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Heute jährt sich der Geburtstag von Stanislav Kostka Neumann zum 150. Mal. Neumann war ein bedeutender tschechischer Dichter, Publizist und politischer Aktivist. Er war eine zentrale Figur der tschechischen Avantgarde und Anführer anarchistischer Gruppierungen um František Gellner, Fráňa Šrámek und Karel Toman. Er verwendete mindestens 25 Pseudonyme, darunter „Antikrist“, „Brutus“ und „Civis Bohemicus“.
Stanislav Kostka Neumann
(* 5. Juni 1875 in Prag; † 28. Juni 1947 ebenda)
Lied von 1915
Auf dem Kasernenhof
hilflos in Szeged
muß wie die Luft das Grau'n
an dem Platanenbaum,
Ungarns Luft, der Soldat, Muskot,
schlucken, der Tscheche.
In seiner Qual versucht
mit dem gebundenen
Leib am Platanenstamm
einmal die Krümmung der Mann
endlos hinunter zum Wasserkrug,
eine Sekunde.
Wie eine Blume hängt,
welk und geschändet,
unterm Platanenlaub
er auf die Brust das Haupt.
Lange Sekunden, die Stunde denkt
nie an ein Ende.
Ratlos die Augen irrn,
sehen verschwommen
durch das Platanengrün,
durch das verdammte Grün
Mauern und Fenster und Leute flirrn.
Glut haucht die Sonne.
Strudelnd verschluckt ein Loch
jetzt die Gestalten.
An der Platane, fahl,
lächelt mit einem Mal
tödlich erschöpft der Soldat, nur noch
vom Stamm gehalten.
Eine Sekunde weht
aus dem Geschick ihn
an der Platane dort
zu der Kastanie, fort
zu seiner Mutter; wie abgemäht
er in den Schoß sinkt.
Glück, nur ein Augenblick,
ehe sie kamen,
eh ihn das Wasser traf,
weckte noch aus dem Schlaf.
Gleichmütig zog ihn zurück der Strick
an die Platane.
Deutsch von Elke Erb, aus: Ludvík Kundera, Eduard Schreiber (Hg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 386f
Das Gedicht ist ein frühes Antikriegsgedicht, das in festem Strophenbau unter Verwendung antiker Versfüße – von Elke Erb versgetreu nachgedichtet – seinen bösen Inhalt entwickelt. Ein tschechischer Soldat der österreichisch-ungarischen Armee hängt an einer Platane, ist es Selbstmord? Oder eine sadistische Bestrafung? Hängt er am Strick an der Platane oder ist er zur Bestrafung daran gebunden? Ich vermute das erstere. Leider kann ich nicht Tschechisch, aber ich habe zumindest die Silbenzahl überprüft. Die zweite und sechste Zeile jeder Strophe verwenden den Adoneus, der in der sapphischen Odenstrophe den vierten Vers bildet: Daktylus plus Trochäus oder Spondeus: XxxXX. Ich lese das Gedicht als Beschreibung eines Selbstmordes oder Mordes, der Soldat hängt an der Platane, denkt noch einmal an die Mutter und wird dann von der Realität, vom Strick eingeholt. Im Adoneus! (Der vorige Satz ist selbst einer, ohne dass das geplant war).

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