Ode auf Thomas Chatterton

Heute vor 271 Jahren wurde Thomas Chatterton (* 20. November 1752 in Bristol; † 25. August 1770 in London) geboren. Obwohl er nicht einmal 18 Jahre alt wurde, hinterließ er ein erstaunliches Werk. Hier aus einem alten Lexikon.

Chatterton (Tchättertn) Thomas, geb. 1752 zu Bristol, Sohn eines Dorfküsters, gab als Jüngling vorgeblich alte Gedichte heraus, die er selbst gedichtet hatte; er betrog damit den Minister Horace-Walpole und verlor dessen Schutz, als er die Täuschung erfuhr. Nun ging C. zur Oppositionspresse über, verfaßte politische satirische Gedichte und hätte seine Feder gerne den Meistbietenden verkauft; dies gelang jedoch nicht, C. gerieth in die peinlichste Noth und vergiftete sich 1770 halb verhungert. Seine Gedichte zeichnen sich durch Einfachheit und Kraft aus und bei anderem Charakter und Schicksale wäre C. einer der großen engl. Dichter geworden.

Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 71-72. Permalink:http://www.zeno.org/nid/20003268071

Mehr davon im Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Chatterton,_Thomas

Im 20. Jahrhundert widmete Johannes Bobrowski dem Dichter eine sapphische Ode. Sie wirkt auf den ersten Blick vielleicht kompliziert mit den verschachtelten Satzgefügen, zahlreichen Einschüben sowie Zeilensprüngen zwischen den Versen und Strophen, aber wenn man ein bisschen übt und streng an jedem Zeilenende eine (kleinere oder größere) Pause macht, merkt man eine nachhaltige (nachhallende) rhythmische Spannung. (Wer die Form nicht gewöhnt ist, könnte zu einer kleinen Übung greifen und hintereinander die letzte Zeile aller Strophen lesen, zum Reinhören.) Mir macht das heute noch genausoviel Spaß wie beim ersten Lesen vor Jahrzehnten, seufz.

Johannes Bobrowski

ODE AUF THOMAS CHATTERTON

Mary Redcliff, rot, ein Gebirge, unter 
deinen Türmen, unter der Simse Wirrung 
und den Wänden, steilem Geschneid der Bögen, 
träufend von Schatten ...

aufwuchs hier das Kind, mit dem Wort allein wie 
mit den Händen, ratlos; ein Nächtewandler 
oft: der stand auf hangender Brüstung, schaute 
blind auf die Stadt hin,

schwer vom Monde, wo sich ein Gräber mühte 
seufzend im Gelände der Toten –, rief die 
hingesunkne Zeit mit verblichnen Namen.
Ach, sie erwachte

nie doch, da er ging, in der Freunde Stimmen 
Welt zu finden, in seiner Mädchen sanfter 
Schläfenschmiegung, da er in schmalen Stuben 
lehnte das Haupt hin.

Nie mehr nahte, da er es rief, das Alte.
Nur der Zweifel, einziges Echo, flog im 
Stiegenknarren stäubend, im Klang der Turmuhr 
eulenweich auf nur.

Hinzusprechen: daß er verging so, seine 
dämmervollen Lieder – Wir zerren immer, 
täglich ein Undenkliches her, doch was wir 
hatten der Zeit an,

immer gilt's ein Weniges, das Geringste, 
den und jenen rührend: dann einmal ist's ein 
Baum, ergrünt, ein zweigendes, tausendfaches, 
rauschendes Laubdach;

Schatten wohnt darunter –, der schattet nicht die 
schmale Spur Verzweiflung: dahingefahren, 
falber Blitz, wo kaum ein Gewölk stand, in die 
Bläue gekräuselt,

über jener Stadt, die in Ängsten hinfuhr, 
Bristol, da der Knabe gesungen, draußen 
an dem Avon, wo ihn der Wiesentau noch, 
endlos noch kannte.

Ach, die Eulenschwingen der Kindheit über 
seinen Schritten, da er in fremden Straßen, 
bei der Brücke fand unter wind'gem Dach ein 
jähes Umarmen

und den Tod; der kam wie ein Teetrunk bläßlich, 
stand am Tisch, in raschelnde Blätter legend, 
auf die Schrift den knöchernen Finger, «Rowley» 
las er, «Aella».

Das Gedicht entstand am 9.4.1955, es erschien in Bobrowskis zweitem Gedichtband, Schattenland Ströme (1962/63). Aus: Johannes Bobrowski, Die Gedichte (Gesammelte Werke Bd. I). Berlin: Union Verlag, 1987, S. 103.

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