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Uwe Greßmann
(* 1. Mai 1933 in Berlin; † 30. Oktober 1969 in Berlin)
An den Vogel Frühling
Daunen dringen aus dir.
Davon kommen die Blumen und Gräser.
Federn grünen an dir.
Davon kommt der Wald.
Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
Davon bist du so jung.
Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
Davon bist du so reich.
Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
Dich zu empfangen.
Da du sie eine Weile besuchst,
Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
In das sie der Winter gesperrt hat.
Und davon kommen die Sänger,
Die dich besingen.
Frühling, du lieblicher.
Du richtest den Kopf hoch.
Davon ist der Himmel so blau.
Und es wärmt uns alle dein gelbes Auge.
Und du siehst uns an.
Und darum leben wir.
Aus: Uwe Greßmann, Der Vogel Frühling. Gedichte. Mit Zeichnungen von Horst Hussel [und einem Geleitwort von Adolf Endler]. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1966 (2. Aufl. 1967), S. 63f.
Woher haben nur die Visionen des Lyrikers ihre Kraft? Sie werden wahrscheinlich gespeist von der Spannung zwischen einem „naiven“ Weltbild und der Beunruhigung des Dichters durch die Mitteilungen der modernen Naturwissenschaften. Das macht, glaube ich, die bedrängende Aktualität dieser Gedichte aus. Wir können sie „verstehen“, weil wir Menschen ebenso Anteil haben (noch) an den Vorstellungen der Höhlenbewohner wie an den Erkenntnissen, die uns aus den teuersten Laboratorien zufließen. Eine Erklärung – also doch keine Kapitulation! – des Kritikers, wird sie Greßmann annehmen?
Kürzlich, auf einer Bank am Hausvogteiplatz legte er mir dringlich nahe, daß es sich bei seinen Gedichten um Idyllen handle. Greßmann teilt seine Gedichte in zwei Hauptgruppen ein. Die ältere Gruppe ist den natürlichen Idyllen, der märkischen Landschaft, die jüngere den künstlichen Idyllen, der Großstadt Berlin gewidmet.
(Aus der Einleitung von Adolf Endler, a.a.O. S. 6)
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