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Veröffentlicht am 1. März 2025 von lyrikzeitung
Ernest Bryll
(* 1. März 1935, heute vor 90 Jahren, in Warschau; † 16. März 2024 ebenda)
Seit Jahrhunderten lügt man uns ein Griechenland vor –
weiß und edel, wie der Mäander von Platos Reden,
strotzend von Säulen, die nur geborsten, daß sie sich
schöner ausnehmen in den Skizzenheften der Damen.
Nichts vom Gestank der Leber – züchtig
wie eine ältliche Jungfer zwickt der Geier Prometheus.
Nichts von unziemlicher Geilheit – Zeus berührt
Europa kaum mit dem Horn.
Ehrwürdige Landschaft,
wo Sokrates starb, um dem Gesetz Genüge zu tun.
Heimat des Goldenen Schnittes und dorischer Ordnung,
noch mit Demosthenes, dem man schon so viel Steine
an Sinnsprüchen in den Mund gelegt, daß nicht Zeit bleibt,
seiner Gedanken sich zu erinnern...
Alle Verbrechen sorgsam getrocknet,
glatt gepreßt in den Nachschlagewerken. Blut allenfalls,
um Leidenschaft in die Kommentare zu bringen.
Süßer als Ambra die Luft – der drakonische Tod
für den Raub eines Apfels ins fade Stichwort verbannt.
Gehäutet
vom felldicken Ocker, vom rohen Azur stehen
die Tempel, zur Würde strenger Regeln erhoben,
in unsrem Gedächtnis so überaus makellos
wie vielbeiniger Tiere uninteressantes Skelett.
Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: POLNISCHE LYRIK AUS FÜNF JAHRZEHNTEN. Hrsg. v. Henryk Bereska u. Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, 2. Aufl. 1977, S. 389
Kategorie: Polen, PolnischSchlagworte: Annemarie Bostroem, Ernest Bryll
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