14. Verluste

In äußerst konzentrierter Form widersetzt sich das lyrische Ich darin dem immer häufiger aufkommenden Schmerz des Verlustes von Freunden und Seelenverwandten. Im Fall des 2009 verstorbenen Dichterfreundes Gert F. Jonke heißt es:

„ich traf zuletzt ihn in der Strasze, er/ war in Eile, eilte fort. Dahin der grosze Dichter. Ich winke ihm nach.“

Auch mit dem 2005 verstorbenen Lyriker Thomas Kling – „dieser raue und zärtliche Held“ – wird in poetischer Trauerarbeit kommuniziert:

„Liebling des Gesanges sein Aventüre Leben nämlich schlenkerte mit den/Armen / overdressed die Natur indessen unbeweint werde ICH sein/ o du prophetische …“

Der einstige Herz- und Hand-Gefährte Ernst Jandl hingegen ist ungenannt in allen Versen präsent. Derart verlassen – „keine Antwort fast 9 Jahre dasz er aufgehört hat zu sprechen“ -, durchlebt das schreibende Ich das Alter als Einsamkeitshölle. / Carola Wiemers, DLR

Friederike Mayröcker: dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif – Gedichte 2004-2009
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
356 Seiten, 22,80 Euro

7 Comments on “14. Verluste

    • ist aber von Elke Erb, bedank dich bei ihr! Gruß, Michael

      Elke Erb

      Mitteilen

      Schneide ich etwa Feenfleisch aus
      und lege es auf die Teller?

      Und wird es von Feenfüchsen
      im hindernislosen Mondlicht

      (die auf die Stühle springen
      am runden Tisch, bei Messer und Gabel
      aufs weiße Tischtuch die vorderen
      Füße aufstützen)

      beschnuppert, bevor
      Meinesgleichen dran kaut?

      Elke Erb: Sachverstand. Basel u.a.: Urs Engeler Editor 2000, S. 24.

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  1. Mit Verlaub: sagen Sie nie, zum Beispiel, einfach mal: Heut ist ein schöner Tag? Oder müssen Sie das auch gleich begründen, am Besten mit Belegstellen aus der eigenen Erfahrung oder Vergewisserungen in der Tradition des Erlebens von Tagen?
    Mayröcker ist groß, unbestritten. Aber darum ging es natürlich nicht. Wie auch nicht darum, speziell Frau Wiemers zu diffamieren. Wie könnte ich?
    Nur ist eben ein isolierter Satz — und mehr steht nun mal nicht in dem Beitrag — wie „ich traf zuletzt ihn in der Strasze, er/ war in Eile, eilte fort“ nun bei Weitem nicht eines der Nonplusultren von Poesie. Zumindest nicht diesseits der Atmosphäre. Dass man darüber dann hier ein Lehrerzimmer aufmachen soll … Nunja.
    „Das ganze Gedicht damit treffen“??? Wie kommen Sie auf so etwas. Adieu.

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    • Ach Herr Winkler, Verlaub oder nicht: wenn ich zB sage „Heute ist ein schöner Tag“, sind Sie wahrscheinlich nicht dabei. Sollte ichs etwa hier tun? Nö. Wollte ich Sie damit treffen? Wie kommen Sie auf so etwas? Meinungen, Aussagen, mit Verlaub, interessieren mich nicht so sehr. Eine Aussage ist eine Aussage, sonst nichts. Was ich Ihnen vorschlagen wollte, war eine Versuchsanordnung: das ist etwas, das mir Spaß macht, Lehrerzimmer hin, Klassenraum her. Da gehts nicht um Belegen, sondern um Fragen stellen. Schneide ich etwa Feenfleisch auf und lege es auf die Teller?

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  2. Pingback: 23. »Letternmusik, ein drama giocoso« « Lyrikzeitung & Poetry News

  3. Lieber Ron Winkler,
    jener Anonymus neulich hatte Sie ja aufgefordert, jeden Text zu dekonstruieren. Ach wenn Sies nur täten! Dekonstruktion, wie „ungerecht“ auch immer, führt in jedem Fall weiter als das allseits beliebte Herauspflücken eines Zitätchens aus einem Kontext, um eine These, oder auch nur eine Stimmung, mit dem Splitter zu belegen. Was soll denn mit Ihrem mit Bedauern, leider, vorgetragenen Seufzer gesagt sein? Hier machen Sie etwas, was der auch von Ihnen gelobte Bertram Reinecke an den von ihm angesprochenen Kommentaren (einzelnen Stellen davon!) kritisiert und selber kein einziges Mal tut, eine unbewiesene, unbeweisbare apodiktische Aussage vortragen, als wär damit etwas gesagt. Die letzte Erinnerung an Gert Jonke und die Apostrophierung des schon vor vielen Jahren gestorbenen Thomas Kling, „dieser raue und zärtliche Held“ seien unglaublich banal. Nur die Bruchstücke, oder wollen Sie wirklich das ganze Gedicht damit treffen? Nicht daß man das nicht können sollen dürfte: Tun Sies doch, dekonstruieren Sie es mal. Selbst in bösartigster Absicht (die ich Ihnen keineswegs unterstelle: es wär doch eine Versuchsanordnung) käme mehr heraus als in Ihrem Stoßseufzer. Es wäre ein Kommentar denkbar, der so boshaft verfälschend ist, daß man bei jedem Satz rebelliert: aber wenn er nur dekonstruierend verfährt, also nicht nur den Splitter zitiert, der einem vielleicht gerade in den Kram paßt, sondern den Text ausführlich, am besten vollständig, Zeile für Zeile Wort für Wort, wäre die Poesie vollständig anwesend. Beide Texte kommentierten sich selbst: mal sehn wer länger hält. Ich hab eine Vermutung, welcher das wäre. Zugleich aber: wenn ich Zeit hätte, ich würde gern einen solchen bösartigen Kommentar probieren. Idee: eine Mayröcker-Hommage aus lauter bösartigen Verrissen der unterschiedlichsten Strickart. Gleichzeitig Leseübung und Theorieübung für Studenten. Ohne den seriösen Anspruch (Anstrich?), den solche Unternehmen sonst haben, woran sie ja vielleicht scheitern.
    Dekonstruktion aber, um noch mal darauf zurückzukommen, mißtraute ja jeder Festlegung: doch wohl auch, oder zuallererst? der eigenen, den pluralen eigenen. Aha, ich finde das peinlich. Warum eigentlich? Was genau ist an der Anrede der alten Dichterin an den schon damals viel jüngeren Dichter peinlich, kitschig, banal, klischeehaft? Allein diese Aufzählung zwänge mich zum Sortieren meiner Anmutungen. Vor allem aber müßte ich mich, egal was meine Text- und Selbstüberprüfung ergäbe, natürlich fragen, wie dieser Passus zu den anderen Teilen des Gedichts steht. Ist es nicht die Bauart der Mayröckerschen Texte, Zitate, Traumsequenzen, Wortspiele, Alltagsbruchstücke, alles mögliche hineinzumengen, lauter Fetzen aus Hölderlin Derrida Traum Zufallsbeobachtung, das in der Mischung, in der Interferenz der Bestandteile jene charmante Poesie ergibt, die ihre Leser an ihr schätzen?
    In dem Zusammenhang ein Kommentar zur Meldung 177, Wulf Segebrecht über Mayröcker. Mich wundert, daß das keiner kommentiert hat:

    „Sehr merkwürdig: Alle Leser, Dichterkollegen und Literaturkritiker, die sich über die Gedichte Friederike Mayröckers geäußert haben, sind begeistert und hingerissen, aber sie sind zugleich zutiefst irritiert. Sie bewundern und lieben ihre Gedichte und bekennen doch zugleich, dass sie sie überhaupt nicht oder allenfalls nur ansatzweise verstehen. Die äußerste Faszination und die äußerste Befremdung gehören offenbar zusammen, wenn man Mayröckers Gedichte liest.“

    Irritiert? äußerst befremdet? „Alle Leser, Dichterkollegen und Literaturkritiker“?? Ich zB bin nur das erste von den dreien, aber Leser ja schon. Nicht im Traum hätte ich beim Lesen derartiges empfunden! Gerade das, was Segebrechts „alle“ in die Irritation stürzt, begeistert mich, zieht mich in den Maelstrom. – Was versteht der eigentlich unter „Verstehen“? Müßte man auch mal demonstrieren. (äh, dekonstruieren, meinte ich).
    – (Übrigens erinnere ich mich, daß Theo Breuer in seinen Lyrikstationen,
    101. Lyrikstationen 2009 (4)
    Ähnliches sagt. Wären wir schon zwei Leser. Ach, es gibt noch etliche mehr: einige davon wurden hier zitiert: klicken Sie auf Mayröcker in der Schlagwortwolke!)

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