?

Pedro Salinas

(* 27. November 1891 in Madrid; † 4. Dezember 1951 in Boston)

Wir sprechen miteinander, seit wann?
Wer fing an? Ich weiß nicht.
Am Tage, meine Fragen;
dunkel, weit und schweifend
deine Antworten: nachts.
Aneinandergefügt
bilden sie die Welt, die Zeit
für dich und für mich.
Mein Fragen mit dem Licht
im Nichts vergehend,
still,
damit du Antwort geben kannst
mit zweideutigen Sternen;
dann, neugeboren
mit dem Morgen, zum Staunen bereit
für Neues, begierig,
dasselbe zu fragen,
wonach ich gestern gefragt,
worauf die Nacht, gestirnt,
nur halbwegs geantwortet.
Die Jahre und das Leben,
welch beengtes Zwiegespräch!

Und dennoch,
fast alles ungesagt.
Und wenn wir getrennt werden
und einander schon nicht mehr hören,
werd ich noch zu dir sagen:
»Wie früh!
So vieles zu sagen, und so vieles
zu sagen noch vor uns!«

Deutsch von Gustav Siebenmann, aus: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Spanisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2003 5., überarb. u. erw. Aufl.), S. 163

¿Hablamos, desde cuándo?
¿Quién empezó? No sé.
Los días, mis preguntas;
oscuras, anchas, vagas
tus respuestas: las noches.
Juntándose una a otra
forman el mundo, el tiempo
para ti y para mí.
Mi preguntar hundiéndose
con la luz en la nada,
callado,
para que tú respondas
con estrellas equívocas;
luego, recién naciéndose
con el alba, asombroso
de novedad, de ansia
de preguntar lo mismo
que preguntaba ayer,
que respondió la noche
a medias, estrellada.
Los años y la vida,
¡qué diálogo angustiado!

Y sin embargo,
por decir casi todo.
Y cuando nos separen
y ya no nos oigamos,
te diré todavía:
«¡Qué pronto!
¡Tanto que hablar, y tanto
que nos quedaba aún!»

Aus: La voz a ti debida, 1934

Urs Allemann †

Der Schweizer Autor Urs Allemann ist am Sonntag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Goslar/D gestorben. Das teilte seine Witwe Christiane Allemann am Montag mit. Erst vor wenigen Monaten wurde Urs Allemann der mit EUR 15.000 dotierte Erich Fried Preis 2024 vom alleinigen Juror Ulf Stolterfoht zuerkannt.

Aus traurigem Anlass wird die Verleihung des Erich Fried Preises 2024 am 30.11.2024 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Wien nun auch eine Gedenkveranstaltung sein, bei der die SchauspielerinJohanna Orsini Allemann-Texte lesen und Fried Preis Juror 2024 Ulf Stolterfoht eine Rede halten wird. https://www.literaturhaus-wien.at/magazine_article/fried-preistraeger-2024-urs-allemann-verstorben/

Zum traurigen Anlass zwei Überschreibungen aus dem Band „im kinde schwirren die ahnen“ (Urs Engeler, 2008)

(Wenn Sie nicht gleich darauf kommen, welcher klassische Text überschrieben wurde, lesen Sie die letzte Zeile mehrmals, oder beim zweiten Text die letzten anderthalb Zeilen.)

schandvers/schlachtguide / überschreibung 1

küh zerfallen. hip gelln
frisst «muh».
winlallen? klippschelln.
früh nässt, puh!,
schaum deinen bauch.
ih! dröge: pein geigen. stimmknall – hä?
harte tour: schall (hä,
kuh?) test. you rauch.
selftee nes bebens / überschreibung 2

hit! selben dirnen zwänget
schund (doll: shit bilden, kosen...),
was stand – hin. genschnee,
tierdoldenspäne.
mundprunken (son müssen)
punktier, was raubt
sinn, s eilig-schüchterne, hasser!

he, stier, so zähm ICH (denn
res – spinnt er? – pisst), wie?, muhmen UND, oh!,
zehn nonnenstein, schwundgatten DER pferde?
sieh: bauern wehn –
brachlos, rund, alt, IM kinde
schwirren DIE ahnen.

Aus: Urs Allemann: im kinde schwirren die ahnen. 52 gedichte. Basel, Weil am Rhein: Urs Engeler, 2008, Text (Track) 36 und 41. Dem Buch liegt eine CD bei, auf der Urs Allemann alle Texte auf seine unnachahmliche weise vorträgt.

Kurze Gedichte

Konrad Berger

ABER WENN MAN ALLES GANZ ANDERS BETRACHTET

Oft hilft es, hinauszugehen
Hosen und ärmel blähen sich
Ich liebe eben kurze gedichte, sage ich geistesabwesend
Diese bedenkenlosen existenzen mit runden kanten
Muss es ein langsames gedicht sein?, fragt der horizont
Gleiche freiheit für alle!, rufe ich ungnädig
Der vormittag findet das überflüssig. der nachmittag
missbilligt es
Wir sprechen bis tief in die nacht
Ich habe jetzt einen eigenen rhythmus, antworte ich
Du schreibst schneller als vor drei jahren, murmelt die angst

Am nächsten tag fängt die diskussion wieder an
Danke, ich beginne mich zu langweilen

Aus: Konrad Berger: Das gesammelte Werk. Band 1 (Fussnote 010). Wien: fussnoten zur weltgeschichte, o.J., S. 14

POESIEALLEE: GEDICHTE FÜR FRIEDHÖFE

Düsseldorf, den 24.11.2024 / G&GN-NEUERSCHEINUNG! Die Anthologie „POESIEALLEE: GEDICHTE FÜR FRIEDHÖFE“ zu den Themen Trauer, Gräber, Friedhof, Sterben, Tod und Vergänglichkeit ist ab Totensonntag 2024 im Buchhandel erhältlich – mit 42 ausgewählten Gedichten von 13 Autor*innen: Marvin Chlada, Ulrich Jösting, Stan Lafleur, melamar, René Oberholzer, Tanja Lulu Play Nerd, Karin Posth, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Tom de Toys, Silke Vogten und Harald Sack Ziegler. Die Publikation soll interessierten Friedhöfen dienen, Varianten der Umsetzbarkeit dieser Idee für sich auszuloten und aus dem Pool von 42 Gedichten der 13 AutorInnen für speziell ihren konkreten Ort (wie z.B. Baumalleen, Denkmäler, historische Grabstätten) geeignete Texte für das Gelände zu entdecken. Künstlerisch begleitet werden die Gedichte vom Künstlerduo Stefan Heuer & Boris Kerenski mit je 1 Collage pro Schriftsteller*in. Poesiealleen auf Friedhöfen laden dazu ein, beim entschleunigten Flanieren lyrische Gedanken zu lesen, die Balsam für die Seele sind und den eigenen Reflexionsprozess heilsam unterstützen. Gedichte dienen hier als Spiegel menschlicher Gefühlszustände und holen den Grabbesucher in seiner Gemütsverfassung ab, zeigen ihm, dass niemand alleine ist mit seinen Fragen ans Leben.

Poesieallee: GEDICHTE FÜR FRIEDHÖFE – 42 Gedichte von 13 AutorInnen mit 13 Collagen von 2 Künstlern; mit: Marvin Chlada, Ulrich Jösting, Stan Lafleur, melamar, René Oberholzer, Tanja Lulu Play Nerd, Karin Posth, Sophie Reyer, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Tom de Toys, Silke Vogten, Harald Sack Ziegler, Stefan Heuer, Boris Kerenski

BoD Verlag 2024, 84 Seiten, 15 Euro, ISBN 9783759784742

Biografische Details: www.POESIEALLEE.de

Kostenlose Videobuch-Version (statt eBook): www.Poet2go.de

5 GEDICHTBEISPIELE AUS DER ANTHOLOGIE


Friedhofsgeflüster
© Marvin Chlada

Die Nacht war warm
Und wir liebten uns
Auf dem Grab Ihres
Vaters

Das Grab war noch
Frisch und unbepflanzt
Und die Erde etwas
Feucht

Als wir den Friedhof
Verlassen hatten
Drückte sie mich noch
Einmal an sich

Und flüsterte:

Er weiß warum
Er weiß es
Mit letzter Kraft
© René Oberholzer

Ein paar Blätter noch
Die sich festklammern
An einem dünnen Ast
Der sich festklammert
An einem dürren Baum
Der sich festklammert
An einem losen Boden
Der sich festklammert
An der Welt
weltformel
© Tanja Lulu Play Nerd

die toten sind alle mit uns
in der schönheit der natur
dem zarten sonnenstrahl
über der landschaft und
dem endlos weiten
blauen himmel
GEISTLOSE GRABREDE
© Tom de Toys

nicht die welt vergißt uns
sondern wir die welt
der tod ist dunkler als die nacht
und schwärzer als das all
das nichts ist nichts dagegen!
unser tod ist stärker
als der wunsch zu leben
unser sterben schwächer
als der tiefste schlaf
wir kommen aus dem wunder
und wir gehen in das wunder
in uns schreit die letzte frage:
WARUM GIBT ES
DAS GANZE ÜBERHAUPT?
aber das universum macht
einfach weiter es kennt
diese frage nicht
Was bleibt
© Silke Vogten

Ein Bild an der Wand
Ein Gefäß mit Asche weit hinten im Garten
Eine Stimme auf einer Mailbox
Eine Jacke und ein Pullover
die noch ihren Geruch tragen
schwächer werdend

Es bleibt
unfassbar