Für alle, die mich nicht lesen

Vicente Aleixandre 

(* 26. April 1898 in Sevilla; † 14. Dezember 1984, heute vor 40 Jahren, in Madrid)

FÜR WEN SCHREIBE ICH
I

Für wen schreibe ich? so fragte mich der Chronist, der
Journalist oder ganz schlicht der Neugierige.

Ich schreibe nicht für den Herrn im vornehmen Jackett,
nicht für seinen verärgerten Schnurrbart, nicht einmal
für seinen erhobenen tadelnden Zeigefinger in
den traurigen Wellen der Musik.

Auch nicht für die Reisekutsche noch für ihre verborgene
Dame (hinter Scheiben, wie ein eisiger Strahl der
Glanz des Lorgnons).

Ich schreibe für die vielleicht, die mich nicht lesen. Für jene
Frau, die durch die Straße läuft, als wollte sie die
Tore dem Frührot aufschlagen.

Oder jenen Alten, der auf der Bank des winzigen Platzes
einnickt, während ihn die Abendsonne liebevoll berührt,
ihn umfängt und sanft in ihrem Licht auflöst.

Für alle, die mich nicht lesen, die sich nicht um mich
kümmern, sich aber vor mir in acht nehmen (obwohl
sie mich nicht kennen).

Dieses Mädchen, das im Vorübereilen mich anschaut.
Gefährtin meines Wagnisses, in dieser Welt zu leben.

Und diese Alte, die, vor ihrer Tür sitzend, Leben
erfahren hat, fruchtbar von vieler Leben, von
müden Händen.

Ich schreibe für den zärtlich Verliebten; für ihn, der
mit seiner Qual in den Augen vorüberging; für den,
der ihn nicht anhörte; für den, der im Vorüber, nicht
hinsah; für ihn, der schließlich umfiel, da er fragte
und den man nicht hörte.

Für alle schreibe ich. Für die vor allem, die mich nicht lesen.
Einen um den andern und die Menge. Und für die
Brüste und für die Münder und für die Ohren, wo,
ohne mich zu hören,
mein Wort ist.

Deutsch von Erich Arendt und Katja Hayek-Arendt, aus: Poesiealbum 131. Vicente Aleixandre. Auswahl Richard Pietraß. Berlin: Neues Leben, 1978, S. 30f

PARA QUIÉN ESCRIBO

I

¿Para quién escribo?, me preguntaba el cronista, el periodista
o simplemente el curioso.

No escribo para el señor de la estirada chaqueta, ni para su
bigote enfadado, ni siquiera para su alzado índice admonitorio
entre las tristes ondas de música.

Tampoco para el carruaje, ni para su ocultada señora (entre
vidrios, como un rayo frío, el brillo de los impertinentes).

Escribo acaso para los que no me leen. Esa mujer que corre
por la calle como si fuera a abrir las puertas a la aurora.

O ese viejo que se aduerme en el banco de esa plaza chiquita,
mientras el sol poniente con amor le toma, le rodea y le
deslíe suavemente en sus luces.

Para todos los que no me leen, los que no se cuidan de mí,
pero de mí se cuidan (aunque me ignoren).

Esa niña que al pasar me mira, compañera de mi aventura,
viviendo en el mundo.

Y esa vieja que sentada a su puerta ha visto vida, paridora
de muchas vidas, y manos cansadas.

Escribo para el enamorado; para el que pasó con su angustia
en los ojos; para el que le oyó; para el que al pasar no miró;
para el que finalmente cayó cuando preguntó y no le oyeron.

Para todos escribo. Para los que no me leen sobre todo escribo.
Uno a uno, y la muchedumbre. Y para los pechos y para las
bocas y para los oídos donde, sin oírme,
está mi palabra.

Vicente Aleixandre gehörte zur Generation von 1927. 1977 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

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